Rallyesport
Kolumne
Henri Toivonen: Wie eine Linkskurve zur Todesfalle wurde
Am 2. Mai 1986 starb der finnische Rallye-Fahrer Henri Toivonen in den Flammen seines Lancia Delta S4, und mit ihm die viel kritisierten Monster-Autos der so genannten Gruppe B.
Scheinbar ist es das Schicksal vieler Talente im Motorsport, schon sehr jung zu sterben. So geschah es auch bei Henri, dem Sohn des Rallye-Europameisters 1968 Pauli Toivonen: Nur 29 Jahre alt, fand er einen schrecklichen Flammentod bei der Rallye Korsika vor 40 Jahren, zusammen mit seinem amerikanischen Beifahrer Sergio Cresto.
Die beiden folgten damit einer unheilvollen Serie auf der französischen Mittelmeer-Insel: Schon im Jahr zuvor war dort Attilio Bettega ums Leben gekommen, sein Co-Pilot Maurizio Perissinot entkam dem Lancia-Wrack jedoch nahezu unverletzt.
Fahrkönnen wie Senna
Toivonen galt als Naturtalent, war vor seiner Rallye-Karriere erst einmal Formel V in seiner Heimat gefahren, wurde 1977 hier Meister, ein paar Formel-3-Gastauftritte im Team von Eddie Jordan folgten.
„Sein Fahrkönnen und sein Gespür für Geschwindigkeit ähneln jenen von Ayrton Senna“, bewertete der erfahrene Teamchef einmal Toivonen, der sich dann aber wieder der Zeitenjagd auf Schotterpisten und tief verschneiten Waldpassagen zuwandte.
Schon 1980 war er Werksfahrer bei Talbot, gewann auf einem Sunbeam Lotus die berüchtigte RAC-Rallye, kam nach vier weiteren Jahren bei Opel und Porsche schließlich 1985 ins italienische Lancia Martini-Team.
Der schwarze 2. Mai
An jenem denkwürdigen 2. Mai lag er an der WM-Tabellenspitze, hatte zu Jahresbeginn schon die Monte-Carlo-Rallye gewonnen. Er galt teamintern als der schnellste Fahrer, und trotzdem drückte ihn eine schwere Last. Denn bei der Schweden-Rallye hatte der Motor seines Autos versagt, die Safari-Etappe hatte er verpasst, bei der Wettfahrt in Portugal konnte er keine Punkte sammeln. Und so reiste er nach Korsika mit dem sich selbst erlegten Auftrag, diesen Heat unbedingt zu gewinnen.
Dabei war sein Lancia Delta S4, ganz im Gegensatz zum leichtfüßigen Vorgänger 037, ein eher schwerfälliges, kopflastiges Gefährt, das allerdings im „Abgang“, also im Grenzbereich, als sehr tückisch galt.
Ich selbst konnte das Straßenauto, das es in kleiner Auflage für viel Geld zu kaufen gab, als Test-Redakteur bei „mot“ einmal für einen Tag durch die engen Bergsträßchen hinter Turin treiben. Und auch ich musste feststellen, dass dieses Auto, obwohl in der Zivilversion „nur“ 250 PS stark, allerhöchste Aufmerksamkeit verlangte, keine Fahrfehler verzieh.
Wie musste sich das erst bei jenem rund 500 PS starken Gruppe-B-Auto von Toivonen angefühlt haben, einem jener „Monster“, deren professionelle Fortbewegung selbst ein Könner wie Walter Röhrl, beschäftigt in einem ähnlich motorisierten Audi Quattro Sport S1, wie den „Ritt auf einer Kanonenkugel“ beschrieb?
Denn der Lancia, gerade mal 890 Kilogramm leicht und von einem Kompressormotor angetrieben, schob sich auf Asphalt in 2,3 Sekunden von Null auf Tempo 100.
Zurück zum Todestag, zu jener Etappe auf der Staatsstraße D 18, holprig und uneben. Toivonen, der sich schon morgens nicht besonders gut gefühlt hatte, die Rallye aber souverän anführte, flog, rund sieben Kilometer vor dem kleinen Örtchen Corte, auf jene berüchtigte Linkskurve zu, eine Biegung des Schicksals.
Unfall bleibt ein Rätsel
Was nun genau passierte, ist leider nicht mehr zu rekonstruieren. Denn Kameras in den Rallye-Autos waren damals, weil zu groß und zu schwer, noch nicht in Mode, Zuschauer gab´s an jenem Eck auch keine. Und so bleibt als schwache Dokumentation des Schreckens lediglich ein unscharfes YouTube-Video, das ein Zuschauer aus der Entfernung gedreht hatte.
Es zeigt aber nur, wie Toivonens Auto hinter Bäumen verschwindet, und kurz darauf, deutlich tiefer in einem Waldstück, einen Feuerball aufsteigen. Was war passiert?
Anscheinend, so die Deutung erfahrener Rallye-Kollegen und vom Team selbst, war der Finne mit seinem Lancia wohl über die Fahrbahnkante nach rechts in den Abgrund gestürzt, der Tank seines Autos wurde von Bäumen durchbohrt, die Karosserie aus kevlarverstärktem Kunststoff brannte sofort lichterloh. Es gab kein Entkommen für die Besatzung des Rallye-Autos, es brannte bis auf den Gitterrohrrahmen nieder.
Als Reaktion auf diesen schweren Unfall, einen offensichtlich weiteren in besagter Kurve, schloss die Motorsportbehörde FISA in Paris die so genannten Gruppe-B-Autos für die Saison 1987 aus. Audi und Ford zogen ihre Boliden sofort zurück, die übrigen Hersteller stellten ihre Programme dazu ebenfalls ein.
Spätere Untersuchungen zeigten schließlich, dass diese Autos ihre Fahrer bei der Reaktion auf Fahrtrichtungsänderungen überfordert hatten. Damit zogen sie fast gleich mit den Formel-1-Gefährten jener Zeit, über die Gerhard Berger einmal gesagt hatte: „Du bist damit so schnell, dass du schon vor einer Kurve einlenken musst, um die jeweilige Ecke noch zu kriegen.“
Für Henri Toivonen kam diese Einsicht leider zu spät: Er musste den Versuch, die Technik dieser Rallye-Monster zu beherrschen, mit seinem Leben bezahlen.
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