Vergessene Flugplatzrennen, Folge 6: Der wilde Norden – Faßberg, Sylt, Hohn
Flugplatzrennen gehörten bis zur Jahrtausendwende fast 50 Jahre zu den populärsten Motorsport-Events in Deutschland und Österreich. Wir erinnern an einige der über 30 so beliebten Veranstaltungen.
Mit Faßberg, Sylt und Hohn-Rendsburg hatte der Norden neben Diepholz, Celle und Itzehoe weitere Flugplätze, auf denen vor allem in den 60er- und 70er-Jahren Rennen mit Meisterschafts-Status gefahren wurden. Wobei außer Faßberg der Rest allerdings nur eine begrenzte Lebensdauer zwischen einem und maximal vier oder fünf Jahren hatte.
Fangen wir mal mit Faßberg an, sicher das damals populärste Flugplatzrennen ganz oben im Norden, etwa 30 km nördlich von Celle am Südrand der Lüneburger Heide gelegen. Der Bundeswehr-Fliegerhorst bescherte den Fans nicht nur gut besetzte Meisterschaftsrennen, sondern auch einen Streckensprecher, den sehr bald alle im Land kannten und schätzten.
Der leider viel zu früh verstorbene Kollege Kalli Hufstadt leistete hier seinen Wehrdienst bei der Bundeswehr ab. Als Hauptmann und Presse-Offizier kam der Motorsport-Fan wie selbstverständlich mit den Rennen seines Standorts in Berührung.
Dass Kalli bei einem der frühen Rennen um 1967 oder 1968 vertretungsweise für einen ausgefallenen Sprecher die Strecken-Reportage übernommen hat, wird von seinem Sohn Frank auf Nachfrage ausdrücklich bestätigt. Womit auch klar ist, dass in Faßberg eine der erfolgreichsten Sprecher-Karrieren begann, die den deutschen Motorsport für fast 40 Jahre als eine der prägendsten Stimmen begleitet hat. Sohn Frank (56) schreibt die Hufstadt-Sprechertradition schon seit vielen Jahren fort.
Der gut vier Kilometer lange Kurs in Faßberg war meist Schauplatz der Läufe um die Deutsche Rundstrecken-Meisterschaft, die Formel-3-DM und die Formel V sowie Super V. Der Parcours wurde für Automobil- und Motorrad-Rennen sowie Classic-Events bis in die späten 90er-Jahre genutzt. Heute dient der Flugplatz ausschließlich militärischer Nutzung durch die Bundeswehr.
Zum Thema «ausgefallener Sprecher» gib es übrigens noch eine nette Anekdote nachzutragen. Kollege Hufstadt sen. musste ein zweites Mal 1969 oder 1970 in Diepholz als Sprecher-Vertretung einrücken, weil der Autor dieser Geschichte den Termin falsch eingetragen und sich derweil einen schönen Tag im Schwimmbad gegönnt hatte.
Der Fauxpas hatte aber auch was Gutes – ab dem folgenden Jahr durften wir beide jahrzehntelang gemeinsam den alten Sprecher-Turm in Diepholz entern und die besondere Atmosphäre dort genießen.
Sylt war immer eine Reise wert…
…so kann man das in diesem Fall auch im Hinblick auf die dortigen Rennveranstaltungen auf dem privaten Verkehrs-Flughafen sagen. Allein schon das Ambiente von Sonne, Strand, Wind und Meer ließ so manchen Teilnehmer oder Fan die oft weite und umständliche Reise in den äußersten Norden der Republik freudig antreten. Zumal die Rennen auf Sylt schon allein wegen des Unterhaltungswerts was Spezielles hatten.
Ob nun der Strand nach Training und Rennen lockte, Rockstar Udo Lindenberg für beste Pisten-Unterhaltung im VW Scirocco Cup sorgte oder der Presse-Referent des örtlichen Veranstalter-Clubs die Frage nach der Zuschauerzahl mit «es waren nur wenig viele Zuschauer da» beantwortete – zum Schmunzeln und Staunen gabs vor allem in den beiden ersten Jahren 1976 und 1977 genügend Gelegenheiten.
