Verzicht auf V12 und Turbo: Ferrari bringt Elektro-Crossover im Apple-Stil
Weg von der reinen Sportwagenmarke: Mit dem «Luce» bringt Ferrari einen Elektro-Crossover, der nichts mit den Sportwagen der Marke gemein hat und dem man den Stil von iPhone-Designer Jony Ive ansieht.
«Sie werden nie einen Ferrari mit Elektroantrieb sehen!» Worte von Luca di Montezemolo, die bis heute nachhallen. Der Adlige war bis 2014 insgesamt 23 Jahre lang am Ruder in Maranello und prägte die Entwicklung der Sportwagenmarke, wie außer ihm wohl nur Enzo Ferrari selbst: Mit F50, 550 Maranello, 458 Italia und Enzo fallen Ikonen in die Ägide des Bolognesers, zudem die größten Markenerfolge in der Formel 1. Gleichzeitig war di Montezemolo Verfechter künstlicher Verknappung: höchstens 3000 Exemplare sollten die Werkhallen in der Emilia-Romagna ursprünglich verlassen, um die Exklusivität der Marke nicht zu gefährden. Auch einen SUV mit dem springenden Pferd auf der Motorhaube lehnte der Ex-Präsident strikt ab.
Inzwischen werden jedes Jahr mehr als 13.000 Ferrari ausgeliefert – der V12-SUV Purosangue ist dabei unter den beliebtesten Modellen. Und am Pfingstmontag fiel auch das letzte vom heute 78-Jährigen aufgestellte Tabu: Mit dem «Luce» präsentierte Ferrari das erste rein elektrisch betriebene Fahrzeug seiner Geschichte. Das Modell kommt in einer Zeit, in der Elektroautos im Luxussegment den ersten Hype hinter sich haben und selbst Vorreiter wie Mate Rimac ihre Aufmerksamkeit auf analoge Technik konzentrieren. Für die Gestaltung des vor vier Jahren als «Elettrica» angekündigten ersten Fünfsitzers der Markengeschichte sicherten sich die Italiener die Dienste von LoveFrom, der Firma von Ex-Apple-Designer Sir Jony Ive. Der Engländer, der über die Gestaltung der modernen Macs, iPads und iPhones modernen Medienkonsum maßgeblich mitprägte, gestaltete ein Crossover, mit dem Design der aktuellen Ferrari-Palette nahezu nichts gemein hat und so klar gestaltet ist, wie sich mancher das totgeborene Apple-Car vorgestellt hätte. Lediglich die vier runden Rückleuchten zitieren die Lampenform, wie sie jahrzehntelang in Maranello üblich war. Auch im Innenraum brechen die Italiener mit Gewohnheiten der Marke: Eine Mischung aus Touch- und Tastenbedienung, teils bewegliche OLED-Tabletts und animierte Rundinstrumente mit Anklängen an Ferraris der 60er-Jahre kommen zum Einsatz.
Als «neues Kapitel» bezeichnet Ferrari-Präsident John Elkann den Luce. Dieser steht auf einer eigenen Plattform aus recyceltem Aluminium, Strangpressprofilen und Hohlgussteilen und beinhaltet den Akku, der 122 kWh fasst, als strukturell tragendes Teil. Dieser soll sich mit bis zu 350 kW laden lassen und nach WLTP-Norm für 530 Kilometer Reichweite ausreichen. Die Karosserie besteht ebenfalls größtenteils aus Alu, das gesamte 5,03 Meter lange Fahrzeug kommt so auf ein Gesamtgewicht von 2260 Kilogramm. Trotz der vergleichsweise hohen Front soll der cW-Wert der beste sein, mit dem ein Serien-Ferrari bislang aufwarten konnte. Nach vorn getrieben wird das Gewicht von vier E-Motoren, je einer pro Rad und mit einer 800-Volt-Architektur. 210 kW stehen an der Vorder-, und 620 kW an der Hinterachse an, 772 kW als Systemleistung. 1.050 PS macht das nach konventioneller Rechnung, die in 2,5 Sekunden von 0 auf 100 km/h zerren, in 6,8 Sekunden von 0 auf 200. Bei 310 km/h Spitzengeschwindigkeit ist Schluss. Als Highlight nennen die Italiener ein Soundmodul, das den Klang des E-Antriebs einfangen soll. Dessen Entwicklung bezeichnet Ferrari als «eine der faszinierendsten und komplexesten Unterfangen in der jüngeren Firmengeschichte.» Allein in die Soundentwicklung seien fünf Jahre Entwicklung und 40.000 Testkilometer geflossen. Ein Sensor fängt dabei die Soundwellen des E-Antriebs ein und reiche sie an den Fahrzeuginnenraum weiter. Ein Mechanismus, den Ferrari mit dem Wirkprinzip eines E-Gitarren-Verstärkers vergleicht.
Damit wollen die Italiener authentischen Antriebsklang wiedergeben, so wie im Rest der Modellpalette kreischende V12-Saugmotoren, V8- und V6-Biturbo-Hybride den Auftritt von 296 GTB, 849 Testarossa, Purosangue und Co. dominieren. Ob die solvente Ferrari-Kundschaft derlei Experimente annimmt, wird interessant zu sehen sein – auch für die Richtung, die die ehemals reinrassige Sportwagenmarke künftig einschlägt.
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