Toprak Razgatlioglus MotoGP-Experiment: Die Wahrheit kommt erst 2027
Nach elf Rennwochenenden fällt Toprak Razgatlioglus MotoGP-Zwischenbilanz ernüchternd aus. Doch die größten Hürden liegen tiefer als die Ergebnisse vermuten lassen – und 2027 könnte alles verändern.
Als Toprak Razgatlioglu seinen Wechsel in die MotoGP bekannt gab, war ich überzeugt, dass er die Chance bekommen würde, mit einem alten Vorurteil aufzuräumen. Seit seinen Anfängen in den seriennahen Klassen habe ich seine Karriere verfolgt und miterlebt, wie er mit Puccetti-Kawasaki, Yamaha und BMW Außergewöhnliches geleistet hat. Für mich stand deshalb nie die Frage im Raum, ob Razgatlioglu schnell genug für die MotoGP ist.
Vielmehr hoffte ich, dass endlich wieder ein Spitzenfahrer aus der Superbike-WM in der Königsklasse nachhaltig Fuß fasst. Denn im MotoGP-Fahrerlager wird das Niveau der seriennahen Weltmeisterschaft von manchen Beteiligten bis heute etwas hochnäsig betrachtet. Frei nach dem Motto: Wer wirklich gut ist, fährt MotoGP.
Ich halte diese Sichtweise für grundfalsch. Die besten Fahrer der Superbike-WM sind außergewöhnliche Rennfahrer. Sie bewegen lediglich ein anderes Arbeitsgerät. Und genau deshalb ist Razgatlioglus MotoGP-Projekt weit mehr als die Geschichte eines einzelnen Fahrers. Es ist auch ein Härtetest für den Ruf der Superbike-WM.
Genau deshalb war Razgatlioglus Wechsel für mich so spannend.
Viele Variablen vor dem Wechsel in die MotoGP
Natürlich gab es vor Saisonbeginn einige berechtigte Fragezeichen. Würde er mit den Michelin-Reifen zurechtkommen? Könnte er sich an die extrem steifen MotoGP-Prototypen anpassen? Würden seine legendären Bremsmanöver auch gegen die Besten der Welt funktionieren?
Nach elf Rennwochenenden fällt meine Zwischenbilanz gemischt aus.
Die Umstellung auf Michelin-Reifen und die Eigenheiten eines MotoGP-Prototypen waren keineswegs einfach. Entscheidend sind bislang aber zwei andere Faktoren: Die neue V4-Yamaha bietet Razgatlioglu zu selten die Möglichkeit, sich in Szene zu setzen. Die M1 ist unter normalen Bedingungen zu weit von den Motorrädern von Ducati, Aprilia, KTM und auch Honda entfernt.
Der zweite Faktor ist der moderne MotoGP-Fahrstil. Razgatlioglu lebt davon, einem Motorrad seinen eigenen Fahrstil aufzuzwingen. Genau das macht die moderne MotoGP jedoch immer schwieriger. Aerodynamik-Elemente, Ride-Height-Devices und die extrem steifen Prototypen-Chassis geben den Fahrern einen sehr engen Arbeitsbereich vor. Wer schnell sein will, muss sich dem Motorrad anpassen – und nicht umgekehrt.
Wenn sogar der wohl größte Ausnahmekönner seiner Generation diesen Schritt gehen musste, überrascht es kaum, dass auch Razgatlioglu seine bekannten Stärken bislang nur eingeschränkt ausspielen kann.
Wenige vereinzelte Highlights, aber viele Rückschläge
Topraks bisherige Bilanz in der Königsklasse liest sich ernüchternd. Nach elf von 22 Rennwochenenden ist er WM-21. und damit Letzter der vier Yamaha-Piloten. In den Sprintrennen wartet er weiterhin auf seine ersten Punkte, an den Sonntagen sammelte er bislang lediglich zwölf Zähler.
