History: Alan Jones über Ferrari – das war saublöd

Von Mathias Brunner
Formel 1
​​Viele Fans von Daniel Ricciardo träumen davon, dass der Australier eines Tages einem Ferrari sitzt: italienische Wurzeln und all das. Doch welcher Australier kam einem Ferrari-Cockpit am nächsten?

Immer wieder ist davon die Rede, dass Daniel Ricciardo nach Ablauf seines Red Bull Racing-Vertrags für 2019 zu Ferrari wechseln könnte. Der Australier sagt generell: «Die zweite Geige werde ich nicht spielen.» Und er betont auch, dass er sich bei Red Bull Racing wohl fühle.

Gehört Daniel Ricciardo eigentlich zu jenen Piloten, welche immer davon geträumt haben, einmal in Rot zu fahren? «Das ist doch ein Klischee», hielt der Australier dazu mehrfach fest. «Ich bin sicher, dass es viele Fahrer gibt, für die Ferrari das Grösste wäre. Aber bei so manchem spielt es vielleicht auch eine Rolle, dass die Eltern Ferrari aufgrund der reichen Historie so verehrt haben.»

«Immer wieder werde ich gefragt, was mit Ferrari läuft. Ich habe den Eindruck, das Interesse kommt eher von den Fans oder durch die Medienvertreter als von Ferrari selber. Vielleicht würden mich einige Leute gerne in einem Ferrari sehen, aber ob die Menschen, auf die es bei Ferrari ankommt, das auch wollen, weiss ich nicht.»

Was viele vergessen haben: Ricciardo wäre gar nicht der erste Ferrari-Werksfahrer aus Australien!

Denn Tim Schenken gehörte anfangs der 70er Jahre zum Sportwagen-Werksteam von Ferrari – 1972 gewann er mit Ronnie Peterson beispielsweise beim 1000-km-Rennen auf dem Nürburgring.

Schenken erinnert sich: «Vor dem Monza-GP 1971 kam eine Italienerin auf mich zu und meinte, falls ich daran Interesse hätte, für Ferrari zu fahren, dann solle ich nach dem Training beim Ferrari-Laster vorbeischauen. Ich dachte, Emerson Fittipaldi oder Ronnie Peterson machen einen Jux mit mir. Aber ich ging trotzdem hin. Der damalige Team-Manager Peter Schetty führte mich in ein kleines Restaurant, und da sass Enzo Ferrari. Ich habe für neun Langstreckenrennen unterzeichnet. Ich verlangte 2000 Pfund pro Rennen (ungefähr 30.000 Euro nach heutigem Geld, die Red.) und Ferrari sagte sofort zu.»

Aus einem Formel-1-Engagement für Schenken ist aber nie etwas geworden. In Sachen GP-Sport kamen Alan Jones und Mark Webber einem Cockpit am nächsten.

Webber stand in Verhandlungen, um Stallgefährte von Fernando Alonso zu werden. In seinem hervorragenden Buch «Aussie Grit» verriet der neunfache GP-Sieger: «Nach einem Meeting in Monaco 2012 wurden bereits die Verträge für 2013 aufgesetzt. Aber letztlich wollte Ferrari nur ein Abkommen für 2013 mit einer Option für 2014. Wir hingegen hatten einen Zweijahresvertrag gefordert. Letztlich sagte mir mein Bauchgefühl, dass Ferrari wohl doch nicht das Richtige für mich ist.»

Skurril die Ferrari-Geschichte von Alan Jones. Im Laufe der Formel-1-Saison 1981 erlosch das innere Feuer von Alan. Der Australier, in der Saison 1980 mit Williams Weltmeister geworden, mühte sich mit dem undurchsichtigen Carlos Reutemann herum, und irgendwann fand Alan, er habe sich und der Welt eigentlich alles bewiesen, was es zu beweisen gab. Aber da war noch Ferrari.

