Team Bolliger 2026: Rückschläge konnten den Kampfgeist nicht brechen
LKW-Unfall, ein schwerer Sturz und ein Motorschaden: Team Bolliger erlebte 2026 eine turbulente EWC-Saison. Teamchef Kevin Bolliger spricht exklusiv über Rückschläge und seine Pläne für 2027.
Für das Schweizer Team Bolliger war die Saison 2026 in der Langstrecken-Weltmeisterschaft (EWC) eine Achterbahnfahrt. Noch bevor das erste Rennen gestartet war, stand die traditionsreiche Mannschaft vor einer existenziellen Herausforderung. Sportlich folgten auf einen starken Auftakt mehrere Rückschläge. Am Ende belegte Bolliger Platz 9 in der WM-Gesamtwertung.
«Es war von Beginn an eine schwierige Saison für uns», erklärte Teamchef Kevin Bolliger im exklusiven Gespräch mit SPEEDWEEK.com. «Bereits vor dem Saisonstart hatten wir den LKW-Unfall. Die Saison stand unter keinem guten Stern. Wir wussten zwischenzeitlich nicht, ob und wie es weitergehen soll.»
Am 6. Februar hatte das Team den schweren Unfall öffentlich gemacht.
Eine Spendenaktion half bei der Bewältigung der finanziellen Folgen, zudem erhielt Bolliger Unterstützung vom österreichischen Yamaha-Werksteam YART. Dass die Schweizer trotz dieser schwierigen Ausgangslage die komplette EWC-Saison bestreiten konnten, war keineswegs selbstverständlich.
Starker Saisonauftakt in Le Mans
Sportlich begann das Jahr erfreulich. Bei den 24 Stunden von Le Mans erreichte Bolliger mit Nico Thöni, Alex Toledo und Ville Valtonen einen starken sechsten Platz. «Wir hatten in Le Mans einen starken Saisonstart. Das war ein sehr gutes, solides Rennen von uns», blickte Bolliger zurück.
Eine wichtige personelle Veränderung hatte die Mannschaft bereits vor Saisonbeginn vorgenommen. Mit Xavi Artigas verpflichtete Bolliger einen ehemaligen Grand-Prix-Sieger, der 2026 parallel in der Sportbike-Weltmeisterschaft antrat. Wegen einer Terminüberschneidung mit dem Sportbike-WM-Lauf in Assen konnte der Spanier beim EWC-Auftakt in Le Mans nicht dabei sein. Ville Valtonen übernahm seinen Platz.
Erst beim zweiten Saisonrennen in Spa-Francorchamps stand das geplante Trio aus Thöni, Toledo und Artigas erstmals gemeinsam am Start. «Wir sind gut vorbereitet nach Spa gereist. Ab Spa war Xavi dann auch mit im Team – unser Trio war damit komplett», berichtete der Teamchef. Doch das 8-Stunden-Rennen in Belgien entwickelte sich zu einer weiteren Bewährungsprobe.
Schwerer Sturz in Spa, Rückkehr nach Suzuka
«In Spa erlebten wir ein gutes Rennen, bis Nico schwer stürzte», erinnerte sich Bolliger. «Ich bin nach wie vor sehr dankbar, dass ihm beim Sturz nichts passiert ist. Es waren generell schwierige Bedingungen für alle Beteiligten.» Trotz des Rückschlags erreichte die Mannschaft noch den zehnten Platz und sammelte weitere WM-Punkte.
Anschließend stand mit den 8 Stunden von Suzuka ein besonderes Ereignis auf dem Programm. Zuletzt war Bolliger 2019 auf der japanischen Traditionsrennstrecke angetreten. Für einen Großteil der heutigen Mannschaft war der Auftritt deshalb eine Premiere.
«Das war für alle im Team ein Highlight. Ein Mechaniker und ich waren die Letzten aus dem Team, die 2019 dabei waren, als wir zum letzten Mal dort gefahren sind», schilderte Bolliger. «Über die Jahre hat sich das Team stark verjüngt. Demzufolge war es für die neuen Leute im Team das erste Mal in Suzuka – eine schöne Belohnung.»
Auch sportlich war der Teamchef mit der Vorbereitung zufrieden. Im Rennen verhinderten allerdings die wechselhaften Streckenverhältnisse ein besseres Ergebnis. «Wir hatten eine tolle Woche in Suzuka, auch aus sportlicher Sicht. Das Wetter hat das Rennen leider beeinflusst und uns einen Strich durch die Rechnung gemacht», erklärte Bolliger.
Besonders die Reifenwahl stellte das Team vor Schwierigkeiten. «Im Trockenen waren wir stark. Wenn die letzten drei Kurven nicht so nass gewesen wären, hätten wir den Vorteil des Pirelli-Intermediate-Reifens nutzen können. Doch so war es nicht fahrbar.»