Am Start standen Tourenwagen, GT, Scirocco, Golf GTI und R5 Cup sowie die Formel V. Veranstalter war der eher unerfahrene «Sylter Automobilclub im ADAC», dem der AMC Diepholz mit Peter Rumpfkeil und dessen routinierter Organisationsmannschaft beisprang, um einen geregelten Ablauf zu gewährleisten. Angesichts diverser Vorkommnisse schien der Einsatz von routiniertem Personal auch dringend notwendig.
So ließ Rumpfkeil, der auch als Sportkommissar fungierte, ein laufendes Zeittraining der GT-Fahrzeuge mit der roten Flagge unterbrechen, weil er in einem Porsche gleich zwei Insassen entdeckt hatte. Auf Befragen, was ein Beifahrer während eines offiziellen Zeittrainings im Auto zu suchen habe, antwortete der friesische Pilot mit der einfachen Erklärung, dass er «seinem Freund mal eben schnell die Strecke im Renntempo zeigen wollte».
Wenig später musste Rumpfkeil erneut zur rote Flagge greifen, weil ihm ein Dixie-Häuschen aufgefallen war, das ziemlich genau in der Schusslinie einer schnellen Kurve stand. Der vor Ort verfügbare Bergekran sollte das transportable Klo anheben und an einen sicheren Platz versetzen. Leider blieb bei der Hebeaktion der Unterbau stehen und zum Vorschein kam unter dem Gelächter der Zuschauer ein Insasse.
Zumindest die beiden Rennen 1976 und 1977, die ich als Journalist besucht habe, hatten vom Ablauf her mitunter hohen Unterhaltungswert. Dazu trug auch Rockstar Udo Lindenberg als Promi-Gaststarter im VIP-Auto des noch jungen VW Scirocco Cups bei, der sein erstes und einziges Autorennen bestritt.
Der gute Mann, eh als Schlusslicht dem Feld auf dem gut sechs Kilometer langen Parcours nachjagend, drehte sich schon bald in einer der schnellen Kurven, verlor dabei offenbar die Orientierung und setzte die Fahrt zunächst in Gegenrichtung fort. Erst das drohend entgegenkommende Feld ließ Udo zu der Einsicht kommen, doch besser schnell den Rasen des Infields aufzusuchen.
Die Sylter Veranstaltung galt aus verschiedenen Gründen als eine Art Exot unter den deutschen Flugplatzrennen. Da war zum einen die komplizierte, kostenintensive und zeitraubende Anreise per Autozug ab Niebüll nach Westerland mit nervenzehrenden Wartezeiten an den Verladepunkten.
Und dann die extreme Länge der Strecke von rund 6 km, die allerdings schon bei der zweiten Durchführung auf 4,2 km verkürzt wurde. Und natürlich das Ambiente, das als ebenso exklusiv wie einmalig gelten konnte. Von den kleinen und großen Pannen mal gar nicht zu reden.
Für das erwartbare Ende der Veranstaltung sorgten vor allem steigende Kosten für die Strecken-Sicherheit und massive Beschwerden wegen des Lärmpegels. Somit endete die Geschichte des Sylter Flugplatzrennens bereits wieder nach wenigen Jahren.
Hohn – ein Meilenstein für Ford
Auch dem Flugplatzrennen Hohn in der Nähe von Rendsburg und etwa 60 km von der dänischen Grenze entfernt war nur eine kurze Lebensdauer vergönnt. Zwar waren nach den Veranstaltungen im Juli 1968 und Oktober 1969 weitere Rennen auf dem Flugplatz des Bundeswehr-Transportgeschwaders geplant, kamen aber nicht mehr zur Durchführung. Denn die Bundeswehr hatte ab 1970 für all ihre Flugplatz-Standorte ein zunächst zeitlich begrenztes, generelles Rennverbot verfügt.
