Mercedes gegen Ferrari: Wettlauf vor und nach den GP

Von Rob La Salle
Formel 1
Mercedes gegen Ferrari – das Duell geht weiter

Mercedes gegen Ferrari – das Duell geht weiter

​Mercedes-Star Lewis Hamilton und WM-Rivale Sebastian Vettel sind einer Meinung: «Weltmeister wird letztlich jener Fahrer, dessen Team am effizientesten entwickelt.» Es ist ein Rennen vor und nach den Grands Prix.

Die Formel 1 ist in der Saison 2018 so hart umkämpft wie seit vielen Jahren nicht mehr. Doch während auf der Strecke das epische Duell Lewis Hamilton gegen Sebastian Vettel, Mercedes gegen Ferrari, ausgefochten wird, erfolgt einer der entscheidenden Aspekte der diesjährigen Weltmeisterschaft abseits der Rennstrecke: Das Entwicklungsrennen während der Saison. Dabei geht es um jene Verbesserungen, welche die Teams für ihre Autos erarbeiten, während die Saison in vollem Gange ist.

Mercedes konzentriert sich dabei hauptsächlich auf drei Bereiche: die Aerodynamik, die Antriebseinheit und die Reifen. Bei der Weiterentwicklung der Aerodynamik besteht das Ziel darin, neue und bessere Verkleidungen und Flügel zu entwickeln. Bei der Antriebseinheit verfolgt das Team normalerweise zwei Ziele. Das erste ist, neue Designs für Power-Unit-Komponenten zu entwickeln; das zweite ist zu verstehen, wie hart die PU an ihre Grenzen getrieben werden dürfen.

Zu Saisonbeginn möchte das Team sicherstellen, dass die Antriebseinheit zuverlässig läuft. Da die Zuverlässigkeit auf dem Prüfstand ausgetestet werden muss, beginnt ein Team wie Mercedes normalerweise eher konservativ. Zunächst mal wird sichergestellt, dass der Motor die benötigte Laufleistung erreicht. Sobald eine zuverlässige Basis existiert, konzentrieren sich die folgenden Dauerläufe darauf, mehr Leistung herauszuholen. Bei diesen Versuchen ist das Team dazu bereit, den Motor auf dem Prüfstand etwas stärker zu belasten. Dies ist ein gut geölter Prozess, bei dem versucht wird, das genaue Limit zu finden, ohne darüber hinauszuschiessen.

Der dritte Hauptbereich für die Weiterentwicklung während der Saison sind die Reifen. Mit diesen sammelt das Team seine ersten Eindrücke erst bei den Wintertests. Die Reifen sind ein wichtiger Leistungsfaktor, und es dauert eine Weile, um sie vollständig zu verstehen und das Maximum aus ihnen herauszuholen. Das mag nicht unbedingt einen Einfluss auf die Weiterentwicklung und das Design des Autos haben, es verändert aber höchstwahrscheinlich die Art und Weise, wie das Team mit dem Auto umgeht, um das Optimum aus den Reifen herauszuholen.
 
Die genaue Rundenzeit, um die sich ein Team im Verlauf der Saison verbessern kann, ist eines der bestgehüteten Geheimnisse der Formel 1. Es ist aber ganz klar, dass die Weiterentwicklung im Laufe der Saison einen erheblichen Einfluss auf den Ausgang der Saison hat. Wenn ein Team die Entwicklung seines Autos nach dem ersten Rennen einstellen würde, während die anderen Teams für den Rest der Saison fleissig weiterentwickeln, würde dieses Team mehrere Positionen in der Konstrukteurs-Weltmeisterschaft verlieren. In der Formel 1 gilt: Stillstand ist Rückschritt.
 
Der Entwicklungsverlauf ist von den Komponenten abhängig. Bei der Antriebseinheit wird die Weiterentwicklung grösstenteils vom Reglement vorgeschrieben. Es sind nur drei Stück für die gesamte Saison erlaubt und das Team möchte deshalb sicherstellen, dass die Laufleistung der einzelnen Einheiten relativ gleichmässig über diese drei Einheiten verteilt wird.

