MotoGP
Kolumne
Luftnummer: Wieder einmal griff eine überflüssige Regel in die WM ein
Mit Pedro Acosta und David Alonso wurden beim Austin-GP zwei Weltmeister fürs Fahren mit falschem Luftdruck bestraft – mit relevanten Folgen. Keine Lappalie, sondern wieder einmal ein großer Aufreger.
Würden wir ein Protokoll über sämtliche Vergehen und Strafen zum Thema «Reifenluftdruck» nur in den letzten 24 Monaten veröffentlichen, würden auch treueste SPEEDWEEK.com-Leser und Rennsportfans schnell aussteigen. Die Materie ist trocken, nur bedingt nachvollziehbar und bringt selbst Insider oft an die innere Schmerzgrenze in Sachen «Wo hört der Rennsport auf und wo fängt das Regel- und Verwaltungsmonster der WM an?».
Daher hier nur die beiden jüngsten Vorfälle, notiert am vergangenen Samstag im Rahmen des US-GP in Austin. Zunächst erwischte es Moto2-Ass David Alonso. Der hatte sich im zweiten Qualifying der Moto2 mit einem neuen Streckenrekord den Startplatz 1 herausgefahren. Sowohl in der mittleren WM-Klasse als auch in der MotoGP gilt als Faustregel: Nur wer sich einen Platz in den ersten beiden Startreihen erarbeiten kann, hat eine realistische Siegchance. Applaus, doch Fahrer und Aspar-Techniker hatten nur scheinbar alles richtig gemacht.
Stunden nach der Session folgte die Ernüchterung in der Mannschaft von Aspar Martinez. Der Pirelli-Hinterreifen an Alonsos Hinterreifen hatte den vom Ausrüster um ein Hundertstel (!) unterschritten. Also griff das Regelwerk und der
Parallel waren auch die Mienen in der KTM-Box zusammengefallen.
Vertragliche Absicherung vor sportlichem Nutzen
Regeln sind Regeln. Aber was, wenn Regeln nicht dem Sport, sondern anderen Interessen dienen? Im Klartext: Die verbindlichen Vorgaben der Reifenhersteller sind Teil eines satten Vertragswerks zwischen MotoGP-Ausrichter Dorna Sports, FIM und Industrie und sollen als Sicherungsnetz für die Sportler dienen. Denn ohne Richtlinie zur Nutzung der sensiblen Rennreifen würde das Risiko eines Versagens bei unsachgemäßer Nutzung rapide und unkalkulierbar steigen – so der Ansatz. Rechtliche wie finanzielle Aspekte geben hier den Ausschlag. Hohe Wettbewerbsfähigkeit, Chancengleichheit und Sicherheitsaspekte stehen auf dem Etikett des wirtschaftlichen Millionen-Pakts.
Die Rennsportrealität in den Boxen ist eine andere. Kein Team hat Interesse daran, die Fahrer unkalkulierbaren Risiken auszusetzen. Es geht um die Abwägung des Materials, der Fähigkeiten der Piloten sowie der Rahmenbedingungen wie etwa das Wetter oder die Strecke. Luftdruckempfehlungen helfen den Mannschaften, die schwarzen Gummis besser zu verstehen. Verpflichtende Luftdrücke ohne Toleranzen schränken dagegen ein – ohne dass die Risiken minimiert werden.
Absolut nachvollziehbar wäre eine vergleichbare Regelung im öffentlichen Straßenverkehr. Denn hier liegt die Kompetenz der Bediener weit unterhalb den Kompetenzen eines GP-Fahrerlagers. Im Bereich des Motorrad-Profirennsports, der zudem bekanntermaßen und bewusst als Risikosportart eingestuft, gelebt und vermarktet wird, sind die geltenden Regeln nur fehl am Platz. Dabei geht es nicht um das mitunter ausufernde Zahlenchaos nach einem Rennen mit mehreren Vergehen, es geht um das unverhältnismäßige Eindampfen des sportlichen Werts inklusive des Know-hows der Teams.
Es ist nicht lange her, da konnte ein ausgebuffter Crew-Chief seinen Piloten mit einem Zehntel mehr oder weniger im schwarzen Gold zum Sieg – oder eben ins sportliche Verderben – führen. Auch das ist Rennsport und ein Teil der Show, die wir alle sehen – und nicht ausrechnen wollen. Nochmal: Es braucht Bedienungsanleitungen, Erfahrungswerte und Wissenstausch zwischen Reifenentwicklern, um das wesentliche Funktionsfenster der Reifen zu definieren. Doch alles, was darüber hinausgeht, gehört auch 2026 nicht in ein Rennsportfahrerlager.
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