«Mein WM-Titelgewinn 1980 war wirklich der Hammer, als ich den Titel in der Tasche hatte, wurde ich noch im Helm ziemlich emotional, das ist eine Seite, die nicht viele Menschen von mir gesehen haben. Ich weiss noch, dass ich dann im Hotelzimmer unter der Dusche stand und herumzutanzen begann: “Ich bin Weltmeister! Ich bin Weltmeister!” Und dann bin ich in einen Hotelsaal hinuntergegangen, und wir hatten die knalligste Party, die du dir vorstellen kannst.»

«1981 fuhr ich aus meiner Sicht besser als im Jahr zuvor, aber wir hatten einige Probleme mit der Standfestigkeit. Und nachdem sich Reutemann in Brasilien nicht um unsere vertragliche Abmachung gehalten hatte, wusste ich – dem kann ich nicht trauen. Die Punkte, die mir Carlos wegschnappte, hätten zur erfolgreichen Titelverteidigung gereicht.»

Diese Abmachung ging so. Alan Jones: «Frank Williams wusste, dass wir ein überlegenes Auto hatten. Also hat er zu uns gesagt: “Ungefähr das Letzte, was ich will, besteht darin, dass ihr beiden im Rennen führt und dann fahrt ihr euch in den letzten Runden in die Kiste und ein anderer gewinnt.“»

Daher war in Alans Vertrag verankert: Liegt Jones vier Sekunden oder weniger hinter dem führenden Reutemann, dann muss ihn Carlos passieren lassen. Das war auch 1980 bereits so geregelt. Jones weiter: «Ich hielt mich also locker auf Distanz und liess ihn führen. Zwei Runden vor Schluss dämmerte mir langsam – hält sich der Kerl möglicherweise nicht an die Abmachung? Dann dachte ich: Ach was, er wird ein grosses Theater draus machen und in der letzten Kurve oder gar vor dem Zielstrich zur Seite fahren. Was er nicht tat. Von da an wusste ich, dass ich ihm nicht mehr trauen kann.»

Gut ein Jahr später klingelte das Telefon. Alan Jones erinnert sich: «Ein Anruf aus Maranello. Didier Pironi hatte in Hockenheim einen üblen Unfall gehabt, er war im Regen ins Auto von Prost gefahren, Ferrari wollte wissen, ob ich einspringen würde. Nun, es gab schon einmal Kontakt zu Ferrari und damals fühlte ich aus Italien eine etwas kalte Schulter.»

Hintergrund: Ferrari wollte 1977 Mario Andretti von Lotus weglocken, weil man sich von einem Engagement des Italo-Amerikaners mehr verkaufte Ferrari in den USA erhoffte. Doch Andretti sagte ab. Daraufhin unterzeichnete der damalige Shadow-Fahrer Alan Jones für Ferrari eine Absichtserklärung, um ab 1978 für Maranello zu fahren. Doch Ferrari engagierte hinter seinem Rücken den jungen Gilles Villeneuve und sagte Jones, man brauche ihn jetzt doch nicht. Das hat Alan nie vergessen. Er ging stattdessen zu Williams.

Alan Jones nimmt den Faden auf: «1982 also war ich noch immer ein wenig beleidigt, also dachte ich – liebe Freude, dann zappelt mal ein wenig. Ich sagte am Telefon, ich würde mich wieder melden, und dann tat ich erst mal gar nichts. Das war ein Fehler. Als Ferrari von mir nichts hörte, haben sie Mario Andretti engagiert und der stellte den Wagen in Monza prompt auf die Pole-Position! Stell dir vor, in dem Auto wäre ich gesessen – ich hätte nie im meinem Leben in Italien je wieder für eine Mahlzeit bezahlen müssen! Es ist schon ironisch: 1977 wollten sie erst Mario, erhielten ihn nicht und wollten dann mich. 1982 wollten sie mich, ich gab keine Antwort, also holten sie Mario. Seltsam, wie das Leben spielt.»

Heute sagt der 71-Jährige: «Dass ich das Ferrari-Angebot nicht annahm, das bereue ich bis heute. Die Absage war das Saublödeste, was ich in meiner Karriere gemacht habe.»

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