Andere Komponenten werden durch die Streckeneigenheiten bestimmt. In Monza wird zum Beispiel ein flacherer Heckflügel als auf anderen Strecken benötigt. Entsprechend entwickelt das Team den Heckflügel und das «Low-Downforce»-Paket mit ausreichend Vorlauf zu Monza, damit die Teile rechtzeitig vor dem Rennwochenende konstruiert werden können.

Beim Aero-Programm wird ein Rahmenplan festgelegt, der grob vorgibt, wann man neue Pakete einführen möchte. Die Abstände sind normalerweise so gewählt, dass das Team zuversichtlich ist, genügend Fortschritte in der Zwischenzeit erzielt zu haben, die dann als ein Paket zusammengefasst werden können. Diese Zeitpläne sind jedoch ständig in Bewegung – hauptsächlich deswegen, weil sich das Team nie ganz sicher sein kann, wo die Fortschritte erzielt werden, wie gross sie ausfallen und wie einfach sie zu integrieren sein werden.

Schliesslich gibt es auch opportunistische Weiterentwicklungen, bei denen jemand eine gute Idee hat und das Team sich dazu entschliesst, diese umzusetzen. Während sich also manche Update-Pakete monatelang in der Planung befinden, werden andere vielleicht sobald sie das Team entdeckt hat direkt ans Auto gebracht.

Klar wird auch die Konkurrenz beobachtet. Wenn ein Team etwas entdeckt, das es vorher noch nicht ausprobiert hat und das an seinem Auto umsetzbar scheint, dann wird es das in einer Simulation oder im Windkanal testen. Wenn es gut funktioniert, werden sie es auch an ihrem Auto einsetzen. Da die Fahrzeugkonzepte aber sehr unterschiedlich sind, beeinflussen diese Inspirationen nur kleine Dinge auf eine geringfügige Art und Weise, und sie sind auch nicht einfach umzusetzen.

Die Rückmeldungen der Fahrer spielt bei all dem eine wichtige Rolle. Sie verändern nur selten die grundlegende Performance-Ausrichtung eines Autos, aber sie ermöglichen es dem Team, seinen Ansatz anzupassen, zum Beispiel bei der Position des Sitzes oder der Spiegel, dem Lenkeinschlag oder des Pedalwegs. Das mag wie kleine Details klingen, aber sie sind wichtig, da ein Fahrer, der sich nicht wohl fühlt, nicht das Beste aus dem Auto herausholen kann. Während die Schlüsselelemente eines schnelleren Autos normalerweise für alle Fahrer gleich sind, kann das Feedback der Piloten die Performance-Entwicklung des Autos dennoch beeinflussen. Denn es hilft dem Team dabei, die Bereiche des Autos zu identifizieren, auf die sie sich beim Weiterentwicklungsprozess konzentrieren sollten.
 
Jedes Team hat auch bereits das folgende GP-Jahr im Kopf. Ein Rennstall möchte sicherstellen, dass es die Leistungsfähigkeit des nächsten Jahres nicht für Punkte in diesem Jahr opfert. Trotzdem ist es keine einfache Entscheidung, ab wann man mehr und mehr Personal von der Entwicklung des diesjährigen Autos auf das nächstjährige verschiebt, ganz besonders in einer hart umkämpften Saison. Wenn ein Team in der Weltmeisterschaft meilenweit enteilt ist, ist es eine relativ einfache Entscheidung, da das Team schon recht früh umschalten kann, weil es weiss, dass die anderen Teams es nicht einholen werden. Das gleiche gilt für ein Team, das meilenweit hinter den anderen liegt. Egal wie hart sie arbeiten, sie werden das nächste Team nicht einholen.

Schwieriger wird es, wenn es im WM-Kampf richtig eng zugeht. Dann tendieren Teams dazu, sich etwas mehr auf die aktuelle Saison zu konzentrieren als sie das möglicherweise sonst tun würden. Dabei spielt auch das kommende Reglement eine Rolle. Für die aktuelle Saison blieb das Regelwerk relativ stabil. Somit konnten die Teams erst recht spät umschalten und wussten trotzdem, dass es sie nicht besonders schmerzen würde. In der nächsten Saison gibt es jedoch relativ große Veränderungen am Aerodynamik-Reglement, weshalb es ein Risiko wäre, das zu ignorieren.

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