WRC

Fazit Portugal: Wer pokert besser?

Von Christian Schön - 23.05.2017 11:32

Zwei Fahrer waren überragend: Sébastien Ogier und Andreas Mikkelsen. Beide spielen entscheidende Rollen in den Planungen für die Saison 2018. Lasset die Vertragsverhandlungen beginnen!

Jetzt also doch. Citroën-Teamchef Yves Matton gibt sein hehres Ziel «wir betreiben Nachwuchsförderung» zumindest teilweise auf. Statt des auch in Portugal wieder auf ganzer Linie enttäuschenden Stéphane Lefebvre kommt beim nächsten WM-Lauf auf Sardinien (9. bis 11. Juni) der ehemalige VW-Werkspilot Andreas Mikkelsen zum Einsatz.

Der Norweger bewies auch am Wochenende seine Klasse. Beim dritten Gaststart im Skoda-Werksteam hätte er die Kategorie WRC2 mit schlappen drei Minuten Vorsprung gewonnen. Ein Überschlag kurz vor dem Ziel verhinderte den dritten WRC2-Sieg in Folge. Eigentlich peinlich.

Trotzdem entwickelt sich Mikkelsen zum Joker im Poker um die Fahrerberträge für 2018. Hyundai ließ den Norweger Ende April den i20 WRC testen, um den damals gerade in Ungnade gefallenen Thierry Neuville unter Druck zu setzen. Mit Erfolg – prompt gewann der Belgier zwei WM-Läufe in Folge und gibt sich auch gegenüber dem Team plötzlich handzahm.

Und kaum denkt Weltmeister Sébastien Ogier laut über einen Wechsel zu Citroën nach, heuern die Franzosen Mikkelsen an. Zwar für vorläufig nur eine Rallye. Aber die Nachricht von Teamchef Matton an Ogier ist trotzdem deutlich: Du bist sicher eine hübsche Option, aber wir können auch anders.

Ogier bringt sich jedenfalls vor den demnächst anstehenden Vertragsverhandlungen perfekt in Stellung. „Ich würde gerne bei M-Sport bleiben“, sagt der Franzose. Doch die Erfüllung dieses Wunsches hängt vor allem von einer Sache ab – vom Geld. Das vergleichsweise kleine Privatteam M-Sport könnte sich Ogier schon als viermaliger Weltmeister eigentlich nicht leisten.

2017 war ein Ausnahmejahr, weil Ogier noch Honorar von seinem Ende 2016 überraschend ausgestiegenen vorherigen Arbeitgeber Volkswagen bezieht. Hauptsponsor Red Bull alleine zahlt kaum genug in die Kriegskasse von Teamchef Malcolm Wilson ein, um Ogier halten zu können. Mit demnächst möglicherweise fünf Titeln werden Ogier und sein treuer Beifahrer Julien Ingrassia kaum billiger werden. Das Duo hat einen Marktwert von mindestens fünf Millionen Euro pro Jahr.

Eine Summe, die sich nur die Werksteams von Toyota, Hyundai und Citroën leisten können. Den jeweiligen Teamchefs dürfte klar sein: 2018 wird mit hoher Wahrscheinlichkeit nur der Weltmeister, der Ogier in der Mannschaft hat. Ersatzweise Mikkelsen.

Dass die private Mannschaft M-Sport momentan in der Teamwertung an der Tabellenspitze steht, ist auch ein Zeichen der Schwäche der Werksteams.

Beispiel Citroën: Kris Meeke hat zwar eine Rallye gewonnen, sich ansonsten aber bei sechs Rallyes sechs (!) Abflüge geleistet. Sogar der Sieg in Mexiko hing an einem seidenen Faden, Meeke entging einem weiteren Ausfall nur im Millimeter. Ausgerechnet beim einzigen WM-Lauf, bei dem er ohne Fehler blieb (Korsika), streikte die Technik.

Citroën-Junior Lefebvre scheint vom 2017er WRC überfordert. Craig Breen ist der einzige Lichtblick im Team. Der 27 Jahre alte Ire steigert sich von Rallye zu Rallye. Ein Kandidat für regelmäßige Siege – was der Anspruch eines Werksteams sein sollte – ist er aber noch lange nicht.

Beispiel Hyundai: Wenn’s ums Siegen geht, hängt Hyundai von Thierry Neuville ab. Dani Sordo gibt genau den perfekten Nummer-zwei-Fahrer, den er auch schon jahrelang bei Citroën gegeben hatte. Mehr nicht.

Und Hayden Paddon ist schon jetzt der Pechvogel des Jahres. Wenn er selbst keine Fehler macht, spielt ihm die Technik einen Streich. Dazu kommt der Unfall mit einem tödlich verletzten Zuschauer während der Rallye Monte Carlo, was wohl kein Rallyefahrer einfach so wegsteckt. Bleibt zu hoffen, dass der Beifahrer-Wechsel von John Kennard zu Seb Marshall eine Art Reset-Funktion für den sympathischen Neuseeländer erfüllt.

Beispiel Toyota: Der Yaris WRC ist offenbar das am wenigsten siegfähige Auto im Feld. Den Unterschied kann nur Jari-Matti Latvala machen - wenn er ein brillantes Wochenende erwischt. Das war in Portugal definitiv nicht der Fall. Der Finne fing sich eine Lebensmittelvergiftung ein, rettete sich geschwächt über die Runden und verbrachte die Nacht nach dem Ziel sogar im Krankenhaus.

In Portugal kam zum ersten Mal Esapekka Lappi zum Einsatz. Der WRC2-Weltmeister war auf Anhieb schneller als Juho Hänninen – was viel über die Qualitäten des mit 35 Jahren auch nicht mehr ganz jungen Finnen aussagt.

Und während die Werksteams straucheln, legt M-Sport nach. Sébastien Ogier hatte in Portugal einen komplett neu aufgebauten Fiesta WRC zur Verfügung, der in einigen Details mehr auf den Fahrstil des Franzosen abgestimmt war. Damit gewann er nicht nur in überzeugender Manier die Rallye, sondern hatte auch den bei vorangegangenen Rallyes gelegentlich schnelleren Teamkollegen Ott Tänak sowie Hyundais Thierry Neuville im Griff. Tänak selbst ist inzwischen ebenfalls eine harte Nuss für die Kollegen Werksfahrer.

Mich jedenfalls würde es nicht wundern, wenn M-Sport den Herstellertitel gewinnt. Andreas Mikkelsen alleine wird das nicht verhindern können.

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