Gefährliche MotoGP-Starts: «Wenn man zu spät dran ist, hat man verloren»
Der schwere Startunfall von Johann Zarco bei der MotoGP in Barcelona rückte die Sicherheit in den Fokus. Danilo Petrucci erklärt die Grenzen beim Bremsen und präsentiert einen Lösungsvorschlag.
Der schwere Unfall von Johann Zarco beim Start zum MotoGP-Rennen in Barcelona im Mai hat die Diskussion um die Sicherheit der immer schnelleren Motorräder neu entfacht. Der Franzose verletzte sich bei der Kollision schwer am linken Knie. Danilo Petrucci kennt die MotoGP ebenso wie die Superbike-WM aus eigener Erfahrung und sieht mehrere Ansatzpunkte, um insbesondere die kritische Anfahrt auf die erste Kurve sicherer zu gestalten.
Ein grundsätzliches Problem sieht Petrucci in der enormen Leistungsfähigkeit der aktuellen MotoGP-Maschinen. Wer beim Anbremsen der ersten Kurve nach dem Start seinen Bremspunkt verpasst, kann die zusätzliche Geschwindigkeit nicht einfach durch noch höheren Bremsdruck kompensieren.
«Wenn man mit diesen Motorrädern noch härter bremst, dann ist die Verzögerung nicht besser. Sobald das Hinterrad den Kontakt zum Boden verliert, verbessert sich die Verzögerung nicht mehr», erklärte Petrucci im exklusiven Gespräch mit SPEEDWEEK.com-Redakteur Stephan Moosbrugger. «Wenn man etwas zu spät dran ist, hat man bereits verloren. Dann muss man einen Weg finden, den anderen Fahrern auszuweichen.»
Gerade nach dem Start wird das zum Problem. Das Feld fährt dicht gedrängt auf die erste Kurve zu, gleichzeitig befinden sich zahlreiche Fahrer nebeneinander. Kommt ein Pilot zu spät auf der Bremse, bleiben ihm nur wenige Möglichkeiten, einer Kollision zu entgehen.
Petrucci kritisiert die Ride-Height-Devices
Kritisch betrachtet Petrucci in diesem Zusammenhang auch die technischen Systeme, mit denen die MotoGP-Maschinen abgesenkt werden. Das vordere Ride-Height-Device ist mittlerweile verboten, ab 2027 verschwinden die Systeme durch das neue technische Reglement vollständig.
«Das Ride-Height-Device ist natürlich keine Hilfe», hielt Petrucci fest. Der Italiener hinterfragt dabei auch den Nutzen der Technologie abseits des Prototypen-Rennsports. «Es ist nichts, das man jemals in einem Serienmotorrad sehen wird. Sicher verbessert sich die Performance damit, doch es ist etwas, das man in der normalen Welt einfach nicht braucht.»
Mit den Devices konnten die MotoGP-Ingenieure die Beschleunigung weiter verbessern. Die Konsequenz waren noch höhere Geschwindigkeiten auf den Geraden – und damit zusätzliche Herausforderungen beim anschließenden Bremsmanöver.
Barcelona: Startaufstellung näher an Kurve 1?
Petrucci sieht aber nicht nur bei den Motorrädern Potenzial für mehr Sicherheit. Auch die Streckenlayouts und insbesondere die Position der Startaufstellung könnten seiner Meinung nach eine Rolle spielen. Für Barcelona hat der mehrfache MotoGP-Sieger einen konkreten Vorschlag: Die Startplätze könnten weiter in Richtung der ersten Kurve verschoben werden. Die Ziellinie müsste davon nicht betroffen sein.
«Man könnte die Startaufstellung, nicht jedoch die Ziellinie, etwas weiter nach vorne verlegen», schlug Petrucci vor. «Für mich wäre es eine gute Lösung, wenn die Startaufstellung näher an der ersten Kurve ist.»
Der Hintergrund: In Barcelona erreichen die MotoGP-Piloten nach dem Start bereits enorme Geschwindigkeiten, bevor sie erstmals hart bremsen müssen. «In Barcelona fährt man mit knapp 300 km/h zur ersten Kurve. Das Streckenlayout ist entscheidend», betonte der Italiener.
Dabei spielt nicht nur die Geschwindigkeit eine Rolle, sondern auch die Beschaffenheit der ersten Kurve. «In Barcelona gibt es nur eine Linie. Das ist in Mugello anders. Dort kommt man mit einem ähnlichen Tempo zur ersten Kurve, doch es ist ziemlich breit. Man kann im Zweifel eine weitere Linie wählen.»
Eine nach vorne versetzte Startaufstellung würde die Beschleunigungsstrecke verkürzen. Die Motorräder würden Kurve 1 dadurch mit weniger Geschwindigkeit erreichen, ohne dass dafür das eigentliche Streckenlayout verändert werden müsste.
Auch in Most wird über eine Verlegung diskutiert
Die Idee ist nicht auf die MotoGP beschränkt. Petrucci berichtete, dass eine ähnliche Maßnahme auch in der Superbike-WM diskutiert wurde. «In der Superbike-WM gab es ebenfalls die Idee, die Startlinie zu verschieben. In Most ist es in der ersten Schikane immer schwierig. Deshalb wünschen wir uns seit zwei Jahren, die Startlinie zu verschieben. Ich denke, das ist eine gute Lösung.»
Gerade der Autodrom Most ist für seine enge erste Schikane bekannt. Auch dort trifft nach dem Start ein dicht gedrängtes Feld auf einen Bereich, der wenig Spielraum für unterschiedliche Linien bietet.
Wettrüsten zwischen Ingenieuren und Regelhütern
Eine endgültige Lösung für die Sicherheitsproblematik erwartet Petrucci allerdings nicht. Dafür schreitet die technische Entwicklung zu schnell voran. Werden bestimmte Gefahren durch Änderungen am Reglement entschärft, finden die Ingenieure neue Möglichkeiten, die Motorräder schneller zu machen.
«Die Motorräder werden von Jahr zu Jahr schneller. Es entstehen immer wieder neue Probleme. Doch das ist der Weg der Entwicklung», fasste Petrucci zusammen. Dabei treffen zwei gegensätzliche Interessen aufeinander. «Die Ingenieure wollen die Motorräder immer schneller machen, die Regeln sollen die Motorräder verlangsamen. Doch es ist der Job der Ingenieure, immer noch bessere Motorräder zu bauen.»
Der Unfall von Zarco in Barcelona zeigt, wie schwierig dieser Balanceakt bleibt. Petruccis Vorschlag setzt deshalb nicht allein bei der Technik an: Eine kürzere Anfahrt auf besonders kritische erste Kurven könnte die Geschwindigkeit unmittelbar nach dem Start reduzieren – und den Fahrern im Ernstfall jene entscheidenden Meter verschaffen, die eine Kollision verhindern können.
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