WM-Leader Kimi Antonelli: Der Lehrling wird bei Mercedes zum Meister
George Russell hat ein Problem, der Formel-1-Rennstall von Mercedes hat ein Luxus-Problem: Der 19-jährige Kimi Antonelli nimmt dem erfahrenen George Russell die Butter vom Brot.
Eine Formel-1-Legende aus Bologna spricht über einen jungen Mann, der zu einer neuen Formel-1-Legende aus Bologna werden kann: Luca Cordero di Montezemolo (78) über Kimi Antonelli (19).
Luca sagte nach Antonellis erstem GP-Triumph in China: «Kimis Sieg hat mich sehr bewegt, er ist ein 19-jähriger Junge, der sich kontinuierlich verbessert. Er hat noch Probleme mit den Starts, aber er hat nie den Mut verloren.»
«Er ging im Grand Prix in Führung und hat das Rennen ohne Zögern angeführt, nur am Ende ist er ein Risiko eingegangen, als er kurz von der Bahn rutschte. Er hat Reife und Kaltblütigkeit bewiesen, was nicht typisch für einen Italiener ist, und schon gar nicht für jemanden in seinem Alter.»
«Antonelli bleibt mit beiden Beinen auf dem Boden, ich hoffe, das bleibt so, die Voraussetzungen sind da. Aber es wurmt mich schon ein bisschen, ihn in einem Mercedes zu sehen. Ich hätte ihn liebend gerne in einem Ferrari gesehen.»
Kimi Antonelli: Wieso nicht im Ferrari?
Das hat schon eine gewisse Ironie: Mercedes-Zögling Kimi Antonelli kommt aus Italien, Ferrari-Zögling Oliver Bearman (als Nachfolger von Lewis Hamilton geplant) stammt aus Grossbritanien …
Aber warum ist das so? Was Kimi Antonelli angeht, so war Mercedes schlicht schneller als Ferrari: Die Talentsucher der Deutschen entdeckten das Talent von Antonelli auf Kart-Niveau und nahmen ihn sofort ins Förderprogramm auf, da war Kimi 13 Jahre jung.
Montezemolo weiter über Kimi: «Ich habe ihn zum ersten Mal letztes Jahr in Bahrain getroffen, ich kannte seinen Vater dem Namen nach durch die Rennaktivitäten. Ich habe ihn angerufen, um zu gratulieren. Ein netter und schüchterner Junge. Er hat das Glück, eine solide Familie zu haben, er ist nach den richtigen Werten erzogen worden.»
«Ich würde ihm raten, sich weiter zu verbessern, denn bei allem Respekt vor seiner Leistung war er zwar perfekt, aber in einem deutlich überlegenen Auto. Ich habe viele Fahrer gesehen, die sich nach wenigen Grands Prix für Phänomene hielten. Das wird Antonelli nicht passieren Kimi ist anders, und Mercedes hat mit seiner Ausbildung einen ausgezeichneten Job gemacht: Letztes Jahr debütierte er in der Formel 1 in einem nicht siegreichen Auto, ohne den Druck von heute.»
Präsentation des falschen Kimi
Noch gibt es für manche in der Königsklasse leichte Anpassungsschwierigkeiten an den neuen Kimi: Als Antonelli nach seinem ersten GP-Sieg am Shanghai International Circuit auf die Siegerpodest-Terrasse trat, wurde er als «Kimi Räikkönen» angekündigt
Das Gesicht des italienischen Teenagers war eine sehenswerte Mischung aus Verwirrung und Belustigung.
Apropos: Zur Legendbildung gehört, dass der Italiener nach dem finnischen Kimi benannt würde, dem wortkargen Räikkönen. Nur – das stimmt überhaupt nicht.
Denn erstens heisst Kimi mit ersten Vornamen eigentlich Andrea, und zweitens haben die Eltern den zweiten Vornamen nicht wegen des GP-Asses Räikkönen gewählt. Um genau zu sein, haben sie ihn überhaupt nicht gewählt.
