Mythos Monaco: Ayrton Senna – seine beste Runde?

Kolumne von Mathias Brunner
Formel 1
Ayrton Senna – in den Strassen von Monaco fast unschlagbar

Ayrton Senna – in den Strassen von Monaco fast unschlagbar

​Ayrton Senna war der König von Monaco: Sechs Mal hat der charismatische Brasilianer den Strassenklassiker gewonnen, aber so gefahren wie im Abschlusstraining zum Grand Prix 1988 ist er nur einmal.

Ich habe viele Renngrössen nie fahren gesehen: Tazio Nuvolari nicht, die Silberpfeilhelden der 30er Jahre nicht, keinen Bernd Rosemeyer, keinen Rudolf Caracciola. Ich kenne den gelassenen Fahrstil von Juan Manuel Fangio nur aus alten Filmen, Jim Clarks Überlegenheit nur aus der Konserve, und als sich Jackie Stewart und Emerson Fittipaldi um die WM-Titel balgten, ging ich zur Grundschule, ein Junge aus bescheidenen Verhältnissen, der von der Formel 1 träumt. Monaco war für mich ungefähr gleich weit weg wie der Mond.

Dafür habe ich Ayrton Senna fahren gesehen.

Ich war bei seinem ersten GP-Triumph dabei (im strömenden Regen von Estoril 1985), bei seinem grössten Sieg (in der Sintflut von Donington Park 1993) – und bei der vielleicht fabelhaftesten Trainingsrunde, die je ein Grand-Prix-Fahrer gezeigt hat, in Monte Carlo 1988.

Es gehört zum Mythos Monaco, dass Senna hier nichts mehr tat, was mit normalem Formel-1-Fahren zu tun hat, wenn man beim Bändigen eines GP-Renners im Leitschienenkanal von Monte Carlo überhaupt von Normalität sprechen kann.

Der unvergessene Brasilianer hat das Qualifying in Monte Carlo 1988 als «meine intensivste Erfahrung in der Formel 1» beschrieben, «ein Gefühl, wie ich es nie wieder erleben durfte».

Die Abschlusstrainings mit Senna waren fast immer ein Leckerbissen. Wenn der Brasilianer kurz vor Schluss des Qualifyings auf die Bahn ging, dann wussten alle – jetzt wird gleich etwas Magisches passieren.

Wie Ayrton durch die Gegner pflügte, das war Hochgenuss. Andere Piloten jammerten nach dem Abschlusstraining oft, sie seien aufgehalten worden, «ich hatte Verkehr». Formel-1-Promoter Bernie Ecclestone ätzte dann jeweils: «Ein guter Pilot hat keinen Verkehr.»

Senna habe ich so gut wie nicht wehklagen hören. Wenn Gegner den leuchtend gelben Punkt seines Helms im Rückspiegel auftauchen sahen, zuckten sie automatisch zur Seite.

Noch heute zanken sich Formel-1-Fans leidenschaftlich darüber, welches wohl die fabelhafteste Runde von Ayrton Senna war – die Startrunde im Regen von Donington 1993 vielleicht? Nicht für den grossen Brasilianer selber. Senna bezeichnete Monaco 1988 als seine grösste Stunde, nein, mehr noch, als «meine intensivste Erfahrung in der Formel 1».

Senna beschrieb einen Zustand, in welchem er sich quasi selber beim Fahren zusah, alles funktionierte automatisch, der Verstand war vom Körper abgekoppelt. «Ich hatte bereits die Pole, um eine halbe Sekunde, aber ich fuhr immer schneller, eine Sekunde vor meinen Gegnern, dann fast eineinhalb Sekunden. Ich fuhr nur noch nach Instinkt, ich war in einer anderen Dimension, wie in einem Tunnel, jenseits von bewusstem Verständnis.»

«Ich bin ausgestiegen und habe meinen Jungs gesagt: Das ist das Maximum, es gibt keinen Raum, um noch schneller fahren zu können. Dieses Gefühl habe ich nie wieder erreicht.»

Am Schluss lag Senna 1,427 Sekunden vor Alain Prost im gleichen 1988er McLaren.

Senna in seinen eigenen Worten finden Sie in diesem stimmungsvollen YouTube-Video:

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Mathias Brunner
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