Lewis Hamilton nach erstem GP-Sieg mit Ferrari: Totgesagte leben länger
Der Engländer Lewis Hamilton hat im stolzen Alter von 41 Jahren seinen ersten GP-Sieg mit Ferrari errungen. Er träumt weiter von seinem grossen Ziel – zum achten Mal Weltmeister werden. In Rot.
Sir Jackie Stewart hat nach den ersten drei WM-Titeln von Lewis Hamilton gesagt: «Nur die Zeit wird zeigen, ob Lewis Hamilton nicht nur ein erfolgreicher, sondern ein grosser Fahrer ist.»
Für viele Fans und Fachleute ist Hamilton inzwischen kein grosser Rennfahrer, sondern der grösste. Zur Legendenbildung gehört dazu – Hamilton ist 2026 wie ein Boxer, der vor einem Jahr in den Seilen hing, nun aber als Sieger strahlt. Der Sport schreibt eben die schönsten Geschichten.
2025 wurde Lewis Hamilton von Fans und Fachleuten in Rente geschrieben. Selbst Weltmeister wie Nico Rosberg, Damon Hill oder Jacques Villeneuve stellten zur Diskussion, ob der erfolgreichste aller GP-Piloten nicht vielleicht auf dem absteigenden Ast sei. Damals wurde er von Charles Leclerc regelmässig gebügelt, Hamilton kam mit dem 2025er Ferrari nicht zurecht.
Und nun das: GP-Sieg in Barcelona, der erste Sieg der Roten seit Carlos Sainz 2024 in Mexiko, der erste GP-Siegerpokal für Hamilton seit Belgien 2024, und der fiel ihm damals in den Schoss – weil sein Mercedes-Stallgefährte George Russell, als Erster im Ziel, wegen untergewichtigen Autos aus der Wertung kugelte.
Sich durchbeissen, das entspricht voll und ganz der Lebenseinstellung Hamiltons. «Still I rise» ist nicht zufällig farbig in seine Haut eingeschossen, an Widerständen zu wachsen, das taugt ihm, das peitscht ihn vorwärts.
Bei aller Reife ist Lewis Hamilton im Kern der kleine Bub aus Stevenage geblieben. Dieses Glitzern in den Augen, wenn er von einem Erlebnis schwärmt, diese Verletzlichkeit, wenn er einen Tiefschlag verdauen muss – Hamilton ist stets sich selber, zum Glück für uns ist er ein miserabler Schauspieler.
Die Formel 1 soll doch Emotionen wecken. Fahrer, die in eintöniger Stimme PR-Plattitüden daherlabern, wecken keine Emotionen. Hamilton wird von einigen verehrt, von anderen belächelt oder gar verachtet. Aber er lässt keinen kalt.
Im Freundeskreis höre ich oft Sätze wie: «Einem Hamilton oder Ricciardo siehst du wenigstens an, wenn sie sich über einen Erfolg freuen. Andere stehen auf dem Podest mit einem Gesicht, als wäre zuhause der Hund gestorben.»
Ich bin dankbar, dass Lewis Hamilton aus seinem Herzen keine Mördergrube macht, auch wenn er sich damit hin und wieder selber im Weg steht.
Und ich rechne es ihm hoch an, wie offen er jetzt darüber gesprochen hat, was die Kritik 2025, an der Grenze zur Feindseligkeit, mit ihm machte.
Lewis Hamilton nach seiner Siegesfahrt in Spanien: «Ich finde es ziemlich schwer, die richtigen Worte zu finden. Es ist für mich sehr schwer zu glauben, dass ich das endlich spüren darf, nach endlosen Tagen des Versuchens und des Scheiterns, des erneut Versuchens und des wieder Scheiterns.»
«So viele Leute haben an mir gezweifelt, insgeheim, doch auch sehr öffentlich – ganz ehrlich, das war nicht leicht zu verdauen. Aber Hartnäckigkeit zählt sich aus, es gehört zu meiner Lebenseinstellung, niemals aufzugeben, und ganz tief in mir drinnen wusste ich immer, wozu ich noch immer fähig bin.»
«Es begann Anfang 2025 alles im Hochgefühl, aber dann entstanden viele Zweifel und viel Negativität. Und das dauerte dann ungefähr ein Jahr. In dieser schwierigen Phase wurde ich von meinen Fans gerettet, von meiner Familie, von meinen Freunden. Sie haben zu mir gehalten.»
«Ganz ehrlich – während des schwierigen Jahres 2025 schoss mir natürlich durch den Kopf: ‘Uff, vielleicht ist es ja wahr, vielleicht habe ich wirklich diesen letzten Biss verloren.’ Ich bin auch nur ein Mensch. Ich sah Schlagzeilen über mich, und natürlich macht das etwas mit dir.»
«Das war auch der Zeitpunkt, an dem ich mich aus dem ganzen Rummel ein wenig ausklinkte. Ich verbrachte mehr Zeit mit Familie und Freunden, mit Menschen, die wissen, wie ich ticke und die es gut mit mir meinen.»
«Viele haben das 2025 vielleicht nicht bemerkt, aber ich habe im Hintergrund so immens geackert, um Ferrari wieder auf die Siegerstrasse zu bringen. Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich ein offenes Ohr gefunden habe. Ich habe in Maranello gesagt – wir müssen wieder Vorreiter werden. Dann kam dieser Zusatzflügel hinter dem Auspuff. Und ich habe mich auch für den Drehflügel stark gemacht. Ich habe meiner Mannschaft gesagt: ‘Wir müssen wieder Leader sein.’ Und Ferrari hat gezeigt, dass sie das noch immer drauf haben.»
Hat Hamilton – nach dem Barcelona-GP 41 Punkte hinter WM-Leader Kimi Antonelli – wirklich eine Chance auf den achten Titel?
Die treuen Tifosi dürfen auf alle Fälle davon träumen, denn Totgesagte leben bekanntlich länger.
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