Andrea Kimi Antonelli in einem Video von Mercedes: «Mein Mittelname, also Kimi, ist nicht wegen des Rennfahrers zustande gekommen, sondern einfach weil es gut zum ersten Namen und dem Nachnamen passte. Er wurde auch nicht von meinen Eltern vorgeschlagen, sondern von einem Freund von uns.»
Luxusproblem für Mercedes
Seit Jahren wird Mercedes-Teamchef Toto Wolff nachgesagt, er wolle Max Verstappen von Red Bull Racing weglocken. Viele Formel-1-Fans werden sich derzeit die Frage stellen: Wozu?
Kimi Antonelli ist eines jener Talente, das so ungefähr alle zehn Jahren in die Formel 1 schneit: Ayrton Senna, Michael Schumacher, Lewis Hamilton, Max Verstappen.
Toto zu den jüngsten Gerüchten um die angeblichen Lockrufe für Verstappen zu oe24: «Das Erstaunliche ist, dass diese dummen Gerüchte dieses Mal schon im März auftauchen. Dumm genug, dass man normalerweise im Juli darüber sprechen muss. Ich weiss nicht, wer das jetzt wieder aufgekocht hat.»
Der Wiener weiter: «Unsere Piloten bringen beide Top-Leistungen. Es gibt überhaupt keine Veranlassung über andere Fahrer auch nur nachzudenken. Das sage ich bei grösstem Respekt für Max.»
«Wir haben zwei Fahrer, mit denen wir langfristige, mehrjährige Verträge haben. Ich könnte mit den beiden nicht glücklicher sein.»
Ist George Russell der neue Nico Rosberg?
Ob George Russell auch so glücklich ist? Wird der Engländer gerade zum neuen Nico Rosberg?
Nico Rosberg: jahrelange Ausbildung bei Williams (2006–2009), dann Wechsel zum Formel-1-Rennstall von Mercedes.
George Russell: jahrelange Ausbildung bei Williams (2019–2021), dann Wechsel zum Formel-1-Rennstall von Mercedes.
Nico Rosberg: Erster GP-Sieg in Diensten von Mercedes (China 2012).
George Russell: Erster GP-Sieg in Diensten von Mercedes (Brasilien 2022).
Nico Rosberg: Nach Wechsel zu Mercedes den dortigen Weltmeister geschlagen (Michael Schumacher).
George Russell: Nach Wechsel zu Mercedes den dortigen Weltmeister geschlagen (Lewis Hamilton).
Mercedes Ende 2012: Geschlagener Weltmeister (Schumacher) wird durch aufstrebenden Fahrer ersetzt (Hamilton).
Mercedes Ende 2024: Geschlagener Weltmeister (Hamilton) wird durch aufstrebenden Fahrer ersetzt (Antonelli).
Nico Rosberg eroberte 2016 den Formel-1-WM-Titel und trat dann zurück, weil er genau wusste: Eine solche Saison kriegt er nicht noch einmal hin.
George Russell spürt vielleicht jetzt schon, dass 2026 seine einzige WM-Chance sein wird, denn der junge Antonelli wird mit jedem Rennen besser.
Ex-GP-Pilot Timo Glock: «Russell spürt den Druck von Antonelli, und das sieht man ihm auch an.»
Antonelli für Psycho-Spielchen gerüstet, die Haie zogen weiter
Wie geht das nun in der Formel-1-WM 2026 weiter, wenn die Königsklasse Anfang Mai in Miami wieder Schwung aufnimmt? Kimi Antonelli versucht, auf alles vorbereitet zu sein. Gegenüber unseren Kollegen von Sky Italien sagt der Bologneser: «Erfahrung hilft definitiv. Im Vergleich zum letzten Jahr fühle ich mich dank meiner ersten Saison 2025 auf alle Fälle besser vorbereitet.»
