Le Mans-Legende Gijs van Lennep: «Da kann Max Verstappen nichts machen»
Mit 84 Jahren hat Gijs van Lennep ein waches Auge auf die Formel 1 behalten. Der zweifache Le Mans-Sieger schätzt die Situation seines niederländischen Landsmannes Max Verstappen ein.
Als der Niederländer Gijs van Lennep Hauptdarsteller unseres Rätsels Racing-Raritäten war, habe ich geschrieben: «Er holte im Langstreckensport nach, was ihm in der Formel 1 verwehrt geblieben ist." Dies war ein Hinweis auf die magere Ausbeute im GP-Sport, dafür gewann van Lennep zwei Mal in Le Mans, 1971 und 1976, beide Male mit Porsche.
Van Lennep ist inzwischen 84 Jahre alt, aber er hat den Motorsport nie aus den Augen gelassen. Gegenüber unseren Kollegen der niederländischen motorsport.com kritisiert er die neue Formel 1.
Van Lennep sagt: «Normalerweise schaue ich immer noch gerne zu, aber momentan eben nicht. Ich bin nicht zufrieden damit. Als Fahrer ist man nie zufrieden mit diesem blöden System. Oder, eigentlich drücke ich mich falsch aus… zu viel politisches System. Das ist es einfach: Politik.»
«Grün, grün, grün. Immer mehr elektrisch. Ja, dann kann man nicht mehr fahren. Wenn der Akku leer ist, funktioniert das Auto nicht. Ich habe heute Morgen in der Zeitung gelesen, dass sie etwas dagegen unternehmen wollen. Aber natürlich können sie nur wenig tun. Also bringt das auch nicht wirklich was.»
«Dann darf man wohl etwas mehr laden, glaube ich. Oder später etwas schneller. Keine Ahnung, es ist zu kompliziert geworden. Für die Fahrer ist es auch zu kompliziert. Man beschäftigt sich nicht mehr mit dem Fahren, sondern mit dem Energie-Management. Also bin ich nicht zufrieden damit, und Max natürlich auch nicht. Und wenn die Geschwindigkeitsunterschiede zu gross sind, ist es auch noch gefährlich. Also stimmt das alles einfach nicht mehr.»
Van Lennep erkennt, wie Max Verstappen die Hände gebunden sind: «Wenn Max kein siegfähiges Auto hat, dann kann er machen, was er will, aber dann kann auch er nicht gewinnen.»
«Oder besser gesagt – Verstappen müsste einen Rennwagen haben, den er so bewegen kann, wie es für ihn am besten ist. Denn natürlich trägt der Fahrer sehr viel bei. Aber jetzt kann er eigentlich nichts machen, mit einem Auto, das wenig taugt, und mit einem Motor, von dem wir nicht genau wissen, wie gut der ist.»
Gijs van Lennep vergleich das Rennfahren Anfang der 70er Jahre mit jenem 50 Jahre später: «Wir hatten es einfach. Wir haben am Stabilisator, dem Reifendruck und dem Sturz der Räder gearbeitet, und dann war so gut wie fertig. Aber jetzt sitzen sie zu zwölft am Computer und analysieren Daten.»
Das ist Gijs van Lennep
Jonkheer Gijsbert (kurz: Gijs) van Lennep wurde als Adeliger geboren. Jonkheer ist in den Niederlanden und Belgien das Prädikat für den so genannten untitulierten Adel, für Adelige also, die keinen Titel führen dürfen.
Diese niedrigste Stufe des Adels hat nur das Recht, den Zusatz "von" im Namen zu führen, abgesehen davon entsprechen die Rechte dem Bürgertum. Die Zugehörigkeit zum untitulierten Adel kann auf ganz unterschiedliche Art und Weise entstehen – durch Abstieg, also Verlust von Titel durch Urteil, Armut oder Unglück; oder durch Aufstieg, durch Erhebung eines Bürgers in ein Amt wie des Herolds.
Gijs folgte der klassischen Rennsportleiter der 50er Jahre – Formel V, Formel 3, gleichzeitig wurde der gelernte Speditionskaufmann zu einem der besten Sportwagenfahrer des Landes und siegte regelmässig mit einem Porsche Carrera 6. Seine Einsätze waren so eindrucksvoll, dass Porsche die Weichen stellte, um ihn in einen der mächtigen 917 zu setzen. Höhepunkt: 1971 gewann er mit Dr. Helmut Marko die 24 Stunden von Le Mans.
Der Sieg hing am seidenen Faden. Van Lennep erinnert sich: «Wir fuhren das Experimental-Chassis aus Magnesium. Auch neu waren die gelochten Bremsscheiben. Die Langheck-917 unserer Porsche-Stallgefährten waren deutlich schneller, hatten aber alle Probleme. Um vier Uhr früh lagen Helmut und ich in Führung. Alles lief super, bis vier Stunden vor Schluss. Da entstanden Risse in den Bremsscheiben. Unser Team-Manager erklärte uns: ‘Bremst halt weniger.’ Und so haben wir den Wagen wie ein rohes Ei ins Ziel getragen. Wir schlichen nur noch herum. Unser Glück war, dass auch die Autos der direkten Gegner angeschlagen waren.»
Der Distanzrekord von Marko/van Lennep – 5335 Kilometer mit einem Schnitt von 222 km/h – sollte bis ins Jahr 2010 Bestand haben.
Eine ganze Weile fuhr van Lennep zweigleisig – Einsitzer und Sportprototypen. 1972 wurde er europäischer Formel-5000-Meister. 1973 gewann er an der Seite von Herbert Müller die Targa Florio.
1974 wurde van Lennep zusammen mit Müller Le-Mans-Zweiter hinter dem Matra von Henri Pescarolo und Gérard Larrousse, 1976 gewann der den Langstreckenklassiker ein zweites Mal, nun an der Seite von Jacky Ickx, in einem Porsche 936. Van Lennep selber hat diesen Sieg immer als den grössten seiner Karriere bezeichnet.
Aber auch dieser Triumph war nicht frei von Drama. «Wir hatten ein Problem mit der Einspritzpumpe, Jacky musste am Rande der Rennstrecke anhalten. Er konnte den Wagen wieder in Gang bringen und langsam zur Box zurückrollen. Dann entstanden Schwierigkeiten mit dem Auspuff, der Turbo gab nicht mehr volle Leistung ab. Das Team hat dann in einer längeren Pause Lader und Auspuff gewechselt. Die Mechaniker mussten mit glühend heissen Teilen umgehen. Zum Glück war unser Vorsprung so gross, elf Runden, dass wir die Führung trotz dieser Reparatur behielten.»
Kurze Zeit nach dem Le-Mans-Sieg 1976 hängte der Jonkheer seinen Helm an den Nagel. "Ich war der Meinung, dass ich sehr viel Glück gehabt hatte und fand, es sei nun genug."
Van Lennep trat in der Formel-1-WM nur zu zehn GP-Wochenenden an, acht Mal schaffte er die Qualifikation fürs Rennen. Für Frank Williams wurde er 1973 in Zandvoort Sechster, einen WM-Punkt gab es auch 1975 auf dem Nürburgring, in einem Ensign.
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