Bolliger musste deshalb wie die anderen Teams auf Regenreifen setzen, die auf den trockenen Streckenabschnitten erhebliche Nachteile mit sich brachten. «Wir mussten mit dem Regenreifen durchfahren. Mit diesem Reifen war es auf den trockenen Abschnitten sehr schwierig. Wir konnten Punkte holen, stellten aber nicht das Ergebnis sicher, das möglich gewesen wäre.» Mit Platz 16 in der Gesamtwertung und fünf WM-Punkten endete die Rückkehr nach Japan dennoch nicht ohne Ertrag.
Warum Bolliger seinen Stammfahrer nach Hause schickte
Vor dem Saisonfinale beim Bol d’Or musste der Teamchef eine weitere personelle Entscheidung treffen. Nico Thöni stand diesmal nicht zur Verfügung – allerdings aus einem erfreulichen Grund: Der Österreicher wurde Vater. «Wir wussten das schon länger und hatten gehofft, dass der Nachwuchs früher als geplant kommt», erklärte Bolliger. «Doch als das Rennen näher rückte, sagte ich zu Nico, dass er lieber zu Hause bleiben soll, weil man die Geburt des ersten Kindes nur einmal erleben kann.»
Für den Teamchef war dabei nicht nur die sportliche Situation entscheidend. «Ich wollte nicht der Grund sein, warum er dieses Ereignis verpasst. Wir haben uns zusammen entschieden, dass Nico zu Hause bleibt.» Die Suche nach einem Ersatzfahrer gestaltete sich schwierig. Durch zeitgleiche Veranstaltungen in der italienischen Meisterschaft CIV und der spanischen CEV waren zahlreiche mögliche Kandidaten bereits anderweitig verpflichtet.
Schließlich entschied sich Bolliger für Kylian Nestola, der beim französischen 24-Stunden-Klassiker gemeinsam mit Alex Toledo und Xavi Artigas antrat. «Wir haben Kylian die Chance gegeben. Diese Chance hat er sehr gut genutzt und konnte sich von Session zu Session steigern. Er hat gute Arbeit geleistet», lobte Bolliger den Neuzugang.
Die Mannschaft ging entsprechend zuversichtlich in das letzte Rennen des Jahres. Doch auch diesmal sollte das Glück nicht auf ihrer Seite sein. «Wir sind voller Elan in die Bol-d’Or-Woche gestartet. Für das Rennen waren wir zuversichtlich. Alex zeigte einen sehr guten Start», erinnerte sich Bolliger. «Doch es sollte nicht sein, wir mussten mit einem Pleuellagerschaden aufgeben.» Der technische Defekt bedeutete das vorzeitige Ende des Saisonfinales. «Das müssen wir noch genauer untersuchen», erklärte der Teamchef.
Neues Motorrad und Umstrukturierungen für 2027
Trotz der zahlreichen Rückschläge fällt Bolligers Saisonbilanz keineswegs ausschließlich negativ aus. Der Teamchef hebt vor allem hervor, was seine Mannschaft unter den schwierigen Umständen erreicht hat. «Unterm Strich war es für uns eine gute Saison. Wir sind heiß auf nächstes Jahr und wollen mehr!»
Ein wichtiger Schritt ist bereits geschafft: Der neue Rennauflieger steht inzwischen zur Verfügung. Bolliger bedankt sich ausdrücklich bei allen Unterstützern, die nach dem Unfall im Februar geholfen haben. «Wir haben jetzt einen neuen Racetrailer. Dafür möchte ich allen danken, auch SPEEDWEEK.com, die uns mit ihrer Berichterstattung geholfen haben.»
Auch sportlich kündigen sich für 2027 Veränderungen an. Neben organisatorischen Anpassungen plant die Schweizer Mannschaft den Einsatz eines neuen Motorrads. «Wir haben viele Dinge geplant, es wird Umstrukturierungen und ein neues Motorrad geben», verriet Bolliger. «Ich bin zuversichtlich, dass wir ein richtig starkes Paket haben werden.»
Bei der Fahrerbesetzung ist dagegen Kontinuität das erklärte Ziel. Eine endgültige Entscheidung steht noch aus. «Zur Fahrerfrage kann ich noch nichts sagen, unser Ziel ist es aber, mit den bestehenden Fahrern weiterzumachen.»
Nach einer Saison, die bereits vor dem ersten Rennen beinahe aus dem Ruder gelaufen wäre, blickt Team Bolliger damit wieder optimistisch nach vorne. Mit neuem Material und einer weiterentwickelten Mannschaft wollen die Schweizer 2027 an die starken Leistungen anknüpfen, die sie in Le Mans und phasenweise auch bei den weiteren EWC-Läufen gezeigt haben.
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