WRC

Fazit Finnland: Tänak hat eine Hand an Ogiers Krone

Von Christian Schön - 07.08.2019 19:12

Ott Tänak ist auf dem besten Weg, der erste nicht-französische Weltmeister seit 15 Jahren zu werden. Zum Stolperstein könnte eine bizarre Affäre um den Heckflügel des Toyota Yaris WRC werden

Mit seinem vierten Saisonsieg hat Ott Tänak (Toyota) seine Tabellenführung auf 22 beziehungsweise 25 Punkte gegenüber den Verfolgern Sébastien Ogier (Citroën) und Thierry Neuville (Hyundai) ausgebaut. Nur 22 beziehungsweise 25 Punkte, muss man sagen. Denn hätte den blassen Esten nicht in der ersten Halbzeit 2019 schon mehrfach die Technik einen Strich durch die Rechnung gemacht – bei der Rallye Italien wenige Kilometer vor dem Ziel in Führung liegend die Lenkung –, wäre der Vorsprung bereits größer.

«Das Tempo von Ott ist mir unerklärlich», musste sogar Ogier während der Rallye Finnland zugeben. Die hat der sechsmalige Weltmeister selbst schon mal gewonnen. Er weiß also, wovon er redet.

Nur noch fünf Rallyes bleiben dem Franzosen, das Unternehmen «Titel Nummer 7» in die Spur zu bringen. Den Rekord von Landsmann Sébastien Loeb – neun Weltmeisterschaften – wird er so oder so nicht angreifen. Gerade hat Ogier noch einmal bestätigt, dass er 2020 der Rallye-WM den Rücken kehren wird.

Die Krone des Weltmeisters wird er wahrscheinlich schon vorher abgeben müssen. In zwei Wochen ist die Rallye Deutschland dran. Dort ist Tänak seit 2017 ungeschlagen. Wer soll ihn hindern am dritten Sieg in Folge praktisch vor der Haustür von Toyota Motorsport, wo der Motor des Yaris WRC gebaut wird?

Teilzeit-Rentner Loeb (Hyundai) schon mal nicht. Der neunmalige Deutschland-Sieger (einsamer Rekord) wurde überraschend auf den letzten Drücker durch Dani Sordo ersetzt. Weil Loeb schon beim Testen gemerkt hat, dass er keine Chance haben wird gegen Tänak?

Jedenfalls erinnert die derzeitige Überlegenheit des Tabellenführers frappierend an die Ära Loeb/Citroën und Ogier/Volkwagen. Gelingt Tänak der Griff zum Titel, wäre er der erste Weltmeister seit 2003, der nicht aus Frankreich kommt und mit Vornamen Sébastien heißt. «Darüber denke ich noch nicht nach, fünf Rallyes sind noch ein langer Weg», sagt Tänak selbst.

Einen unerwarteten Stolperstein hat ihm jetzt Citroën zwischen die Füße geworfen. Den Franzosen ist beim Kopieren der als überaus effizient bekannten Aerodynamik des Toyota aufgefallen, dass der Heckflügel nicht ganz den Regeln entspricht.

Es geht offenbar um drei Zentimeter, die das Leitwerk zu weit über das Yaris-Heck hinausragt. Drei Zentimeter – das ist in der extremen Welt der World Rally Cars eine ganze Menge. Richtig bizarr wird es, wenn man den Toyota-Ausführungen glaubt, dass der Heckflügel genauso in den Homologationspapieren aufgeführt ist. Die wären aber im Falle eines Protestes im wahrsten Sinne des Wortes maßgebend.

FIA-Mann Yves Matton hat – mehr oder weniger – zugegeben, dass seinen Technikern bei der Abnahme wohl ein Fehler unterlaufen ist. Und das offenbar nicht nur bei Toyota, sondern auch bei anderen Herstellern. Bei denen geht es aber um weniger als drei Zentimeter.

Bis zur Rallye Türkei, dem übernächsten WM-Lauf, hat die FIA den Herstellern Zeit gegeben, ihre Homologationen dem Reglement anzupassen. Meines Wissens ein in der Rallye-WM einzigartiger Fall.

Die Rallye Deutschland kann Tänak also noch mit dem halb legalen, halb illegalen Heckflügel gewinnen. Da bei der vergleichsweise langsamen Schotter-Rallye in der Türkei die Aerodynamik keine so große Rolle spielt, werden wir wohl erst bei der darauffolgenden Rallye Großbritannien erfahren, ob der geänderte Heckflügel den Yaris WRC entscheidend langsamer macht.

Sébastien Ogier und Thierry Neuville sollten darauf keine allzu großen Hoffnungen setzen.

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