Wolff: «Die letzten 48 Stunden waren fürchterlich»

Von Vanessa Georgoulas
Formel 1
Mercedes-Motorsportdirektor Toto Wolff vermisst seinen Sparring-Partner und Freund Niki Lauda

Mercedes-Motorsportdirektor Toto Wolff vermisst seinen Sparring-Partner und Freund Niki Lauda

Mit Tränen in den Augen stellte sich Toto Wolff den Fragen zum Tod von Niki Lauda. Der Wiener gestand: «Mir fällt es sehr schwer, über die Persönlichkeit Niki zu sprechen, weil er in erster Linie mein Freund war.»

Die Trauer um Niki Lauda ist im Mercedes-Motorhome omnipräsent, auf den TV-Bildschirmen werden Bilder aus dem gleichermassen erfolg- und ereignisreichen Leben der GP-Legende gezeigt, die eine beispiellose Karriere hingelegt hat. Niki eroberte 25 GP-Siege, drei WM-Titel und gab das mutigste Comeback in der Geschichte des Sports. Der beliebte Österreicher etablierte sich ganz nebenbei als erfolgreicher Fluglinienbesitzer und wirkte zuletzt als F1-Vorstandsvorsitzender der Mercedes-Mannschaft, die in Monte Carlo nun mit Trauerflor unterwegs ist.

Der Schock sitzt tief, vor allem bei Motorsport-Direktor Toto Wolff und dessen Goldjungen Lewis Hamilton, die nicht nur ein wertvolles Teammitglied, sondern einen echten Freund verloren haben. Beide liessen sich am Mittwoch entschuldigen und verzichteten auf die üblichen Medientermine, die Hiobsbotschaft aus dem Unispital in Zürich war noch zu frisch, als dass sie sich öffentlich über ihre Bestürzung und Trauer hätten äussern wollen.

Schweren Herzens und mit Tränen in den Augen empfing Wolff die Journalisten Tags darauf zur besonders emotionalen Presserunde, in der sich alles um den schmerzlichen Verlust drehte. Der Wiener erklärte sichtlich bedrückt: «Wie ihr euch vorstellen könnt, ist das eine sehr schwierige Situation, zum Racing-Alltag zurückzukehren, speziell hier in Monaco, wo die Medienaufmerksamkeit so gross ist. Es ist nicht einfach, emotional die Fassung zu wahren und vor euch allen über den Verlust eines Freundes zu sprechen.»

«Das ist es, was am meisten zählt und auch am stärksten schmerzt, denn einerseits hat die Welt und die Formel-1-Gemeinde die grösste Ikone dieses Sports verloren, andererseits ist ein Freund von uns gegangen. Wir haben Niki bei jedem einzelnen Rennen vermisst, seit er krank wurde und nicht mehr dabei war. Für mich ist es unglaublich schwierig, nicht mehr mit ihm kommunizieren zu können und diesen wertvollen Sparring-Partner und sein Feedback zu verlieren. Die letzten 48 Stunden waren fürchterlich. Ich fühle mich wie ein Zombie, schaue mir die Bilder an und habe immer wieder Tränen in den Augen, weil er nicht mehr hier ist. Es ist eine grosse schwarze Wolke, die über unseren Köpfen schwebt und er wird so schrecklich vermisst – in diesem Team und in der Formel 1, deren Herz und Seele er war.»

«Wir alle hatten unsere Momente mit Niki, und er ist wahrscheinlich der Mensch, mit dem ich in den letzten fünf bis sechs Jahren wohl am Meisten Zeit verbracht habe. Immer wieder daran erinnert zu werden und die Bilder zu sehen, ist unheimlich schwierig. Mir fällt es sehr schwer, über die Persönlichkeit Niki zu sprechen, weil er in erster Linie mein Freund war. Er war auch unser Chairman und damit der Inbegriff dieses Teams. Ich vermisse ihn aber in erster Linie als Freund», fügte der 47-Jährige an.

Die Schreckensnachricht kam nicht unerwartet, wie Wolff offenbarte: «Es war die letzten Wochen absehbar, denn es ist immer schwieriger geworden. Dieser Eingriff, den er sich unterziehen lassen musste, ist ein Rieseneingriff, bei dem es klar war, dass es eine Chance gibt, dass es auch nicht gut geht. Über Winter ist es richtig vorwärts gegangen und dann hat ihn ein Grippevirus leider wieder weit zurückgeworfen. Trotzdem haben wir weiter regelmässig kommuniziert, wir haben telefoniert oder uns Textnachrichten geschickt. Zuletzt nach dem Baku-GP. Das war das letzte Mal, dass ich mit ihm gesprochen habe. Das werde ich nie vergessen. Die Message war: ‚Besser geht’s nicht, weiter so.‘»

Dabei hatte es eine Weile gedauert, bis sich Lauda und Wolff eingespielt hatten: «Wie wir in das gemeinsame Abenteuer Formel 1 geschmissen worden sind, haben wir ein Jahr gebraucht, um uns zu kalibrieren. Wir haben beide, jeder für sich, unsere eigenen Unternehmen geführt und es war schwierig, einen zweiten Referenzpunkt zu haben und Entscheidungen zu treffen. Aber er war so ein Pragmatiker, dass wir nach einem Jahr zusammengesessen sind und gesagt haben, wir arbeiten zusammen, denn damit kommen wir schneller ans Ziel.»

«Über die Jahre ist diese Verbindung gewachsen. Weil wir Vertrauen ineinander gefunden haben. Er in meine aktive Arbeit mit dem Team und in die Akteure innerhalb der Mannschaft und wir in ihm als unseren Aussenminister, als denjenigen, der mit allen sprechen konnte und der auch alles sagen konnte. Niki konnte alles sagen, das ist eine unglaubliche Stärke, die wir im Team hatten, und die uns heute fehlt. Über die vielen Jahre ist dann diese Freundschaft entstanden», fügte der Motorsportdirektor der Silberpfeile an.

Und Wolff erzählte auch: «Ich kann mich noch gut an einen Rückflug von Suzuka erinnern, ich glaube, das war vor zwei Jahren, als wir die Meisterschaft gewonnen hatten. Wie wir da in der Luft so fliegen, sehe ich, dass er eine Träne im Auge hatte. Und ich sagte: ‚Niki jetzt wirst du noch emotional auf die alten Tage, es geht wirklich bergab.‘ Er meinte dann: ‚Also ich habe ja wirklich keine Freunde, aber wenn es sowas wie einen Halbfreund gibt, dann bist du das.‘ Das war das Emotionalste, was ich je von ihm gehört habe und das werde ich auch nie vergessen.»

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