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MotoGPKolumne
Gedankenexperimente zur Corona-Saison 2020
Die MotoGP-WM 2020 wirft noch vor dem Auftakt in Jerez am 19. Juli jede Menge Fragen auf. Gleiches gilt für den Fahrermarkt im Hinblick auf das Jahr 2021 – allen voran das Repsol Honda Team.
Im Artikel erwähnt



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Die MotoGP-WM hinter verschlossenen Toren: Was passiert mit Alex Márquez?Die MotoGP-WM hinter verschlossenen Toren: Was passiert mit Alex Márquez?Foto: Honda
Die MotoGP-WM hinter verschlossenen Toren: Was passiert mit Alex Márquez?© Honda
Wenn ein Baum in einem Wald umfällt, aber niemand dort ist, der ihn hören könnte, macht er trotzdem ein Geräusch? Die Frage bildet ein sogenanntes "Gedankenexperiment", das – als es zum ersten Mal in einem amerikanischen Philosophie-Magazin im Jahr 1883 behandelt wurde – verneint wurde. Keiner, der es hören kann, wurde gleichgesetzt mit keinem Geräusch. Es fällt einem schwer, damit einverstanden zu sein. Vor allem dann, wenn man einen imaginären Freund hat, der vielleicht gerade in dem Moment unter dem Baum stand.
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Auf unseren Sport übertragen: Wenn ein Motorrad-Rennen, zum Beispiel das 24-Stunden-Rennen von Le Mans, ohne Zuschauer stattfindet, ist es dann wirklich passiert? Die amerikanischen Fans haben es bereits erlebt, die MotoGP-Anhänger werden es bald herausfinden – laut dem kürzlich veröffentlichten Kalender am 19. Juli. Und was Le Mans betrifft: Auch das werden wir bald beantworten können, wenn der Endurance-Klassiker Ende August hinter verschlossenen Toren auf dem Bugatti Circuit ausgetragen wird. Da zu jedem Motorrad mehr als ein Fahrer gehört, der vermutlich seine jeweiligen Teamkollegen auch wahrnimmt, gehe ich davon aus, dass das Rennen real genug sein wird – zumindest für sie. Für die Fahrer ist es also real. Für den Rest von uns könnte es hilfreich sein, eine Umkehrfrage zu stellen. Ein umgedrehtes Gedankenexperiment: Wenn ein Rennen ohne Zuschauer abgesagt wird, hat es dann wirklich nicht stattgefunden? In diesem Fall ist es noch schwieriger, die Frage mit "Nein" zu beantworten. Leider. Die Liste der Absagen wurde fast mit jeder Woche im Lockdown länger und das jüngste Kalender-Update besiegelte für 2020 das endgültige Aus der Grand Prix in Motegi, Silverstone, Phillip Island und Mugello. Sachsenring, Assen und der neue KymiRing waren schon zuvor ersatzlos gestrichen worden. Die Übersee-GP in den USA, Argentinien, Thailand und Malaysia sind mit einem Vielleicht-Sternchen versehen. Alle vier werden sicher nicht in den Kalender passen, wenn Valencia für den 15. November angesetzt wurde und die Corona-Saison spätestens am 13. Dezember Geschichte sein soll. Der vermeintlich definitive Kalender weist 13 Grand Prix auf, beginnt in Jerez am 19. Juli und endet (wahrscheinlich) vier Monate später in Valencia. Zehn davon werden an aufeinanderfolgenden Wochenenden auf nur fünf Strecken stattfinden: Jerez, Red Bull Ring, Misano, Aragón und Valencia. Dazu kommt jeweils ein Rennwochenende in Brünn, Barcelona und Le Mans. Vier der acht Rennstrecken liegen in Spanien; Schauplätze, die für einen erneuten Lockdown anfällig sind, sollte eine zweite Infektions-Welle anrollen. Alle Rennen sollen nach aktuellem Stand in Form von Geisterrennen ausgetragen werden.
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Nun zur menschlichen Seite: Wenn es für einen professionellen GP-Piloten keine Grand Prix gibt, die er bestreiten könnte, existiert er dann trotzdem noch? Diese Frage stelle ich nicht ohne Mitgefühl, schließlich ist eine Rennfahrer-Karriere ohnehin schon kurz genug (abgesehen von Valentino Rossi), als dass man noch ein Jahr verlieren könnte, besonders dann, wenn man gerade loslegen wollte. Besonders bitter ist es für Alex Márquez, dessen Platz neben seinem Bruder und Weltmeister Marc bei Repsol Honda schon in Frage gestellt wird, noch bevor er überhaupt sein erstes MotoGP-Rennen gefahren ist. Der Jüngere der eng verbundenen Márquez-Brüder war durchaus eine überraschende Wahl, als am Ende der Saison 2019 die Lücke besetzt werden müssen, die von Jorge Lorenzo (dessen Hoffnungen auf einen Wildcard-Einsatz auf seiner geliebten M1 im Übrigen auch zerschlagen wurden) hinterlassen wurde.
HRC will nun also den 29-jährigen Pol Espargaró ins Boot holen, dessen KTM-Vertrag am Ende des Jahres aufläuft. Der mag auf den ersten Blick ebenfalls eine ungewöhnliche Wahl sein, aber nach einigen sturzreichen Saisonen hat der frühere Moto2-Weltmeister zuletzt mit auffallendem und anhaltendem Einsatz und seiner Aggressivität auf der KTM überzeugt, mit der der höher eingeschätzte Johann Zarco scheiterte. Aus diesen und noch einigen anderen Gründen nehmen viele die Gerüchte zu einem Pol-Honda-Deal sehr ernst. Auch wenn es ein merkwürdiger Schachzug ist, der genau den Fahrer vergrämen könnte, der bis auf einen WM-Titel seit seiner Ankunft in der Königsklasse im Jahr 2013 alles abgeräumt hat. Alex zu Gunsten von Pol fallen zu lassen, wäre in doppelter Hinsicht ein Schlag für Marc. Damit würde nicht nur sein kleinen Bruder im Hinblick auf 2021 im Regen stehen, es könnte auch zu Reiberein im Team kommen. Schließlich mögen sich die Landsleute nicht besonders, immerhin waren Pol und Marc in der Moto2-Klasse erbitterte Rivalen. (Erinnert sich noch jemand daran, wie Marc 2012 in Barcelona Pol "versehentlich" abgeräumt hat?)
Zum Glück gibt es im Leben Schlimmeres, als ein paar Rennen zu verpassen oder ein neues Team finden zu müssen. Und nun noch ein letztes Gedankenexperiment: Wenn Sie nicht alles bis zu diesem Punkt gelesen haben, existiert dieses Ende dann wirklich? Und warum frage ich das? Nehmen Sie sich vor dem Baum in Acht.
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