Mexiko 1986: Als Gerhard Berger und seine Pirellis durchhielten
Gerhard Berger gewann 1986 spektakulär den Großen Preis der Formel 1 in Mexiko-Stadt. Der Österreicher erinnert sich an die wilde Fahrt im Benetton-BMW zu seinem ersten GP-Sieg.
Wer Gerhard Berger dieser Tage (Wochen, Monate…) am Telefon erwischt, wird meist die Antwort bekommen: «Bin gerade mit Johan auf einer Kartstrecke.» Ja, der Filius steht für den 67-Jährigen schon länger im Mittelpunkt. Für Erinnerungen bleibt da kaum Zeit. Doch am Wochenende fährt die Formel 1 auf dem Brüder-Rodriguez-Kurs in Mexiko-Stadt. Und da war doch was vor 40 Jahren…
1986 gewann Berger seinen ersten F1-GP
So lang ist es her, dass der Tiroler seinen ersten Grand Prix gewann. Mit Reifenvorteil, wie er stets bestätigte.
Seine zweite volle Saison in der Topklasse war zweifellos der Durchbruch für Berger: von einem immer mehr beachteten Talent zu einem Toppiloten. Es hatte lange gedauert, bis er den zweiten Benetton-BMW neben Teo Fabi bekam. Es dauerte aber nur drei Rennen in dieser Saison, bis Imola, ehe der Tiroler (damals 26) das erste Mal zur Siegerehrung als Dritter aufs Podium (neben Prost und Piquet) durfte. «Imola 1986 war das entscheidende Rennen, durch das Ferrari auf mich aufmerksam wurde. Ich lag hinter Ferrari-Fahrer Stefan Johansson, überholte ihn mit zwei Rädern meines Benetton-BMW auf der Wiese und wurde vor ihm Dritter. Danach beauftragte Enzo Ferrari Rennleiter Marco Piccinini, mich zu kontaktieren», erzählte Berger viel später. Benetton-Eigentümervertreter Davide Paolini und Teammanager Peter Collins wollten Berger halten, doch Michele Alboreto prophezeite ihm schon in Detroit: «Du wirst 1987 mein Teamkollege bei Ferrari.»
Bergers «Run» ging weiter, wenn auch mehr mit Prestigeerfolgen wie zweiten Startplätzen in Spa und auf dem Österreichring denn mit Podestplätzen.
Dass er beim ersten seiner zehn Formel-1-Siege in Mexiko am 12. Oktober 1986 bereits 27 Jahre alt war, sieht Berger aus heutiger Sicht so: «Du darfst ja nicht vergessen, dass ich – auch wenn ich 1979 ein Tourenwagenrennen gefahren war – erst 1981 wirklich in den Motorsport einstieg. Fünf Jahre danach einen Grand Prix zu gewinnen, war eigentlich recht flott.» Es war der 35. Start in der Formel 1 für den Tiroler.
Nach Platz drei in Imola hätte Berger «in Hockenheim, auf dem Österreichring und in Monza, auf den superschnellen Strecken, mit der BMW-Turbopower schon gewinnen können. In Österreich war es eine Bagatelldefekt, als in führender Position die Batterie aufgab. Ich muss zugeben, mit einem Sieg hatte ich bald nach Saisonstart schon zu spekulieren begonnen. Ich blieb aber ganz locker, ließ mich nicht irritieren.»
Höhenlage auf dem Circuito Hermanos Rodriguez
Das Wochenende von Mexiko beginnt für Berger desaströs: Zur schwierigen Umstellung auf die Höhenlage (in seiner Autobiografie schrieb er später: «... als hätte es einen Ölkessel zerrissen») kam eine Grippe. Der Circuito Hermanos Rodriguez war erstmals seit 1970 wieder im Kalender und neu adaptiert. Nach Bestzeit am Freitag fährt Berger Samstag als Vierter in die zweite Reihe. «Zuerst dachte niemand, es könnte sich ohne Stopp ausgehen. Es gab noch in der Startaufstellung eine Reifendiskussion. Wir hätten fast gewechselt, blieben dann doch auf der härteren Mischung von Pirelli. Das war der Schlüssel zum Sieg, denn ich konnte ohne Stopp durchfahren, die anderen mussten an die Boxen», erinnert sich Gerhard. Bevor man die Diskussion beendete, war die Zeit für einen Reifenwechsel vorbei. Die Strategen bei Benetton damals: Technikchef Rory Byrne und der leitende Ingenieur Pat Symonds. Die noch viele Schlagzeilen machen und Siege feiern sollten.
Berger fährt in der Spitze, zur Halbzeit denkt er erstmals: «Eigentlich kann ich gewinnen.» Zehn Runden vor Schluss der 68-Runden-Distanz hat der damals zweifache Weltmeister Alain Prost im McLaren-TAG eine halbe Minute, Ayrton Senna im Lotus-Renault eine Runde Rückstand. Für Berger wäre sich also auch ein Reifenstopp noch ausgegangen. «Nur keinen Fehler machen, waren da meine Gedanken. Mit dem Sprit gab's kein Problem, das Auto lag gut. Ich erfuhr nachher: In der Box waren alle am Durchdrehen, Collins dachte schon, ich käme aus der Runde nicht mehr zurück, Luciano Benetton stand da wie erstarrt.» Der Jubel begann schon auf den letzten hundert Metern, «ich riss die Hände in die Höhe, soweit es im engen Cockpit halt ging».
Nachher, erinnert sich Berger, habe es eine Riesengaudi gegeben. Und vergessen war, dass er nach dem Pech auf dem Österreichring nicht mehr daran dachte, im Benetton gewinnen zu können. Er hatte seinen ersten Sieg in der zweiten vollen GP-Saison geschafft. Mit einigen mitgereisten Freunden aus Österreich wurde dann ausgiebig gefeiert, da war auch die Grippe längst überwunden, «die ich im Cockpit nicht mehr gespürt hatte – du bist ja total aufs Fahren konzentriert. Aber als ich aus dem Wagen stieg, hätte ich fast nicht einmal die Trinkflasche halten können.»
Berger war 1986 sporadisch auch noch als BMW-Werksfahrer für Schnitzer im Tourenwagen (635 CSi) unterwegs (Siege mit Roberto Ravaglia in Misano und Nogaro). Am 12. Oktober gewannen die Freilassinger in Jarama den vorletzten EM-Lauf mit Ravaglia/Pirro. Der heuer im Juni verstorbene Teamchef Herbert Schnitzer erzählte bei Gelegenheit immer wieder: «Als sein Sieg in Mexiko hier bekannt wurde, versuchten wir Gerhard telefonisch zu erreichen. Es gelang auch irgendwie. Und als wir ihm gleich gratulieren wollten, unterbrach er uns und fragte er sofort: Hey, wie ist euer Rennen gelaufen? Ja, so ein Teamplayer war er, der Gerhard.»
Über die «alten Zeiten» sagte Berger rückblickend: «Der große Unterschied zu heute war die Unbeschwertheit, zumindest in meinem Fall. Ich hab' mir keine punktuellen Ziele gesetzt, ich wollte Spaß haben. Ich habe nicht wirklich nachgedacht oder gegrübelt. Ich hatte einen tollen Job, aber genügend Spaß dabei.»
Auch später mit Teamkollegen Senna. Obwohl da vieles ernster wurde…
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