GP Italien in Monza: Wieso kein Steilwandrennen?

Von Mathias Brunner
Formel 1
​SPEEDWEEKipedia: Leser fragen, wir finden die Antwort. Heute: Wieso gibt es im königlichen Park von Monza eigentlich keine Rennen mehr in den atemraubenden Steilwandkurven?

In loser Reihenfolge gehen wir in Form von «SPEEDWEEKipedia» auf Fragen unserer Leser ein. Dieses Mal will Alessandra Rossi aus Cenestrerio wissen: «Bei TV-Bildern aus Monza werden immer wieder die tollen Steilwandkurven gezeigt. Ich würde gerne etwas mehr über die Historie dieser Pistenversion erfahren. Und was spricht dagegen, die Steilwand wieder für Rennen zu nutzen?»

Zunächst ein wenig Historie – es hat nicht viel gefehlt, und die atemraubenden Steilwandkurven von Monza, «sopraelevate» auf Italienisch, wären der Abrissbirne zum Opfer gefallen. Es bedurfte einer Unterschriftenaktion, um die Passagen zu erhalten. Ergebnis: Der Hochgeschwindigkeitsring (zwei 320 Meter lange, bis zu 80 Prozent überhöhte Kurven, verbunden durch zwei 875 Meter lange Geraden) blieb. Und rottete vor sich hin. Nur wenn Sicherheitskräfte im Rahmen des Monza-GP unachtsam waren, konnten wir schon mal durch eine Kontrolle schlüpfen und die grandiosen Kurven von nahem in Augenschein nehmen.

Ein zehn Kilometer langer Kurs samt Oval war 1955 und 1956 sowie 1960 und 1961 Schauplatz des Italien-GP. 1957 und 1958 wurde das Oval zur Bühne eines ungewöhnlichen Vergleichs: Beim «Rennen der zwei Welten», spasseshalber auch «Monzanapolis» genannt, wurden Helden des Indy 500 nach Monza eingeladen, um gegen die europäischen Piloten anzutreten.

Die Vollgashaudegen aus der neuen Welt sparten nicht an Show: Bob Veith erzielte die schnellste Trainingsrunde mit einem Schnitt von 283 km/h! Der Rennspeed von Jim Rathman konnte sich auch sehen lassen – mehr als 268 km/h! Der Watson-Offenhauser von Rathman – offiziell «John Zink Leader Card Monza Special» benannt, steht heute im Rennmuseum von Indianapolis.

Das 1958er Rennen war zwar ein Publikumserfolg, doch interne Probleme beim Automobilklub von Mailand führten dazu, dass es bei diesen beiden Vergleichen blieb.

Nach der GP-Ausgabe 1961 wurde der bucklige Ovalteil als zu gefährlich eingestuft, die Formel 1 würde nie wieder im italienischen Oval fahren.

Ab 1965 wurde das Oval fürs 1000-km-Rennen von Monza verwendet, doch als die Sportwagen immer schneller wurden, wurde auch in dieser Kategorie schliesslich aufs Oval verzichtet, ab 1970 fanden die 1000 Kilometer auf dem normalen GP-Kurs statt.

Eine Weile noch gab es im Oval kleinere Rennen oder Rekordversuche, dann war der Zustand so bedenklich, dass auch dies beendet werden musste.

Einige Jahre lang kursierte der Plan, aus einem Teil der Steilwände ein Museum zu gestalten. Das musste aus finanziellen Gründen verworfen werden.

Nachdem klar war, dass ein Abriss nicht in Frage kommt, erarbeitete eine Gruppe vom Polytechnikum Mailand einen Plan, wie man die Kurven restaurieren könnte. Schon der Bau der auf Stelzen stehenden Betonbahn war nicht undramatisch: Die bauführende Firma musste das Handtuch werfen, dennoch konnte die im März 1955 begonnene Arbeit im August abgeschlossen werden.

Inzwischen hat die Bahn einen neuen Belag erhalten. Es ist aber nicht geplant, dass auf dem Ringkurs je wieder Rennen stattfinden werden. Vielmehr soll der Ovalkurs sich gebührend hübsch zeigen dürfen.

Für die Formel 1 ist die Steilwand aus mehreren Gründen kein Thema: Keine Auslaufzone, zudem gibt es strenge Vorschriften, was die Überhöhung der Kurven von GP-Kisten betrifft. Und die Bauweise der Kurven entspricht nicht dem heutige Standard.

Dennoch findet sich immer wieder ein Formel-1-Fahrer in der Steilwand. Für eine Geschichte von Mercedes zusammen mit den Kollegen von auto, motor und sport rückten 2015 die beiden britischen Könner Sir Stirling Moss und Lewis Hamilton in die Steilwand aus. Hamilton war nach dem Einsatz mit dem Mercedes W196 baff und schwärmte: «Könnt ihr euch vorstellen, was das für ein Rennen mit unseren Autos von heute gäbe? Eine unglaubliche Show!»

Filmaufnahmen von Lewis Hamilton und Sir Stirling Moss mit ihren Mercedes finden Sie auf YouTube:

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Mathias Brunner
​Lewis Hamilton ist nach 2008, 2014, 2015, 2017, 2018 und 2019 zum siebten Mal Formel-1-Weltmeister. Doch sein Erbe besteht nicht aus Bestmarken, die er reihenweise niederreisst. Sein Erbe reicht erheblich weiter.
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