Silverstone-GP: Wer trägt die Kosten für die Absage?

Von Günther Wiesinger
MotoGP
Die Geduld der englischen Fans wurde auf die Probe gestellt

Die Geduld der englischen Fans wurde auf die Probe gestellt

Teams, Fahrer, Zuschauer, TV-Sender, der Veranstalter und viele andere Beteiligte wurden durch die GP-Absage geschädigt. Gilt die Ausrede der «höheren Gewalt»? Oder war Fahrlässigkeit im Spiel?

Die Absage des British Motorcycle Grand Prix in Silverstone hat nicht nur Auswirkungen auf den WM-Stand, sondern er wird auch noch langwierige finanzielle Diskussionen und Streitigkeiten nach sich ziehen. Denn es wurden die Teams geschädigt, die TV-Stationen, die Zuschauer an der Strecke, die Sponsoren, die Fahrer (keine Chance auf Bonusgelder und Punkte) und so weiter.

Üblicherweise versuchen die Veranstalter bei solchen Absagen von Sportveranstaltungen, den Besuchern die Kosten für die Eintrittskarten nicht rückerstatten zu müssen – wegen höherer Gewalt («force majeure»). Aber diese ist normalerweise auf Naturereignisse beschränkt – Hochwasser, Nebel, Schnee, Hurrikan, und so weiter.


Für von Menschen verursachte Ereignisse kennt die Rechtsprechung den Begriff «cas fortuit». Und so ein Ereignis sollte eigentlich vorliegen, wenn sich der Verdacht bewahrheitet, dass die Baufirma «Aggregate Industries» für 5,5 Millionen Euro im Januar einen unbrauchbaren, weil wasserundurchlässigen Belag aufgebracht hat.

Am Sonntag waren sich alle Beteiligten einig: Nicht der leichte Dauerregen war für die MotoGP-Katastrophe in England verantwortlich, sondern die mangelhafte Drainage. Am Samstag im FP4 reichte schon eine verregnete Kurve (Turn 7), um jeden einzelnen des Weges kommenden MotoGP-Fahrer (Aleix Espargaró, Rabat, Morbidelli, Rins) aus dem Sattel zu befördern. Nur Lorenzo blieb nach seinem Ausritt sitzen.

Man darf jetzt davon ausgehen, dass der Silverstone-Betreiber und GP-Promoter «Silverstone Circuits Ltd.» gegen das Unternehmen Aggregate Industries eine Schadenersatzklage einbringt und eine zweite, neue Asphaltschicht verlangt.

Eine «Ticketing Refund Policy» ist im Veranstaltervertrag zwischen Dorna Sports und den GP-Promotern nicht vorgesehen. Es muss also der Veranstalter entscheiden, ob er Geld zurückzahlen will – und in welcher Höhe. Es könnte kulanterweise auch ein Rabatt für Tickets 2019 angeboten werden. Aber es wurde ja zweieinhalb Tage trainiert, auch ein Teil des Rahmenprogramms (erstes Rennen European Talent Cup) hat am Samstag bereits stattgefunden.


Anderseits: FIM und Dorna haben den neuen Belag durch Safety-Officer Franco Uncini und Cal Crutchlow inspizieren lassen. Er wurde für gut befunden, denn damals herrschten 25 Grad, es regnete nicht.


Und da es seit dem Frühjahr in England – ungewöhnlicherweise – nie richtig geregnet hat, kam es nie zu einem Regenrennen auf dem neuen Belag. Der Formel-1-GP, ein Sechs-Stunden-Rennen und die ungewöhnliche Hitze dürften den Asphaltschichten auch zugesetzt haben, deshalb kamen die vermeintlich verschwundenen Bodenwellen inzwischen wieder zum Vorschein.

Bei Michelin wurde der Verdacht geäußert, dem Bitumen sei eine chemische Substanz beigemischt worden, die ein Abrinnen des Regenwassers verhindert. Dann kämen wohl Fahrlässigkeit und menschliches Versagen ins Spiel.

Vorläufig besteht für die Fans keine Aussicht, dass sie einen Teil des Eintrittsgeld erstattet bekommen.

Der britische GP-Promoter muss voraussichtlich die komplette Gebühr an die Dorna bezahlen, dazu muss er den vollen Aufwand für die Organisation, sportliche Ausrichtung und die Werbung für den Grand Prix bezahlen.

Für die Teams sind durch die Verschiebung und endgültige Absage zusätzliche Kosten entstanden. «Wir verlieren durch die Absage Geld», bestätigte Moto3-Teambesitzer Peter Öttl. «Wir hatten für Sonntagabend alle den Rückflug gebucht. Das war durch die Verschiebung nicht mehr zu schaffen. Ich habe dann für Montag neue Flüge gebucht. Dazu kamen Hotelkosten. Wie die IRTA das Preisgeld fürs Rennen bewertet, weiß ich erst, wenn die Abrechnung da ist.»

Von höherer Gewalt konnte man sicher 1980 auf dem Salzburgring sprechen, als der GP von Österreich Ende April einer 40 Zentimeter dicken Neuschneedecke zum Opfer fiel. Auch die zweimalige Verschiebung des Motegi-GP vom April in den Oktober durch den Vulkanausbruch und den Atomunfall von Fukushima (11. März 2011) wurden zu Recht als höhere Gewalt abgetan.

Können die TV-Stationen mit einem finanziellen Entgegenkommen des TV-Rechte-Verkäufers Dorna rechnen?

Auch hier geht es um die Haftungsfrage. Normalerweise dürfen die TV-Sender nicht mit einer Reduktion der jährlichen Gesamtsumme rechnen.

Denn zuerst müsste der Belagsfirma nachgewiesen werden, dass sie fahrlässig und unprofessionell gehandelt hat. Aggregate Industries wird sich darauf berufen, dass es eine Abnahme gab und bereits andere Rennen im Regen stattgefunden haben, wenn auch auf vier Rädern.

Die Engländer bezeichnen den Begriff höhere Gewalt als «act of god».

Und wenn Gott will, wird jeder Geschädigte auf seinen Kosten sitzen bleiben.

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