Ducatis neue MotoGP-850er: So wird die Entwicklung beschleunigt
Ducati steht vor einer gewaltigen Entwicklungsaufgabe für die MotoGP-Saison 2027. Zusätzliche Rechenleistung soll die Arbeit an Motor und Aerodynamik der neuen 850er beschleunigen.
Während die MotoGP-Saison 2026 in ihre entscheidende Phase geht, läuft bei Ducati Corse die Entwicklung der komplett neuen Desmosedici GP für 2027 längst auf Hochtouren. Das neue technische Reglement zwingt die Ingenieure in Borgo Panigale zu einer grundlegenden Neukonstruktion – vom 850-ccm-Motor bis zur Aerodynamik.
Gleichzeitig darf Ducati die Entwicklung der aktuellen Desmosedici nicht vernachlässigen. Das Werk arbeitet somit parallel an zwei unterschiedlichen MotoGP-Projekten: der Maschine für den laufenden Titelkampf gegen Aprilia und der komplett neuen Generation für 2027.
Um diese Doppelbelastung bewältigen zu können, hat Ducati gemeinsam mit Titel- und Technologiepartner Lenovo die High-Performance-Computing-Infrastruktur (HPC) von Ducati Corse erheblich erweitert. Die zusätzliche Rechenleistung ermöglicht es den Ingenieuren, mehr Motor- und Aerodynamiksimulationen gleichzeitig durchzuführen und eine größere Anzahl unterschiedlicher Lösungen virtuell zu untersuchen, bevor überhaupt reale Bauteile gefertigt werden.
Entwicklung des 850er-Motors: Rechenzeit halbiert
Besonders deutlich macht sich die neue Technik bei der Entwicklung des 850-ccm-Motors bemerkbar. Die Rechenzeit für dreidimensionale CFD-Simulationen des Triebwerks konnte laut Ducati um 50 Prozent reduziert werden. Strukturanalysen benötigen rund 30 Prozent weniger Zeit.
Die theoretische Rechenleistung der erweiterten Infrastruktur liegt bei mehr als 108 TFLOPS mit doppelter Genauigkeit. Gegenüber der vorherigen Generation der Compute Nodes stieg die Rechenleistung um etwa 48 Prozent, gleichzeitig steht ungefähr doppelt so viel Arbeitsspeicher zur Verfügung.
Für die Entwickler bedeutet das vor allem eines: In derselben Zeit können deutlich mehr Varianten untersucht werden. Nur die vielversprechendsten Lösungen müssen anschließend als reale Prototypen gefertigt und getestet werden. Ducati verspricht sich davon kürzere Entwicklungszeiten, geringere Kosten sowie eine höhere Genauigkeit. «Lenovo hat uns erneut mit der Technologie unterstützt, die wir benötigen, um die Konstruktion und Entwicklung des Motorrads zu optimieren», erklärte Ducati-Corse-Technikdirektor Davide Barana.
Gerade die parallele Entwicklung stelle die Rennabteilung vor große Herausforderungen. «Wir brauchen ausreichend Rechenleistung, um das Design unserer nächsten Generation der Desmosedici GP fertigzustellen und gleichzeitig während der laufenden Saison die Maschine für 2026 weiterzuentwickeln und um die Meisterschaft zu kämpfen.»
Simulationen werden für Ducati immer wichtiger
Nicht nur beim Motor, sondern auch bei der Aerodynamik gewinnt die virtuelle Entwicklung weiter an Bedeutung. Weil reale Testfahrten durch das Concessions-System der MotoGP beschränkt sind, versucht Ducati, möglichst viele Entwicklungsschritte zunächst am Computer zu erledigen.
Mit der leistungsfähigeren Infrastruktur lassen sich komplexere Simulationsmodelle einsetzen, die reale Bedingungen genauer nachbilden sollen. Dadurch können die Ingenieure unter anderem detaillierter analysieren, welchen Einfluss aerodynamische Veränderungen auf das gesamte Motorrad haben. «Leistungsfähige Rechensysteme und Datenanalysen spielen deshalb eine entscheidende Rolle dabei, beide Entwicklungsprogramme zu beschleunigen», unterstreicht Barana.
Für Ducati kommt die Erweiterung zu einem entscheidenden Zeitpunkt. 2027 erlebt die MotoGP den größten technischen Umbruch seit Jahren. Der Hubraum sinkt von 1000 auf 850 Kubikzentimeter, gleichzeitig werden die Freiheiten bei der Aerodynamik eingeschränkt. Hinzu kommt der Wechsel des Einheitsreifenlieferanten von Michelin zu Pirelli.
Erste Erfahrungen mit der neuen Desmosedici sammelt Ducati bereits auf der Rennstrecke. Testfahrer Nicolo Bulega hat den 850er-Prototypen mehrfach bewegt und zuletzt von einer «sehr guten Basis» gesprochen. Trotz geringerer Leistung sei der Abstand zu den aktuellen 1000-ccm-MotoGP-Maschinen bei den Rundenzeiten überraschend klein.
Während Bulega und die Ducati-Testmannschaft die Theorie auf der Strecke überprüfen, sollen in Borgo Panigale immer mehr Entwicklungsvarianten zunächst virtuell aussortiert werden. Die zusätzliche Rechenleistung könnte damit zu einem wichtigen Faktor im Wettlauf um die beste MotoGP-Maschine der neuen 850er-Ära werden.
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