Jan Witteveen: «Früher war so etwas undenkbar»

Von Günther Wiesinger
Superbike-WM
Althea BMW: Jan Witteveen mit Markus Reiterberger

Althea BMW: Jan Witteveen mit Markus Reiterberger

Die Topfahrer führen heutzutage bei der Zusammensetzung der Technikcrew das Kommando, womöglich widersetzen sie sich trotzdem den Teaminteressen. Ingenieur Jan Witteveen (Althea BMW) übt Kritik.

Was hat sich an der Rolle eines Rennfahrers in der MotoGP- oder Superbike-WM im Vergleich zu früher geändert? Wir sehen zum Beispiel, dass die Fahrer Valentino Rossi, Jorge Lorenzo, Marc Márquez und jetzt auch Dani Pedrosa die Mechaniker bzw. Chefmechaniker entlassen beziehungsweise einstellen.

Dass Fahrer wie Stoner ihre Crew-Chiefs samt kompletter Mannschaft gleich von Ducati zu Honda mitbringen. Dass Fahrer wie Marco Melandri und Loris Baz in der Superbike-WM 2014 einfach entschieden, den anderen Teamfahrer vorbeizulassen oder nicht.

Konsequenzen? Anscheinend gibt es keine.

Hat sich also die Rolle des Fahrers geändert? Oder gibt es bei den Werken kein richtiges Management mehr?

Früher unvorstellbar

«Die Werksfahrer werden alle gut bezahlt», hält der ehemalige Aprilia-Renndirektor Jan Witteveen fest, heute in Diensten von Althea BMW in der Superbike-WM. «Also sollten sich die Fahrer nach den Wünschen und Anordnungen der Werke richten, die schließlich ihren Lohn bezahlen. Zu meiner Zeit wäre ein solches Verhalten bei den Fahrern fast unmöglich und unvorstellbar gewesen.»

Witteveen weiter: «Die Motorradhersteller setzen alles daran, um Motorräder zu entwickeln, die technisch wettbewerbsfähig sind, um ihren gut bezahlten Fahrern zu guten Erfolge zu verhelfen. Die Fahrer wiederum sollten aus dem Material, das zur Verfügung steht, das Maximum herausholen. Das geht nur, wenn Fahrer, Team und Hersteller zusammenarbeiten. Der Hersteller gibt alle notwendigen Informationen an das Team weiter und gewährleistet damit, dass die beste technische Lösung am Start steht. Es gibt sozusagen einen Informationsfluss zum Team und zurück zum Hersteller. Somit ist die Qualität des Teams und der Schlüsselpersonen wie Chefmechaniker, Data-Recording-Ingenieur, Elektroniker, Fahrwerkstechniker und so weiter wichtig für den Hersteller, um Informationen zu bekommen für Problemlösungen und neue Entwicklungen.»

«In diesem Zusammenhang ist natürlich auch der Fahrer wichtig», ist sich der Niederländer bewusst. «Aber es kommt selten vor, dass der Fahrer langfristig einer Marke verbunden bleibt. Ausnahmen waren Doohan, Schwantz und sind heute Pedrosa oder Lorenzo. Normale Fahrerverträge dauern meistens nur zwei Jahre. Die meisten Fahrer versuchen immer, das beste Motorrad zu kommen. Nur wenn das nicht möglich ist, geben sie dem bestdotierten Vertrag den Vorzug.»

«In meiner Zeit bei Aprilia hatte das Team Priorität. Der Fahrer musste den Chefmechaniker beziehungsweise das Team akzeptieren. Bei externen Teams, die Werksmaterial haben wollten, habe ich zur Bedingung gemacht, dass der Chefmechaniker von Aprilia genehmigt wurde, um eine gewisse Qualität in der Zusammenarbeit zu gewährleisten. Wenn es dann nicht optimal funktionierte, was meistens von Erfolgserwartung abhängig war, haben wir personell etwas geändert, aber immer mit internen Aprilia-Lösungen.»

Verantwortung wird abgewälzt

«Heute hat es den Anschein, als würden die Topfahrer das Team formieren und gestalten», ist Witteveen aufgefallen. «Marc Márquez hat seine Crew, obwohl er 2013 Weltmeister wurde, für 2014 neu formiert. Rossi hat für 2014 den Chefmechaniker ausgewechselt und so weiter. Technisch gesehen, aus dem Blickwinkel des Herstellers, kann ich das nicht nachvollziehen. Es ist auch schwer zu glauben, dass diese Manöver und Änderungen hinter den Kulissen von den Herstellern gewollt und geplant waren. Man sieht ja zum Beispiel, dass bei HRC durch die Umstellungen von Márquez und Pedrosa etliche Spitzentechniker arbeitslos wurden oder nur teilweise auf neue Positionen transferiert werden konnten.»

«Das Bestreben, alles zu tun, um die Fahrer langfristig motiviert und bei der Stange zu halten, ist richtig. Aber heute sieht es so, als würde man alles tun, um den Fahrer glücklich zu machen und sagen zu können: 'Wir haben alles getan, was du wolltest.' Wenn die Ergebnisse nicht positiv sind, können die Topmanager dann die Schuld auf die Fahrer abwälzen...»

«Wenn man den Fahrern soviel Freiraum gibt, hat man trotzdem keine Gewähr für Loyalität, wie die unterschiedlichen Fälle Marco Melandri und Loris Baz in der Superbike-WM 2014 gezeigt haben. Was Marco Melandri geleistet hat, war letzten Endes für Aprilia doch positiv, denn Guintoli ist Weltmeister geworden. Aber Loris Baz war mitschuldig daran, dass Kawasaki-Star Tom Sykes den Weltmeister-Titel nicht gewonnen hat...»

«Ich sehe diese Entwicklung nicht positiv», betont Jan Witteveen. «Die Fahrer sind wichtig, aber nicht das Wichtigste. Was wären die Fahrer ohne Hersteller, Teams, Sponsoren und Fans? Sie bezahlen und sind die eigentlichen Akteure des Geschehens. Um negative Überraschungen zu vermeiden, sollte jeder Hersteller versuchen, klare Verträge mit einem funktionierenden Fahrer- und Teammanagement zu kombinieren. Aber das scheint heutzutage schwierig geworden zu sein. Die Spitzenfahrer haben anscheinend zu viel Einfluss.»

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