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Formel 1Kolumne

Formel Farce: Wer ist schuldig – FIA oder Teams?

Die Reaktion der Fans ist glasklar: Die Formel 1 hat sich mit dem Spritdurchfluss-Skandal und der Disqualifikation von Daniel Ricciardo wieder einmal selber in den Fuss geschossen.

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Das Urteil in Paris wird die meisten Fans nicht überzeugen
Das Urteil in Paris wird die meisten Fans nicht überzeugen
Foto: LAT
Das Urteil in Paris wird die meisten Fans nicht überzeugen
© LAT

Der frühere FIA-Präsident Max Mosley hatte die Zeichen der Zeit erkannt: "Wir müssen in Sachen Formel 1 wieder mehr auf die Fans hören, und unser Sport muss billiger werden, sonst sterben uns die Rennställe weg." Viele Sparmassnahmen sind umgesetzt worden, aber der Schritt in die neue Turbo-Ära ist das pure Gegenteil – ein hochrangiger Mitarbeiter von Mercedes sagte mir vor eineinhalb Jahren schon, die neuen Antriebseinheiten würden 200 Mio Euro Entwicklungskosten verursachen. Und was haben die Fans davon? Sie schimpfen über den unbefriedigenden Sound und haben in Melbourne einen Skandal geliefert erhalten, den kaum einer im Detail versteht. Ist das wirklich im Sinne der Erfinder?

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Schminken wir uns gleich mal die Illusion ab, dass irgendjemand heute bei der FIA wirklich daran interessiert ist, was Motorsporfreunde denken. Sonst hätte man die verhasste Idee von doppelten Punkten beim WM-Finale von Abu Dhabi nicht ins Reglement aufgenommen.

Spritsparen: Reglement unsinnig?

Über den Sound lässt sich diskutieren. Ich höre aus Europa, dass der Ton im Fernsehen wirklich niemanden vom Sofa fegt. Vor Ort klingen die Motoren besser, glauben Sie mir.

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Viel elementarer jedoch muss die Frage sein: Wer ist eigentlich dümmer – die FIA oder die Rennställe?

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"Grand Farce" titelt die Melbourner "Herald Sun" am Montagmorgen nach dem Rennen, und kein Titel könnte passender sein. Mit der Disqualifikation des Lokalhelden Daniel Ricciardo und einem kaum erklär- und nachvollziehbaren Reglement ist für viele Besucher hier das Rennen zum Grossen Scheiss von Australien verkommen. Die Menschen haben einen dicken Hals.

Die Fans sind verärgert, weil ihr Sport wieder einmal aus den völlig falschen Gründen in den Schlagzeilen ist. Statt ein interessantes Rennen zu servieren oder den Zuschauern die faszinierende Technik näherzubringen, verlieren sich die selbstverliebten Formel-1-Insider in koketter Geheimniskrämerei und entführen die GP-Anhänger in einen Paragraphen-Dschungel.

Damit wir uns gleich richtig verstehen: Ich bin durchaus ein Anhänger der Regel “ein Rennwagen muss jederzeit dem Reglement entsprechen“. Aber die Reglements-Bastler hätten den Australien-Skandal mit etwas Weitsichtigkeit und gesundem Menschenverstand mühelos verhindern können.

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Sprechen wir kurz vom Sprit. Generell habe ich ziemlich wenige Fans getroffen, weder zuhause in Europa noch hier in Melbourne, welche die Formel 1 mit Spritsparen gleichsetzen wollen. Wenn die Formel 1 wieder serienrelevanter wird und in Sachen Kraftstoffverbrauch die Serienautos befruchten kann, dann ist das generell gewiss zeitgemäss und nicht falsch.

Doch die Probleme beginnen schon bei der Regel, wonach die Autos pro Rennen nicht mehr als 100 Kilo Sprit verbrauchen dürfen. Wie viele Besucher auf der Tribüne werden wohl wissen, dass 100 Kilo nicht 100 Litern entspricht? Bezug zum Sport hätte der Fan doch viel mehr, wenn er wüsste: 135 Liter im Tank, mehr gibt’s nicht. Dann kann er sich auch sagen: okay, das ist ungefähr drei Mal mehr als ich jeweils in meinen Kleinwagen tanke – so gibt es einen Bezug. Aber Kilozahlen?

Leider wird es jetzt schlimmer: Nicht nur die Spritmenge ist begrenzt, sondern auch die Durchflussmenge. Wieviele Fans das wohl verstehen? Diese Regel wurde eingeführt, um zu verhindern, dass die Rennställe im Qualifying aus den Triebwerken mehr Leistung kitzeln. Doch richtig notwendig wäre die Regel nicht: Wer in der Quali zu viel Power aus der Antriebseinheit schöpft, der wird mittelfristig ohnehin bestraft – die Einheiten müssen fünf Rennwochenenden halten (noch so eine Regel, welche den wenigsten Fans geläufig sein dürfte), wer seinem Motor da zu viel zumutet, ist selber schuld.

Die Durchflussregel hätte gar nie eingeführt werden dürfen, dann hätte man sich den ganzen Ärger mit ungenau arbeitendem Material sparen können, und wir würden jetzt nicht von Ricciardos Ausschluss sprechen.

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Urteilsfindung falsch?

Ich finde es für den Sport auch nicht gut, dass die Fans mit all ihren Eindrücken nach Hause gehen – wow, Daniel Ricciardo Zweiter! – und am nächsten Tag ist alles anders. NASCAR geht da einen anderen Weg: das Ergebnis bleibt stehen, aber Reglementsverletzungen ziehen Geldstrafen und Punktabzüge nach sich. Ob das nicht gescheiter ist?

Das Reglement in der Formel 1 ist zu kompliziert (von den verschiedenen Elementen der Antriebseinheiten und ihren jeweiligen Steuereinheiten und den Strafen, die fällig sind, wenn all die Elemente ersetzt werden müssen, davon fange ich hier gar nicht erst an), und wo die Technik faszinieren könnte, erklärt man sie uns nicht.

Die Formel 1 müsste offener werden, um die alten Fans bei der Stange zu halten und neue zu gewinnen, aber die Entscheidungsträger im Sport scheinen daran wenig Interesse zu haben. An seiner Macht festzuklammern und möglichst viel Geld zu verdienen, das steht offenbar im Zentrum des Interesses.

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Das ist traurig.

Wie geht es weiter?

Ein Gang vors Appellationsgericht zieht das Übliche nach sich – Anwälte werden viel zu sagen haben, Techniker werden Details zerreden, welche die meisten Fans überfordern. Das Urteil schliesslich – so fürchte ich – ist dann nicht wie in Melbourne drei Seiten lang, sondern eher dreissig.

Berufung hin oder her – mindestens verdächtig sind für mich alle Beteiligten: Die FIA, weil sie Durchflussmesser stellt, die offenbar nicht richtig arbeiten und weil sie ein Reglement entworfen hat, das zu komplex ist und gleichzeitig zu viele Schlupflöcher bietet. Die Teams, weil sie Vorgaben des Autoverbands nicht umsetzen und weil ihnen offenbar schnuppe ist, ihren Sport den Fans näherzubringen.

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Auf der Strecke bleiben – einmal mehr – wir, die Zuschauer.

Viele von ihnen werden nun das Schlimmste tun, was die FIA und die Rennställe eigentlich fürchten müssten: Sie verlieren das Interesse.

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