Moto Guzzis Tabubruch: Reihentwin statt V2 für neues Mittelklasse-Modell
Moto Guzzi setzt traditionell auf längs verbaute V2-Motoren. Ab 2027 kommt ein neues Modell mit neuer Rezeptur zum Einsatz: Die runderneuerte Basis stammt ursprünglich von Konzernschwester Aprilia.
Moto Guzzi steht für V2-Motoren im Allgemeinen – für luftgekühlte Twins mit längs laufender Kurbelwelle im Speziellen. V7 und V85 stehen für aktuelle Modelle aus Mandello del Lario in Reinkultur, die wassergekühlten Stelvio und V100 Mandello waren vor ein paar Jahren die jüngste Evolutionsstufe. Doch die komplexeren Twins in V-Form bringen zwar den Nimbus der Originalität mit sich, gleichzeitig aber auch höhere Produktionskosten. Preislich ein eklatanter Nachteil, denn weltweit werden günstigere Mittelklassemodelle wichtiger. Der Markt über 500 Kubikzentimetern Hubraum soll, so erwarten es Experten und die meisten Hersteller, weltweit mittelfristig schrumpfen. Ein Grund, weshalb immer mehr Marken darauf setzen, Modelle im Marktsegment zu bringen, das bei uns die wachsende untere Mittelklasse darstellt und gleichzeitig das «Big-Bike»-Segment im asiatischen Markt: BMW hat mit der F450 GS ein Modell gebracht, das mittelfristig zur Familie ausgebaut und später um zusätzliche Modelle mit mehr Hubraum ergänzt wird. KTM hat bereits seit Jahren die erfolgreichen 390er-Modelle am Markt und startet Ende kommenden Jahres ebenfalls mit einer Reihentwin-Familie mit rund 500 Kubik. Triumph hat mit 400er-Einzylindern vor zwei Jahren eine neue Modelllinie begründet und auch Aprilia hat mit seinen von der RS660 abgeleiteten RS457 und Tuono 457 neue Kundenschichten erobert. Und der Reihentwin aus Noale bildet ab Ende des Jahres die Basis für eine Moto Guzzi, die für die Marke aus Mandello del Lario nichts weniger als einer Revolution gleichkommt.
Moto Guzzi und Aprilia gehören gemeinsam zur Piaggio-Gruppe und teilen sich eine Entwicklungsabteilung – die Wege für den Technologietransfer sind kurz. Damit wird Moto Guzzi erstmals einen Reihentwin zum Verkauf anbieten. Zwar gab es in den 1930ern schon Reihenmotoren bei den Italienern, doch diese waren nur für Motorsportmodelle gedacht und wurden normalen Kunden vorenthalten. Erst jetzt folgt ein Serienmodell mit der heutzutage am weitesten verbreiteten Motorbauform. Wie Fotos von nahezu serienreifen, wenn auch noch mit Tarnung verfremdeten, Vorserienmotorrädern zeigen, setzt die Marke vom Comer See dabei aber nicht auf die simple Übernahme der Basis von Aprilia, sondern passt diese an die eigenen Bedürfnisse und die eigenen Kunden an: Das dabei entstehende Modell ist ein klassisch gezeichneter Roadster, dem man die Verwandtschaft zur Noaleserin kaum ansieht. Der Motor gleicht dabei, mit Ausnahme eines veränderten Lichtmaschinendeckels, äußerlich weitgehend der ursprünglichen Bauform. Der Klang jedoch ändert sich: Vermutlich durch eine veränderte Abgasanlage und innermotorische Modifikationen – der größere und in seiner Positionierung leicht angepasste Kühler ist ein Hinweis auf Letzteres. Die Charakteristik von Leistungs- und Drehmomententfaltung dürfte die Guzzi von ihrer Schwester aus Noale ebenfalls merklich unterscheiden. Ob es auch Unterschiede in Spitzenleistung und Hubraum geben wird, bleibt noch abzuwarten.
Sicher ist, dass die Guzzi schwerer wird als die fahrfertigen 175 Kilogramm der Tuono 457. Die Venezierin setzt bei Rahmen und Fahrwerk großflächig auf den Einsatz von Aluminium, die Moto Guzzi auf Stahl. So weicht der Alu-Brückenrahmen der Tuono und RS457 in der Moto Guzzi einem klassischen Stahlrohrrahmen und auch die Schwinge am Hinterrad ist neu entwickelt und aus dem festen Werkstoff. Dazu grenzt das neue, nun außen liegende, hintere Federbein das Chassis der Guzzi von dem der sportlichen Schwester aus Noale ab. Verzögert wird weiterhin mit den Bybre-Zangen, die auch in der Aprilia eingesetzt werden. Doch wo diese sich an sportlicheres Klientel wendet, dürfte die Marke vom Comer See es auf Kunden abgesehen haben, die es entspannter mögen. Das Design ist trotz des technischen Neulands für die Marke klar als Moto Guzzi erkennbar. Die bullige Tankform haben die Stilisten aus Mandello beibehalten, auch wenn keine Ventildeckel seitlich hervorschauen. Die Sitzbank ist bereits jetzt sichtbar großzügig dimensioniert und dick gepolstert. Die Instrumente sind klassisch rund – jedoch als modernes TFT-Instrument ausgeführt. Ebenfalls noch getarnt, und doch erkennbar: In die runde Frontlampe integriert ist das LED-Tagfahrlicht in Form des typischen Adlers.
Die Premiere dürfte im November auf der Mailänder Leitmesse EICMA stattfinden. Ein Geheimnis ist nach wie vor der Name. Die Historie von Moto Guzzi ist jedoch reich an möglichen Vorbildern.
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