Villeneuve zu Ferrari/Fred Vasseur: «Das ist der Preis, den zu bezahlst»
Das F1-Team von Ferrari ist ein Dampfkochtop, der meist unter Volldruck steht. Weltmeister Jacques Villeneuve ordnet die Situation von Teamchef Fred Vasseur bei der berühmtesten Scuderia der Welt ein.
Die Teamchefs von Ferrari, des berühmtesten Rennstalls der Welt, haben wahrlich kein einfaches Leben: Immer wieder mussten sie in den vergangenen Jahren wegen Erfolglosigkeit ihren Posten räumen.
Mattia Binotto (heute F1-Projektleiter bei Audi) hat Ende 2022 offiziell selber gekündigt, aber das ändert an der Tatsache nichts – erneut steht der Dampfkochtopf Ferrari unter viel Druck.
Dabei ist in der Königsklasse das Erfolgsrezept seit bekannt und bewährt: Aussergewöhnlich begabte Fachleute sollen sich unter besten Arbeitsbedingungen ideal entfalten können, über Jahre hinweg. Und genau das passiert bei Ferrari nicht.
Der langjährige Ferrari-Designer Aldo Costa, der sich 2012 zu Mercedes abseilte und seit 2020 die Technik-Abteilung von Dallara leitet: «Bei Ferrari bist du unter ständiger Beobachtung. Die Medien machen Druck, die Tifosi machen Druck, die Aktionäre machen Druck, der Barista macht Druck, bei dem du am Morgen einen Espresso trinkst.»
Der berühmteste Rennstall der Welt ist zum Erfolg verdammt, und gemäss des Beispiels Fussball muss jeweils der Trainer gehen, auch wenn die Mannschaft einen Mist zusammengekickt hat.
Dem Franzosen Fred Vasseur ist kürzlich der Rücken gestärkt worden, die Chef-Etage von Ferrari liess mitteilen: Er sei der richtige Mann am Ferrari-Ruder.
Kritiker gaben zu bedenken: Wurde das in stürmischen Zeiten nicht schon über seine Vorgänger Mattia Binotto, Maurizio Arrivaben und Stefano Domenicali gesagt?
Sie alle eint: Kein WM-Titel seit 2007 (Kimi Räikkönen), kein Konstrukteurs-WM-Titel seit 2008.
Formel-1-Champion Jacques Villeneuve sagt über Ferrari und den gegenwärtigen Teamchef Vasseur. «Der Teamchef ist niemals der Sündenbock, er ist der Kopf der Organisation. Wenn die Dinge gut laufen, sieht er grossartig aus, wenn die Dinge nicht gut laufen, ist er derjenige, der die Prügel einstecken muss.»
Der 55-jährige Kanadier als GP-Experte von Sky weiter: «Jeder, der zu Ferrari geht, nicht nur als Teamchef, der weiss, dass das der Preis ist, den man zahlen muss, das ist die Kehrseite der Medaille. Du bist fantastisch, wenn das Team Leistung zeigt, aber zwei oder drei schlechte Rennen, und die ganze Welt scheint gegen dich zu sein, zumindest die Medien.»
«Aber das ist schon immer so gewesen – auch für andere Teamchefs, Fahrer, Ingenieure, für alle. Das ist einfach der Preis, den man zahlen muss, um im grössten Team aller Zeiten zu sein.»
Wird Vasseur zu sehr unter Druck gesetzt? Der Champion von 1997 findet: «Schwer zu sagen. Haben die anderen Teamchefs vor ihm vielleicht mehr Zeit verdient? Er hat schon jetzt mehr Zeit bekommen so manch anderer vor ihm.»
Der elffache GP-Sieger weist auf einen elementaren Unterschied zwischen zwei Top-Teams hin. «Wenn man sich andere Teams wie Mercedes mit Toto Wolff ansieht, so trifft er alle Entscheidungen. Niemand steht über ihm. Und er ist auch Mitbesitzer des Teams, wie es bei den Teams früher eben war. Das gibt es bei Ferrari nicht. Vasseur hat nicht die volle Kontrolle darüber, was vor sich geht oder über die Entscheidungsfindung.»
«Ein Komitee funktioniert in der Formel 1 aber nicht. Es ist zu langsam. In der F1 musst du blitzartig reagieren können, du musst schnell sein. Das bist du nicht, wenn die Entscheidungsfindung bei verschiedenen Leuten ruht.»
Villeneuve vergleicht Vasseur mit einigen Vorgängern bei Ferrari: «Ich glaube, der grosse Unterschied jetzt ist, dass Fred von den Fahrern geschützt wird – was eine gute Sache ist.»
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