MotoGP-Realität unter Liberty: «Ein Fehler, nur auf Unterhaltung zu setzen»
«Die magische Formel war einmal, dass man am Sonntag gewinnt und am Montag verkauft», sagt Yamahas MotoGP-Rennchef Paolo Pavesio. Weshalb Racing dennoch ultimativ wichtig ist für die Hersteller.
Mitte Juni haben Aprilia, Ducati, Honda, KTM und Yamaha einen neuen und
Paolo Pavesio, Geschäftsführer von Yamaha Motor Racing und damit verantwortlicher MotoGP-Manager des japanischen Herstellers, kommt ursprünglich aus dem Marketing und ist Realist durch und durch.
Es war unrealistisch zu erwarten, dass jemand eine magische Flasche öffnet.paolo pavesio
«Über Liberty, Liberty Media und Dorna hört man viel», holte Pavesio im Vieraugengespräch mit SPEEDWEEK.com aus. «Die Wahrheit ist, dass Liberty Media mit 84 Prozent die Mehrheit von Dorna übernommen hat und zur MotoGP Sports Entertainment Group wurde, hinter der letztlich Liberty steckt. Die früheren Dorna-Leute wie Carmelo und Carlos Ezpeleta gehören jetzt also zu einer neuen Gruppe, hinzu kommen einige neue Vorstandsmitglieder, die wir auch alle getroffen haben. Und es gibt Derek Chang als Präsidenten der Holding, die die Formel 1 und MotoGP kontrolliert. Wir reden also nur von einer neuen Struktur, nicht von einer neuen Firma, die sich jetzt um die MotoGP kümmert. In einigen Bereichen erleben wir Evolutionen, es gibt aber auch viel Kontinuität. Es war etwas unrealistisch zu erwarten, dass jemand eine magische Flasche öffnet oder es einen speziellen Moment mit gravierenden Änderungen gibt. Vielleicht ist das auch gar nicht nötig.»
Es braucht die richtigen Austragungsorte
Die MotoGP Sports Entertainment Group will dafür sorgen, dass die Königsklasse auf zwei Rädern auf breiteres Interesse stößt und die Fanbasis global wächst. Es geht auch darum, wie sich die MotoGP darstellen und wo sie auftreten soll. Denn während Events in den Wachstumsmärkten Südostasien oder Südamerika auf breites Faninteresse stoßen und dadurch mittelfristig stärkere Motorradabsätze und Imagegewinne in den betreffenden Ländern geschaffen werden, nutzt eine Veranstaltung beispielsweise am Plattensee in Ungarn ohne regionale Motorradkultur wenig.
«Bevor wir über mögliche Änderungen reden, müssen wir uns überlegen, was deren Zweck ist und was es zu schützen gilt», so Pavesio. «Wir Hersteller betreiben Rennsport, um mit unseren Fans in Kontakt zu treten und um im letzten Schritt Motorräder zu verkaufen. Die magische Formel war einmal, dass man am Sonntag gewinnt und am Montag verkauft. Heute ist das keine exakte Mathematik mehr. Es ist aber offensichtlich, dass eine stärkere Marke mehr oder besser verkauft. Dafür fahren wir Rennen. Einer meiner japanischen Kollegen sagt mir immer, dass Markenbildung das Ziel und Racing die Methode dafür ist. Der Rennsport bietet aber noch mehr, etwa die Möglichkeit zur Entwicklung neuer Technologien. Oder um als Übungsfeld für deine Techniker zu dienen, womit sie ihre Kompetenz steigern können. Man lernt auch viel über Organisation oder wie man Herausforderungen meistert. Manchmal erlebt man schwierige Momente, aber auch diese besitzen einen Wert.»
Es muss klar sein, dass wir unsere jetzige Fanbasis nicht übergehen dürfen.yamaha-rennchef paolo pavesio
Von zusätzlichen Fans profitieren alle
«Mit diesen Gedanken im Hinterkopf muss klar sein, dass wir unsere jetzige Fanbasis nicht übergehen dürfen», unterstrich der Italiener. «Gleichzeitig müssen wir uns um neue Fans bemühen. Heute ist es so, dass Motorradrennen von Motorradfans angeschaut werden. Wenn neue Fans dazu kommen, profitieren alle. Es gibt Regionen, in denen schwindet die Popularität von Motorrädern. Neue Fans werden dafür sorgen, dass es neue Zuschauer vor dem Fernseher und auch an der Rennstrecke gibt. Und vielleicht zieht dann der ein oder andere in Betracht, sich ein Motorrad zu kaufen. Wir müssen schützen wer wir sind und weshalb wir Rennen fahren, aber auch offen für neue Fans sein.
Dort kann man die Hingabe für die MotoGP spüren.paolo pavesio über goiania
Pavesio konkretisierte: «Wir wollen die Fanbasis erweitern, gleichzeitig aber das Erlebnis für Motorradfans verbessern. Dafür müssen wir auch die richtigen Plätze wählen, wo wir hingehen. Am Balaton zum Beispiel ist nicht das Problem, dass das keine schöne Strecke ist. Wären wir von Besuchern überrannt worden, und gäbe es dort Passion für die MotoGP oder Motorräder, dann muss man manchmal an anderer Stelle Abstriche machen. Dort gibt es aber keine Motorradkultur, das ist kein Ort, an dem wir mit dem, was wir machen, wachsen können. Goiania hingegen unterstütze ich trotz aller Probleme, die wir dort hatten, 100-prozentig. Dort kann man die Hingabe für die MotoGP spüren und die Motorradindustrie wächst. Die Fans dort schauen nach der MotoGP, nicht nur nach Diogo Moreira. Einige von ihnen reisten mit ihren Bikes von Argentinien an, weil sie kein Rennen daheim hatten und die MotoGP sehen wollten.»
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