Aprilia-Technikchef Sterlacchini über KI: «Wir benutzen sie gar nicht»
Ab 2027 fährt die MotoGP mit 850 ccm. Aprilias Technik-Direktor Fabiano Sterlacchini erklärte im Podcast von Andrea Migno, warum der Motor wichtiger wird und man der Formel 1 weit hinterherhinkt.
Wenn die MotoGP-Motoren 2027 von 1000 auf 850 ccm schrumpfen, verschwindet nicht nur Hubraum. «Wenn man von 1000 auf 850 geht, verliert man rund 50 PS», schätzte Fabiano Sterlacchini im Podcast «Mig Babol» von Ex-GP-Fahrer Andrea Migno. Für den Aprilia-Technikchef ist das keine Verlustrechnung, vielmehr verschieben sich Prioritäten, die er erklärte.
«Heute sind die Motorräder in einer Runde etwa 15 bis 20 Prozent der Zeit wirklich am Motorlimit – die Drosselklappen sind dann komplett offen. Wenn 50 PS wegfallen, werden daraus 30 bis 40 Prozent.» Damit erlange die reine Motorleistung wieder mehr Bedeutung: «Wie wichtig ist es heute, beim Motor ein PS zu finden? Wenig, weil ich wenig Zeit die volle Leistung nutze. Ab nächster Saison wird dies doppelt so wichtig sein.»
Der Vergleich: Ein Orchester und ein MotoGP-Werk
Sterlacchini sieht solche Weichenstellungen als Kern seiner Arbeit, die er zu «90 bis 95 Prozent» technisch und nur zu einem kleinen Teil sportlich versteht. Er vergleicht das Gesamtbild mit einem Orchester: «Du kannst sehr gute Musiker haben, aber der am Schlagzeug spielt vielleicht zu laut und deckt die Bläser zu. Und vielleicht spielt einer Rock und ein anderer eine klassische Sinfonie.» Zum Dirigieren gehöre jedoch mehr, als die Musiker zusammenzuhalten: «Irgendwann muss er sagen: Uns fehlt ein Klavier, ich will eine Oboe.» Gemeint ist: «Wir müssen in dieses investieren statt in jenes.»
Sterlacchini sieht in Aerodynamik noch viel Potenzial für Motorräder
Dass die Aerodynamik derzeit alles überlagert, hat für ihn einen einfachen Grund: Beim Motor sei nach so vielen Jahren mit dem gleichen Konzept kaum noch etwas zu holen. Umso größer ist das Feld daneben. «Bei den Motorrädern sind wir in der Aerodynamik gegenüber der Formel 1 meiner Meinung nach zwischen 30 und 50 Jahre zurück. Es gibt noch viel zu entdecken.»
Zu entdecken gibt es auch den Fahrer selbst. «Wenn ein Fahrer aus der Verkleidung geht oder das Bein ausstreckt, erzeugt er eine Kraft, die gegenüber der Mittellinie des Motorrads versetzt ist», erklärte er. Beim Bremsen helfe dieser Widerstand, «das Motorrad einzudrehen und in die Kurve einzulenken – wie ein Ruder, nur mit Luft statt mit Wasser». Bis vor rund zehn Jahren habe daran schlicht niemand gedacht.
Dass sich die Konkurrenz inzwischen Anregungen bei Aprilia holt, registriert Sterlacchini. Vom reinen Abkupfern hält er aber nichts: «Man darf nie einer sein, der nachäfft und kopiert, denn dann kommst du immer zu spät. Und man darf nie zu stolz sein, dass man nicht kopiert.» Ein Anbauteil am Heck, das an einem Motorrad funktioniert, könne am nächsten wirkungslos bleiben, «weil es nicht in Symbiose mit dem Rest arbeitet.»
MotoGP und KI – bei Aprilia denkt man selbst nach
Warum Aerodynamik am Motorrad so viel mühsamer ist als am Auto, machte Sterlacchini an einer Zahl fest: Am Unterboden eines Formel-1-Wagens bringe ein Detail schnell 40 Kilo mehr Abtrieb. «Ich glaube, es gibt bei uns kein Teil am Motorrad, das 40 Kilo machen kann. Vielleicht nicht einmal die gesamte Aerodynamik.»
Helfen könne künstliche Intelligenz, die Zusammenhänge sichtbar macht, «die du mit dem Wissen, das wir heute haben, nicht in eine Gleichung mit allen physikalischen Parametern übersetzen kannst.» Den Hype um KI versteht er nicht, und man nutze sie auch nicht. «Wir benutzen sie überhaupt nicht. Jeder benutzt sie, jeder redet darüber, man setzt sie für alles ein. Man müsste ihr eine Dimension geben.» Auch eine Warnung sprach er aus: «Wenn wir ein Problem mit der Nutzlosigkeit des Menschen bekommen, dann haben wir sie vielleicht selbst geschaffen.»
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