Estoril 2006: Als zwei Außenseiter Valentino Rossi die Show stahlen
Beim vorletzten Rennen der Saison 2006 fuhren mit Toni Elias und Kenny Roberts jr. zwei Underdogs um den Sieg. P1 wurde entschieden im engsten Fotofinish der MotoGP-Ära. Es kostete Rossi den WM-Titel.
Der 15. Oktober 2006 in Estoril hätte ein Rossi-Fest werden sollen. Stattdessen lieferte das vorletzte Saisonevent eines der besten Rennen der MotoGP-Geschichte, in welchem zwei Piloten an der Spitze mitfuhren, mit denen kaum jemand gerechnet hatte: Der spanische Gresini-Pilot Toni Elias und der Privatier Kenny Roberts jr.
Nachdem ein Zwischenfall in der fünften Runde die WM durcheinandergewirbelt hatte – Doppelausfall der Repsol-Honda-Piloten Nicky Hayden und Dani Pedrosa –, führte zunächst Valentino Rossi vor seinem Yamaha-Kollegen Colin Edwards. Dahinter formierte sich eine Spitzengruppe. Elias, von Startplatz 11 gekommen, arbeitete sich nach vorn, Roberts jr. pflügte von Rang 13 durchs Feld. Aus dem vermeintlichen Rossi-Spaziergang wurde ein Vierkampf.
Dass gleich zwei Außenseiter um den Sieg kämpften, war 2006 zwar selten, aber möglich. Honda verteilte seine RC211V großzügig: Neben dem Werksteam Repsol erhielten Kundenteams wie Fortuna Gresini nahezu gleichwertiges Material. Roberts jr. wiederum fuhr mit der KR211V ein selbst gebautes Chassis mit Honda-Motor. Es war der letzte von einem Privatteam konstruierte Prototyp, der je ein MotoGP-Rennen anführte und auf dem Podest stand.
In den Jahren danach kippte dieses Gleichgewicht. Mit der 800er-Ära verkamen Satelliten-Bikes zu Vorjahresmaschinen, echte Außenseitersiege verschwanden – bis Jack Miller 2016 in Assen gewann. Heute sind die Karten wieder anders gemischt: In der Gegenwart erhalten unabhängige Teams beinahe aktuelles Material. 2024 wurde Jorge Martin auf der Pramac-Ducati als erster Privatfahrer MotoGP-Weltmeister.
Das Finale in Estoril war Racing in höchster Form. In der letzten Runde wechselte die Führung mehrfach, Rossi zog in der letzten Kurve noch einmal vorbei – doch Elias klebte im Windschatten und schob sich auf der Ziellinie vor den Doktor. Zwei Tausendstelsekunden – es ist bis heute das engste Fotofinish der MotoGP-Ära. Roberts jr. wurde Dritter, es war das 22. und letzte GP-Podest seiner Laufbahn.
Für Elias blieb es der einzige Sieg in der Königsklasse, und für Rossi hatte der zweite Platz einen bitteren Preis: Die fünf Punkte, die er in Estoril liegen ließ, sollten exakt jene fünf sein, die ihm am Saisonende zum Titel fehlen würden. In der Saison 2006 wurde in Valencia mit Nicky Hayden der letzte MotoGP-Weltmeister aus den USA gefeiert.
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