WRC

Fazit Wales Rally GB: Ogiers wahres Meisterwerk

Von Christian Schön - 01.11.2017 13:15

Der fünfte Titel sollte für Sébastien Ogier der sportlich wertvollste sein. Nach vier Jahren im überlegenen Team musste er 2017 richtig kämpfen.

Wenn Sébastien Ogier sagt, er habe für den 2017er Titel härter kämpfen müssen als die vier zuvor, dann ist das nur die halbe Geschichte. Mindestens genauso entscheidend waren seine Intelligenz, Punkte zu sammeln, und das Unvermögen der Konkurrenz, die sich nach vier Jahren Volkswagen-Dominanz plötzlich bietende Chance zu nutzen.

Ein Blick in die Statistik verdeutlicht dies. In den Jahren 2013 bis 2016 bei Volkswagen gewann Ogier neun, acht, acht und sechs von jeweils 13 WM-Rallyes. In der zu Ende gehenden Saison 2017 waren es bisher nur zwei. Mit anderen Worten: Zehn Rallyes gewannen andere.

2013 war Ogier auf rund 45 Prozent aller Wertungsprüfungen der Schnellste – Rekord in der seit 1979 geführten Statistik. Im laufenden Jahr, natürlich ohne die noch ausstehende Rallye Australien, gelang ihm dieses Kunststück nur auf jeder zehnten WP. Auch das ist ein Bestwert, allerdings in negativem Sinne – noch nie zuvor hat ein Weltmeister prozentual weniger WP-Siege gelandet.

Trotzdem reichte es zum Titel. Weil Ogier cleverer war als alle anderen, nicht mit aller Gewalt auf Sieg fuhr und jeden Punkt mitnahm, den er zu fassen bekam. Nur aus Finnland reiste er mit einem Nuller ab, sonst holte er stets 13 Zähler oder mehr. Die beiden Duellanten um den Vizetitel, Thierry Neuville (drei Siege) und Ott Tänak (zwei Siege), unterschritten diesen Wert bei fünf beziehungsweise vier Rallyes.

Vielsagend ist in dieser Statistik auch die zu Jahresende weiter sinkende Erfolgskurve des Champions. Ein klares Indiz dafür, dass die Werkskonkurrenz das private Team M-Sport längst überholt hat. Ogier hat also lediglich eins und eins addiert, wenn er befürchtet, 2018 im Ford Fiesta der britischen Mannschaft nicht mehr um den Titel kämpfen zu können.

Der Sieg von Elfyn Evans bei der Wales Rally GB ändert an diesen Fakten nur wenig. Der selbstverständlich trotzdem verdiente Erfolg des Walisers ist zu großen Teilen den DMack-Reifen zuzuschreiben, die speziell für die nass-kalten Bedingungen in Wales entwickelt wurden. Die Marke hat ihren Joker perfekt gesetzt, Respekt dafür.

Apropos Statistik: Sébastien Ogier ist nach Landsmann Sébastien Loeb (neun Titel) nun der zweiterfolgreichste Rallyefahrer aller Zeiten und hat Juha Kankkunen und Tommi Mäkinen (jeweils vier Titel) überholt. Außerdem ist er neben Walter Röhrl (Fiat, Opel) der Einzige, der auf zwei unterschiedlichen Marken diese Erfolge feierte. Nur Kankkunen war noch vielseitiger mit drei Marken (Peugeot, Lancia, Toyota).

Indirekt hat Ogier den Grundstein für seinen fünften Titel schon 2016 gelegt – mit dem ständigen Gemecker über die Startreihenfolge. Es ist zwar reine Spekulation. Aber ich glaube nicht, dass er auch Weltmeister geworden wäre, wenn wie noch 2016 am Freitag und Samstag die Startreihenfolge entsprechend des Tabellenstandes festgelegt worden wäre. Nach einer Regeländerung musste sich Ogier 2017 – immerhin wieder fast das komplette Jahr über Tabellenführer – nur während der ersten Etappe mit diesem Nachteil herumschlagen. Am Samstag, bei fast allen WM-Rallyes die längste Etappe, mit der Startreihenfolge gemäß Zwischenklassement, konnte er diese Herkulesaufgabe bereits an andere abgeben.

Die Ford-Zentrale in den USA ignoriert die Erfolge von M-Sport noch immer weitgehend. Abgesehen davon, dass man sich natürlich gerne mit dem Weltmeistertitel schmückt und diesen unverblümt in einem Atemzug mit den «echten» Werkserfolgen der Vergangenheit nennt. Trotz des Ausstiegs aus der Rallycross-WM deutet momentan auch nichts darauf hin, dass sich an der ablehnenden Haltung für 2018 etwas ändern könnte.

Nur Ogier selbst weiß, wie viel Scherz dahinter steckte, als er nach der Zieldurchfahrt in Wales sagte: «Ich habe ein Angebot von meiner Frau, nächstes Jahr zu Hause zu bleiben. Klingt interessant.» Was hätte er dabei zu verlieren? Den sechsten WM-Titel, ok. Aber den würde er wohl auch mit M-Sport nicht schaffen.

Vielleicht macht Ogier ja wirklich eine Pause von der Rallye-WM. Kurzweilige Gaststarts auf der Rundstrecke oder im Rallycross kann er sich sicherlich nach Belieben aussuchen. Und wenn wirklich etwas an dem für 2019 kolportierten Wechsel zu Hyundai dran ist, könnte er auch schon im Laufe der Saison 2018 einsteigen.

Teamchef Michel Nandan hält zwar vorläufig an seinen Werksfahrern Nummer drei und vier, Hayden Paddon und Dani Sordo, fest. So ganz überzeugt von den beiden ist er aber schon jetzt nicht mehr. Und mit Thierry Neuville, Andreas Mikkelsen und Sébastien Ogier hätte Hyundai wirklich ein Super-Trio am Start.         

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