Beim dritten Saisonrennen in Austin gelang erstmals der Sprung in die Top-15, das bislang beste Ergebnis war Rang 11 beim turbulenten Grand Prix im Balaton Park. Positiv hervorzuheben ist auch sein direkter Einzug ins Q2 in Brasilien, wo er sich im chaotischen Zeittraining am Freitag in die Top-10 schob und somit direkt für das Q2 qualifizierte.
Trotzdem hatte ich zuletzt am Sachsenring den Eindruck, dass ihn die Situation zunehmend beschäftigt.
Genau deshalb könnte 2027 zum Wendepunkt werden.
Platzt der Knoten oder endet Topraks MotoGP-Intermezzo?
Mit dem neuen Reglement verschwinden die Ride-Height-Devices, Pirelli übernimmt als Einheitsreifenhersteller und die neuen 850-Kubik-Maschinen könnten den Fahrern wieder mehr Möglichkeiten geben, den Unterschied selbst zu machen. Genau darauf dürfte auch Razgatlioglu hoffen.
Allerdings gibt es einen Unsicherheitsfaktor, der mir Sorgen bereitet: das Material von Yamaha. Im Fahrerlager hört man derzeit wenig Optimistisches über den Entwicklungsstand der 850er-Yamaha. Natürlich sind das bislang nur Gerüchte. Sollten sie sich bewahrheiten und Yamaha erneut hinterherfahren, könnte Razgatlioglu schnell in einer sportlichen Sackgasse landen. 2027 wird deshalb ein wegweisendes Jahr.
Im Herbst 2027 feiert Toprak seinen 31. Geburtstag. Sollte auch die neue Generation der MotoGP-Motorräder keinen Durchbruch bringen, werden seine Möglichkeiten in der Königsklasse begrenzt sein. Viel Zeit für einen weiteren Neuanfang bleibt dann nicht mehr. Zudem drückt aus der Moto2 eine neue Fahrergeneration nach oben, die für die MotoGP-Teammanager deutlich reizvoller ist als ein ehemaliger Superbike-Weltmeister, dessen Karriere-Höhepunkt bereits in der Vergangenheit liegen könnte.
Die Türen in der alten Heimat stehen offen
Ganz anders stellt sich die Situation in der Superbike-WM dar. Ich bin überzeugt, dass praktisch jeder Hersteller Interesse an Razgatlioglu hat. Deshalb ist es nur logisch, dass sich die Entscheidungsträger von BMW stark bemühen, einen direkten Draht zum türkischen Ausnahmekönner und dessen Management zu erhalten. Einen Fahrer seines Kalibers würde jedes Werk mit offenen Armen empfangen.
Doch auch die Superbike-WM verändert sich. Ducati setzt aktuell den Maßstab und wirkt über weite Strecken nahezu unbesiegbar. Gleichzeitig beginnt 2027 mit Michelin als neuem Einheitsreifenlieferanten auch dort eine neue Ära. Welche Hersteller davon profitieren werden, kann heute niemand seriös vorhersagen.
Deshalb wünsche ich mir vor allem eines: dass Razgatlioglu die nötige Geduld behält. Sein Wechsel in die MotoGP war mutig. Er hat seine Komfortzone verlassen und sich der vielleicht größten Herausforderung seiner Karriere gestellt. Allein dafür verdient er Respekt.
Nach der ersten Saisonhälfte ist mein Urteil aber bewusst zurückhaltend. Toprak hat bislang keine Erfolgsgeschichte geschrieben, aber auch keinen Beweis dafür geliefert, dass er in der MotoGP gescheitert ist. Für mich beginnt die eigentliche Bewährungsprobe erst 2027. Dann werden wir sehen, ob ein Ausnahmekönner aus der Superbike-WM unter veränderten technischen Voraussetzungen dauerhaft in der MotoGP bestehen kann – oder ob die beiden Welten tatsächlich weiter auseinanderliegen, als viele von uns gehofft haben.
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