Als Gründe wurden zunächst militärische Belange genannt mit der Aussicht auf spätere Freigabe. Dass sich das Verbot dann doch über mehrere Jahre hinzog, lag auch an einem folgenschweren Unfall beim Flugplatzrennen in Neuhausen/Württemberg mit mehreren Toten.
Doch die zwei Jahre in Hohn waren sportlich wie auch gesellschaftlich durchaus reizvoll. Übers gesamte Wochenende gab es rund um das Flugplatz-Areal jede Menge wilde Scheunen-Partys der örtlichen, Rennsport-begeisterten Jugend, wozu auch die Herren Rennfahrer nachdrücklich und teils sogar persönlich eingeladen wurden. Da ließ sich keiner zweimal bitten.
Einige der feierwütigen Racer kamen ziemlich verkatert zu Training und Rennen und galten überdies nach Veranstaltungsende noch tagelang als verschollen. Von mindestens drei wackeren Party-Gängern der PS-Branche ist überliefert, dass sie definitiv erst Dienstags und teilweise sogar erst am Mittwoch nach dem Rennen wieder bei der besorgten Ehefrau zu Hause eingetrudelt sind. Sie sollen ziemlich bleich und abgeschlafft ausgesehen haben.
Fahrer und Zuschauer hatten allen Grund zur Freude. Es gab volle Startfelder und wirklich spannende Rennen. Vor allem die zweite Auflage im Oktober 1969 wurde zu einem echten Showdown in Sachen Titel-Entscheidung.
Mit Privatfahrer Harald Menzel (Dannenberg, Fiat Abart 1000 TC) und Ford-Werkspilot Dieter Glemser (Warmbronn, Ford Escort 1,6 Twin Cam) gingen zwei Kandidaten punktgleich ins ins Finale der Deutschen Rundstrecken-Meisterschaft. Für Menzel ging's ums Prestige, für Ford in Köln, deren 1968 neu aufgestellte Rennsport-Abteilung unter der Leitung von Sportchef Jochen Neerpasch stand, um den ersten Meistertitel.
Beide gewannen ihre Hubraum-Klassen und blieben punktgleich, aber Glemser hatte nach dem damaligen Meisterschafts-System mehr sogenannte «Gutpunkte» gesammelt (die sich aus dem Vorsprung zwischen Siegern und Zweitplatzierten und der Startfeld-Grösse in den Klassen errechnete) und wurde somit zum Titelgewinner gekürt. Dass Glemser stets mehr Gutpunkte als Menzel einfuhr, dafür sorgte schon sein «Geleitschutz» Manfred Mohr im zweiten Werks-Escort TC.
Aber auch Vize-Champion Harald Menzel profitierte schließlich vom Flugplatzrennen Hohn. Nach seiner makellosen Darbietung holte ihn Erich Zakowski ins Zakspeed-Team, wo er für die folgenden Jahre im grün-gelben Escort von Sieg zu Sieg driftete. Und zu Saisonbeginn 1973 erinnerte sich Jochen Neerpasch, inzwischen neuer BMW-Sportchef, an Menzels Gala-Auftritte und holte ihn sein neu formiertes Werksteam nach München. Dort durfte er in der Rennsportmeisterschaft einen der begehrten Werks-BMW CSL steuern.
Zum Schluss noch dies: Zu den Klassensiegern in Hohn 1969 gehörte auch ein gewisser Heinz-Dieter Werner aus Dortmund im BMW 2002 TI, der Vater vom dreifachen Le Mans-Sieger Marco Werner.
Schon gesehen?
Newsletter
Motorsport-News direkt in Ihr Postfach
Verpassen Sie keine Highlights mehr: Der Speedweek Newsletter liefert Ihnen zweimal wöchentlich aktuelle Nachrichten, exklusive Kommentare und alle wichtigen Termine aus der Welt des Motorsports - direkt in Ihr E-Mail-Postfach