Einmaliges Drama: Die MotoGP-Horrorshow des Jorge Martin
Großer Bewunderung für den MotoGP-Titelgewinn 2024 folgte eine nicht weniger intensive Verwunderung über das Jahr 2025: Jorge Martin und die vielleicht verrücktesten zwölf Monate der GP-Geschichte.
Nur zwei Tage nach dem Gewinn seines ersten MotoGP-Titels schwang sich Jorge Martin – jetzt im schwarzen Gewand als Aprilia-Werksfahrer – auf sein neues Arbeitsgerät. Nur kurze Zeit später, nachdem Martin die Box erstmals mit der Startnummer 1 verlassen hatte, schlitterte der Champion von der Strecke. In der berühmt-berüchtigten Kurve 5 des Circuit de Catalunya war der gefeierte Spanier harmlos ausgerutscht.
Eine Lappalie – und doch zugleich ein Vorbote auf den Horror, der Jorge Martin nach einer kurzen Winterpause fest in den Griff nahm. Los ging es mit Testdrama in Malaysia. Als Augenzeuge an der Strecke des Sepang-Circuits erlebte ich das scheinbar Unmögliche. Der beste MotoGP-Pilot der Gegenwart und ein Werksteam der Königsklasse brachten es gemeinsam fertig, den Auftakt eines mit vielen Millionen Euro finanzierten MotoGP-Saisonauftakts in wenigen Minuten zu zerstören.
Dass Martin, strotzend vor Ehrgeiz, in seiner ersten fliegenden Runde zu Boden ging, war an sich schon ein Ereignis. Doch als sich die Aktion – mit dem identischen Hinterreifen – wiederholte und der Champion im Krankenwagen davonfuhr, da fehlten auch GP-Veteranen die Worte.
Würze bekam der Eklat auch durch Reifenpartner Michelin. Denn die Franzosen ließen das Gerücht, einen fehlerhaften Reifen montiert zu haben, nicht auf sich sitzen. Michelin trat vor die Mikrofone und bestätigte, dass man Martin mit einem nicht ausreichend geheizten Pneu auf den Kurs geschickt hatte.
Ein Fehler, der sich erst einmal auf der Festplatte des Weltmeisters abspeicherte. Der Horror ging nun außerhalb des Fahrerlagers weiter. Beim Versuch, sich schnellstmöglich wieder in Form zu bringen und den Schaden zu begrenzen, riss es den «Martinator» von der Trainings-Supermoto. Plus drei Frakturen, plus vier Wochen Pause, so das Ergebnis.
Und noch immer war Jorge Martin von der Idee besessen, alles für eine erfolgreiche Titelverteidigung 2025 zu geben – auch deshalb, weil die seelische Verletzung, zugefügt von Ducati Corse, noch lange nicht verheilt war. Rückblende: Im Sommer 2024 hatte sich das Management des führenden Werks in der MotoGP gegen den WM-Führenden und für Marc Marquez ausgesprochen. Das Nichtzustandekommen eines Vertrags als offizieller Ducati-Werksfahrer erreichte den selbstbewussten Madrilenen als schallende Ego-Ohrfeige.
Im April 2025, als Martin und Aprilia noch keine sechs Monate vereint waren, folgte des Dramas nächster Akt. Bei einem verfrühten Comeback in Katar flog Martin erneut ab. Der an diesem Tag als Horror aktive Rennsport-Gott warf ihn dabei dermaßen hart auf den heißen Asphalt, dass daran nicht nur die WM-Träume 2025, sondern gleich das Gesamtkunstwerk Martin & Aprilia zu zerbrechen drohten.
Nicht nur die gebrochenen Rippen machten Jorge Martin das Atmen schwer, das Vertrauen in sich, Aprilia und die ganze Welt war in den ersten Tagen nach dem großen Wüstencrash verloren. Im Rückblick gestand der 2024-MotoGP-König: «Im Krankenhaus war ich mir nicht sicher, ob ich jemals wieder fahren werde.»
Weiter ging es mit Mental-Horror. Von den Geschehnissen seit dem ersten Testtag in Sepang bis zum Aus beim Katar-GP jeglicher Neutralität beraubt, begannen Jorge Martin und Manager Albert Valera, ein Ausstiegszenario zu skizzieren. Einen Tag vor dem England-GP erreichte die Trennungsphantasie die Öffentlichkeit: Jorge Martin will Aprilia vorzeitig verlassen und nach nur einem Jahr aufgrund nicht gegebener Konkurrenzfähigkeit von einer Ausstiegsklausel Gebrauch machen.
Doch die gab es nicht. Dafür gab es eine Antwort, die gewaltiger nicht hätte ausfallen können: Sieg von Marco Bezzecchi auf der Aprilia RS-GP in Silverstone. Eh, basta.
Der sportliche Meilenstein läutete zugleich den Wendepunkt im Fall «Martin» ein. Als der spanischen Seite klar wurde, dass Aprilia wettbewerbsfähig ist und der Vertrag bis Ende 2026 jedem Rechtsstreit standhalten würde, akzeptierte Jorge Martin seine Situation – und schaffte den gedanklichen Neustart. Auch dank Aprilia. Denn Noale hielt ihrer vermeintlichen Nummer 1 die Hand. Wärme statt Kälte für den schwer gezeichneten Champion – so die Haltung von Aprilia Racing.
Verwundert von der neuen Harmonie nahm der Horror eine Auszeit und ließ sein Opfer fahren. In Brünn, in Spielberg, in Ungarn und in Misano. Auf dem neuen Balaton-Circuit durfte Martin zeigen, dass er es nicht verlernt hat: Platz 4 wurde im Aprilia-Lager als Sieg gefeiert.
Beim nächsten Rennen in Japan wurde es dem Horror dann zu bunt und er schaltete die Sicherung bei Bike #1 wieder aus. Im Resultat crashte Jorge Martin Sekunden nach dem Sprint-Start außer Kontrolle in Teamkollege Marco Bezzecchi. Während sich der verbeulte Italiener nur einen Tag später bis auf Platz 4 hochkämpfte, landete Martin – richtig – wieder auf dem Operationstisch.
Neben einer weiteren Pause von neun Rennen gab es von der Rennleitung eine Strafe in Form einer doppelten Long-Lap. Auch um diese nicht nach 2026 zu verschleppen und um ein Gefühl für die 2026er-Aprilia zu bekommen, rückte Jorge Martin dann noch einmal beim Saisonfinale in Valencia aus. Der Horror hatte ein Einsehen und ließ den Spanier davonkommen. Jorge Martin hatte sich vorsichtshalber unkenntlich gemacht – und wieder die Nummer 89 aufgeklebt.
Schon gesehen?
Newsletter
Motorsport-News direkt in Ihr Postfach
Verpassen Sie keine Highlights mehr: Der Speedweek Newsletter liefert Ihnen zweimal wöchentlich aktuelle Nachrichten, exklusive Kommentare und alle wichtigen Termine aus der Welt des Motorsports - direkt in Ihr E-Mail-Postfach