Mehr Metropolen, weniger Tradition? Die MotoGP am Scheideweg
Liberty Media will die MotoGP weiter wachsen lassen. Dagegen ist nichts einzuwenden. Entscheidend wird jedoch sein, dass die Königsklasse dabei nicht ihre eigene Identität verliert.
Im Rahmen des Tschechien-Grand-Prix wurde am Freitagmittag die
Zwischen den Zeilen wurde jedoch deutlich, wohin die Reise gehen soll. Die MotoGP soll größer werden. Kommerzieller werden. Neue Zielgruppen erschließen. Mehr Fans erreichen. Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Die Frage lautet nur: Zu welchem Preis?
Die MotoGP soll urbane Gebiete erschließen
Wenn man den Aussagen der Verantwortlichen folgt, dann werden künftig vor allem Veranstaltungen in der Nähe großer Metropolen an Bedeutung gewinnen. Das klingt zunächst logisch. Mehr Menschen bedeuten potenziell mehr Zuschauer, mehr Reichweite und mehr Umsatz. Doch genau hier beginnt mein Unbehagen.
Die MotoGP ist nicht die Formel 1. Sie war es nie und sie wird es nie sein.
Der Charme der Motorrad-WM entstand nicht zwischen Hochhäusern und Eventflächen, sondern auf legendären Rennstrecken. Auf Kursen wie Phillip Island, Mugello, Assen oder dem Sachsenring. Auf Strecken, die Geschichte geschrieben haben und bei denen der Rennsport selbst im Mittelpunkt steht.
Dass Phillip Island bereits vor dem Aus steht, sollte deshalb ein Warnsignal sein. Natürlich hat die Rennstrecke ihren Teil zur aktuellen Situation beigetragen. Notwendige Investitionen in die Infrastruktur wurden über Jahre verschlafen. Dennoch ist bemerkenswert, dass ausgerechnet eine der legendärsten Strecken des Motorradrennsports um ihre Zukunft kämpfen muss.
Wer folgt als Nächstes?
Das geplante Stadtrennen in Adelaide muss sportlich und sicherheitstechnisch nicht zwangsläufig ein Problem sein. Nach allem, was bislang bekannt ist, sollen die Sicherheitsstandards und Auslaufzonen auf höchstem Niveau liegen. Auch der sportliche Wert eines solchen Events steht für mich nicht grundsätzlich infrage.
Wachstum für Liberty Media wichtiger als Tradition
Die eigentliche Frage lautet vielmehr: Welche Rolle sollen die traditionellen Rennstrecken künftig noch spielen? Wenn neue Stadtrennen und Metropolen-Events entstehen, ist das eine Sache. Problematisch wird es erst dann, wenn dafür jene Strecken weichen müssen, die den Charakter der MotoGP über Jahrzehnte geprägt haben. Wachstum ist wichtig. Doch Wachstum sollte eine Ergänzung sein – kein Austausch.
Besonders kurios wird die Entwicklung, wenn man den Blick nach Deutschland richtet. Die EuroMoto (früher IDM) darf aufgrund von FIM-Regularien nicht mehr in Schleiz fahren. Rennen auf öffentlichen Straßen sind neuerdings grundsätzlich verboten. Gleichzeitig wird über neue Stadtrennen diskutiert, die auf speziell angepassten öffentlichen Straßen ausgetragen werden sollen. Natürlich handelt es sich dabei um völlig unterschiedliche Konzepte und Sicherheitsstandards. Trotzdem bleibt ein gewisser Widerspruch bestehen: Während traditionelle Straßenrennen verschwinden, öffnet sich die Tür für neue urbane Motorsport-Projekte.
Natürlich muss sich die MotoGP weiterentwickeln. Natürlich braucht der Sport neue Zuschauer und neue Märkte. Aber Wachstum allein ist kein Konzept. Wer die MotoGP lediglich als weiteres Entertainment-Produkt betrachtet, läuft Gefahr, genau das zu beschädigen, was sie über Jahrzehnte einzigartig gemacht hat.
Die moderne Formel 1 kommt bei Motorsport-Traditionalisten nicht an
Die Formel 1 dient Liberty Media als Erfolgsmodell. Doch nicht jeder Motorsportfan teilt diese Sichtweise. Während Reichweite, Umsatz und mediale Präsenz steigen, haben viele langjährige Anhänger den Bezug zur Königsklasse auf vier Rädern verloren. Ich zähle mich selbst dazu. Die MotoGP täte gut daran, diese Entwicklung aufmerksam zu beobachten.
Die kommenden Jahre werden zeigen, ob Liberty Media das versteht. Die Gefahr besteht jedenfalls, dass man aus der MotoGP eine Formel 1 auf zwei Rädern machen möchte. Und genau das sollte sie niemals werden.
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