Formel 1
Kolumne
Der andere Bellof wird 70: Happy Birthday, Georg «Goa» Bellof
Der Bruder von Stefan Bellof feiert am 5. Juni 2026 seinen 70. Geburtstag. Für Stefan verzichtete der zweimalige Kart-Champion und F3-Pilot auf die Fortsetzung der eigenen Rennkarriere.
Die Entscheidung, «All In» auf Stefan Bellof zu setzen, war für George «Goa» Bellof, den älteren Bruder zwar schmerzlich, erwies sich aber schon bald als goldrichtig. «Mein Problem war die relativ lange Anlaufzeit, während Stefan von der ersten Sekunde an schnell war. Diese Erkenntnis floss in den Entschluss des Familienrats mit ein. Stefan war ja 1980 schon in der Formel Ford 1600 angekommen und hat den Jungs dort gezeigt, wo's lang geht.»
Immerhin hatten die Bellof-Brüder zwischen 1974 und 1978 den Kartsport dominiert und wechselweise Titel in der Kart-DM gewonnen. «Wir haben 1973 zusammen im Kart angefangen, Stefan fuhr anfangs bei den Junioren, ich schon bei den Senioren. Ab 1974 waren wir schon direkte Konkurrenten in der derselben Klasse.»
Auf die gemeinsame Zeit im Kartsport blickt «Goa» (so nennen ihn seine Freunde) mit einem Schuss Wehmut zurück. Wie überhaupt die Gedanken an Stefan für ihn immer noch ein Wechselbad der Gefühle mit sich bringen. Wir lassen ihn einfach mal erzählen.
«Die Kartbahn von Oppenrod war praktisch vor unserer Haustür und wurde zum Dreh- und Angelpunkt all unserer motorsportlichen Aktivitäten. Wenn andere in der Kneipe saßen, waren wir eben in Oppenrod. Stefan und ich fuhren anfangs zu Euro-Kart nach Otzberg und jeder suchte sich ein Renngerät aus. Natürlich bekamen wir das nicht geschenkt, sondern mussten je ca. 1000 DM, nach heutiger Währung etwa 500 € blechen. Erspart vom Taschengeld.»
«Anfangs war nicht erkennbar, wer von uns der Bessere ist. Bei Stefan fiel mir lediglich auf, dass er immer sofort volles Rohr durchs Feld tobte und auch so manche Böschung mit in die Strecke einbezog. Unsere Gegner bei den internationalen EM/WM-Kart-Rennen hießen Felice Rovelli, Alain Prost, Corrado Fabi, Elio de Angelis, Andrea de Cesaris und Beppe Gabbiani. Ab 1976 kam in der WM auch noch Ayrton Senna dazu.»
«Rückblickend betrachtet waren unsere sechs gemeinsamen Kart-Jahre eine irre Zeit, es wurde viel gelacht und viel Blödsinn gemacht. Den meisten Unfug inszenierte sowieso Stefan, und auch sein lautes, herzliches Lachen übertönte schon damals alles. Jeder von uns hat sicher über 40 Siege eingefahren und zum Schluss waren wir schon eine eigene Hausmacht im Kart.»
«Nach dem Gewinn der Kart-DM 1978 entschloss ich mich für ein Formel 3-Lehrjahr bei Bertram Schäfer, während Stefan noch zwei Kart-Jahre drangehängt hat. Unsere Wege trennten sich dann rennmäßig endgültig, als ich ganz aufgehört habe mit der Rennerei und Stefan ab 1980 seine Traum-Karriere startete über die Formel Ford, Formel 3, Formel 2 und weiter wie bekannt.»
«Unser Vater, einer der Mitbegründer der ONS-Rennstrecken-Rettungsstaffel, leider 2019 mit 94 gestorben, war anfangs immer dabei, hat uns Buben überall hingefahren und sich sehr engagiert mit den Konkurrenten und den Sport-Oberen auseinandergesetzt. Gelegentlich erklärte er dem einen oder anderen Rennleiter auch schon mal den Gebrauch der blauen Flagge.»
Nachdem das Kapitel Rennsport für Goa Bellof geschlossen war, konzentrierte er sich fortan auf seinen Beruf als Zahntechniker, begleitete Stefan aber noch so oft es ging zu dessen Rennen in der Formel Ford, Formel 3 und F2 sowie den Sportwagen-Einsätzen. «Obwohl es wehtat, selbst nicht mehr fahren zu können, war sein rasanter Aufstieg für uns alle wie ein Traum, jedes Wochenende neu.»
Am 1. September 1985 endete dieser Traum jäh: Stefan verunglückte beim Sportwagen-WM-Lauf in Spa in der Eau-Rouge tödlich. Elf Jahre später traf den älteren Bruder der nächste Schicksalsschlag – seine Frau Uta, mit der er 14 Jahre verheiratet war, verlor den Kampf gegen den tückischen Krebs.
«Das musst du alles erst mal wegstecken», sagt Goa, der trotz aller Tiefschläge sein Leben gemeistert hat. Jetzt feiert er seinen 70. Geburtstag und hat statt als Rennfahrer eben als Geschäftsmann Karriere gemacht.
In seiner Heimatstadt Gießen besaß der Zahntechniker-Meister sein eigenes Dental-Labor und noch immer nennt er einen Getränke-Großmarkt und einen Supermarkt sein Eigen. Deren Gebäude ließ er übrigens auf dem Gelände des ehemaligen Karosserie- und Lackierbetriebs der Familie errichten.
So nebenbei nahm er noch für fast zehn Jahre ein Engagement bei Porsche als Instruktor bei Fahrtraining-Events der Zuffenhausener Sportwagen-Kundschaft an. Trotzdem blieb noch genug Zeit, um seiner Golf-Leidenschaft (heute Handicap 10, früher sogar noch besser) nachzugehen.
Seine Kinder, zwei Töchter (42 und 39) und ein Sohn (28) sind längst aus dem Haus und haben ihr eigenes, erfolgreiches Leben. Gelegentlich hat Goa noch Kontakt zu früheren Rennsport-Weggefährten seines Bruders wie etwa Franz Tost, Porsche-Techniker Klaus Bischof oder Brun-Teammanager Peter Rheinisch. Der ebenfalls enge Kontakt mit Ex-Porsche-Sportmanager Manfred Jantke ist leider abgerissen – aus unbekannten Gründen sei er weder telefonisch noch sonst irgendwie «plötzlich nicht mehr erreichbar».
Der Rennsport hat Goa Bellof bis heute nie so richtig loslassen. So schaut er sich im TV regelmäßig die Rennen der MotoGP, DTM, Formel 1 und WRC-Läufe an.
Schlusswort eines heute in sich ruhenden Ex-Sportlers: «Meine Einstellung zum Leben hat sich seit Stefans Tod und dem Ableben meiner Frau sowie meines Vaters und kurz darauf auch meiner Mutter grundsätzlich geändert. Ich freue mich über jeden Tag, an dem ich einigermaßen gesund aufwache und genieße meine Zeit im Alter.»
Bleibt mir nur zu sagen: Happy Birthday, mein Lieber, alles erdenklich Gute und behalte dir dein fröhliches Wesen samt der positiven Lebenseinstellung. Es war mir ein Vergnügen, diese Zeilen zu deinem 70. zu schreiben, denn die Verbindung zu Stefan lebt in dir genauso wie in mir weiter. Und jetzt lass‘ krachen bei deiner Geburtstags-Party mit dem trefflichen Motto «70 Jahre, 70 Gäste».
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