«Letztlich sind George und ich die einzigen beiden mit dem gleichen Auto, also könnte es ein WM-Duell zwischen uns werden. Ich werde versuchen, in jeder Hinsicht bereit zu sein, auch bei allfälligen Psycho-Spielchen. Das ist eine grossartige Gelegenheit, und ich möchte das Beste daraus machen.“
Kimi Antonelli zeigte 2025 einen prima Start in seine Formel-1-Karriere: Vierter in Australien, Sechster in China, Sechster in Japan, Rang 11 in Bahrain war einem Taktikfehler von Mercedes geschuldet, dann Sechster in Saudi-Arabien und Sechster in Miami.
Danach bog der Antonelli-Express falsch ab: In den folgenden neun Rennen nur zwei Punktefahrten – als Dritter in Kanada und als Zehnter in Ungarn.
Antonelli gibt zu: «Diese Phase war, abgesehen vom Highlight Montreal, nicht einfach für mich. In der Formel 1 ist das Wasser voller Haie, und wenn du keine Leistung bringst, dann wirst du von den Haien gefressen."
In solchen Zeiten kann sich Antonelli auf seinen Papa Marco verlassen: "Er ist mein Felsen in stürmischer Brandung. Ich weiss, dass ich mich immer auf ihn verlassen kann. Es ist ganz wichtig, eine solche Person zu haben, und er hat mich alles gelehrt, was ich weiss, seit Kart-Tagen. Ganz besonders jetzt, in meinem ersten Formel-1-Jahr, ist seine Hilfe von unschätzbarem Wert, die Königsklasse ist eine völlig andere Welt, super-intensiv und so vielschichtig. Papa steht mir bei und hält mich hellwach."
Kimi Antonelli: Mit der Unbekümmertheit der Jugend
Schon verblüffend, wie ausgebufft dieser Kimi Antonelli auf der Traditionsstrecke Suzuka vorgegangen ist: Nach seiner ersten GP-Pole in China und seinem ersten Sieg auf dem Shanghai International Circuit hat der 19-Jährige aus Italien gleich nachgelegt – zweite GP-Pole und zweiter Sieg in Japan.
Damit hat sich der Bologneser zum jüngsten WM-Leader in mehr als 76 Jahren Formel-1-Historie gemacht: mit nur 19 Jahren und 216 Tagen.
Wer vor Antonelli der jüngste WM-Leader war? Lewis Hamilton in dessen erster GP-Saison 2007, als der damals 22-Jährige in Diensten von McLaren stand.
Da mussten selbst gewiefte Statistiker nachschlagen: Aber Kimi ist tatsächlich der erste WM-Leader aus Italien seit Michele Alboreto in Österreich 1985.
Nach dem ersten GP-Sieg gleich den zweiten Volltreffer einzufahren, das gelang vor Kimi dem jungen Charles Leclerc in Belgien und Italien 2019, davor Lewis Hamilton in Kanada und in den USA 2007 und vor Hamilton dem Kanadier Jacques Villeneuve bei den Grands Prix von Europa und Grossbritannien 1996.
Antonelli hat in Japan zum zweiten Mal in Folge Pole-Position, beste Rennrunde und Sieg eingefahren, auch in dieser Sparte ist er seit China der Jüngste (vor Sebastian Vettel mit 21 Jahren).
Kimi hat in Suzuka seinen sechsten Podestplatz errungen (wie Luigi Fagioli, Graf Berghe von Trips, Jo Siffert und Carlos Pace) und seine fünfte beste Rennrunde (wie Giuseppe Farina, Carlos Pace, Jody Scheckter, Didier Pironi, John Watson und Michele Alboreto).
Der letzte Italiener, der zwei Formel-1-Laufsiege in Folge einfahren konnte? Ferrari-Ass Alberto Ascari in Zandvoort und Francorchamps 1953.
Ach ja, im gleichen Jahr wurde Ascari Weltmeister, als bislang letzter Italiener.
Kimi Antonelli kann auch diese Statistik korrigieren.
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