Verwirrend, schockierend, amüsant: Der MotoGP-Transfermarkt zur Saison 2027
Die Zeiten in der MotoGP haben sich geändert. Das gilt auch für den Transfermarkt. Nur noch wenige Entscheidungen stehen aus. Ein Kommentar zu den nicht immer klaren Geschehnissen der letzten Monate.
Das Entscheidende vorweg: Auch für schwer interessierte und jene, die sich in Vollzeit mit der MotoGP beschäftigen, ist keine einheitliche Strategie zum Transfermarkt der Königsklasse zu erkennen. Was aber auch verständlich ist – denn zur Saison 2026 und damit vor dem Beginn der «Fast-alles-neu-Ära» mit 850er-Rennern waren die Begleitumstände deutlich komplexer als vor einer «normalen» Saison ohne Generationenwechsel.
Denn zum neuen Regelwerk mussten auch die Verträge zwischen der MotoGP selbst und den involvierten Werken für nicht weniger als fünf Jahre – plus die Verbindungen zwischen Herstellern und Kundenteams – bestätigt werden. Vor dem Hintergrund des Inhaberwechsels, bekanntlich kommen die großen Ansagen nun aus den USA von Mehrheitseigentümer Liberty Media, zogen sich die Verhandlungen – zumindest aus Sicht der Werke – viel länger hin als erhofft. Denn alle weiteren Vereinbarungen, inklusive der spannenden Verträge mit den Fahrern, greifen rechtlich erst dann, wenn die Geschäftsgrundlage, sprich die MotoGP, vorhanden ist.
Während auf der Management-Ebene im vergangenen Winter die Köpfe rauchten, sorgte Aprilia doch für eine Überraschung. Als sich die Piloten gerade für den Sepang-Wintertest ins Leder warfen, zündete Noale die erste Vertragsrakete: Marco Bezzecchi wurde (trotz offiziell fehlender Grundlage) als Pilot für weitere Jahre bestätigt. Der Mitfavorit aus Italien war damit vom Markt, bevor es auf der Piste losging.
Bemerkenswert auch die eingesetzten Stilmittel. Über Geschmack lässt sich bekanntlich am besten streiten, doch nicht zu leugnen ist, dass die Kommunikationsabteilung des Projekts genau zuhörte, als die neuen MotoGP-Verantwortlichen von Entertainment sprachen. Bezzecchi im einteiligen Leder-Smoking neben der vierzylindrigen Flügelbraut in Weiß – die Kampagne verfehlte ihre Wirkung nicht.
Andere Werke sprangen nicht auf. Es wurde eisern geschwiegen und dass, obwohl bereits vor dem Sepang-Test mitsamt Bezzecchi-Vertrag weitere große Deals feststanden. Dass Fabio Quartararo Honda-Werksfahrer wird, die Bestätigung wurde am 21. Juli verschickt, war da bereits genauso sicher wie die Nachfolge mit Jorge Martin bei Yamaha.
An anderen Stellen wurden zwar ebenfalls bereits eifrig Pläne geschmiedet, doch geschrieben wurde stets mit Bleistift. Der Grund: Marc Marquez. Von der Entscheidung des Weltmeisters hingen weitere Manöver ab. Beispiel: Hätte etwa Marc Marquez entschieden, seine Karriere aufgrund gesundheitlicher Probleme zu beenden, vor der Werks-Ducati mit der Nummer 93 hätten sich Top-Athleten wie Di Giannantonio, Alex Marquez oder Fermin Aldeguer angestellt. Selbst wenn Marc Marquez Ducati von einem Einjahresvertrag für 2027 überzeugt hätte, so hätte auch das Auswirkungen auf den weiteren Transfermarkt gehabt.
Fest stand zu diesem Zeitpunkt auch, dass Pedro Acosta KTM verlassen wird, wurde aber von keiner Seite offiziell kommuniziert – stets mit dem Hinweis auf die anhaltenden Gespräche auf Herstellerebene mit dem Rechteinhaber und Vermarkter der MotoGP.
Bewegung in die Kommunikationsabteilungen kam dann in der Tat erst im letzten Monat. Mehr oder weniger zeitgleich stand die Entscheidung von Marc Marquez für weitere zwei Jahre im Ducati-Werksteam mit der Unterschrift aller Werke. Beim Brünn-GP wurde schließlich die große MotoGP-Schampuspulle geöffnet. Diesmal nahm Ducati den ersten Schluck. Auf die Bestätigung zu «MM93» folgten Acosta und Pecco Bagnaia bei Aprilia.
Im Transfer-Drehbuch folgte eine weitere Überraschungsszene, inhaltlich wie formell. Noch vor dem KTM-Werksteam legte Gresini-Ducati die 2027er-Karten auf den Tisch. Zwar war auch hier längst durchgesickert, dass man sich für Joan Mir und Moto2-Pilot Holgado entschieden hatte – doch warum der fraglos talentierte Holgado (WM-Rang 5) den Vorzug vor Moto2-Dominator Manuel Gonzalez erhielt, das wird als Mysterium ins 2026er-MotoGP-Jahrbuch eingehen.
Fabelhaftes Gespür bewies Gresini dagegen nicht zum ersten Mal in Sachen Kommunikation. Die mit KTM ins Netz geschobene Kampagne «Orange ist das neue Blau» für den scheidenden Alex Marquez zeugte von Feingefühl am Sprecherpult. Den gleichen Gedanken setzte man übrigens auch bei Ducati Corse und Yamaha Racing für die ausscheidenden Langzeitmitarbeiter – und Weltmeister – Bagnaia und Quartararo. Vor der Begrüßung der Nachfolger stand der Applaus für das Erreichte.
Am anderen Ende: Honda. Hier entschied man sich für die höchste Stufe der Effizienz in Form einer Grafik mit weniger Zeilen – auch so kann man die Weltmeister Fabio Quartararo und David Alonso willkommen heißen.
Noch ist es nicht vorbei. Trackhouse-Aprilia, VR46-Ducati, Tech3-KTM und Pramac-Yamaha stehen noch vor der Verkündigung der neuen Fahrerpaarungen. Mit Ausnahme von Tech3, wo heute noch keine finale Entscheidung zwischen Luca Marini, Senna Agius und Manuel Gonzalez gefallen ist, sind alle Namen bekannt. Nicht wer, sondern wie und wann wird kommuniziert, so die wenig spannende Frage. Anschauungsmaterial dazu – siehe oben.
Vor der endgültigen Aufstellung steht die wenig überraschende Wahrnehmung der weiter gesteckten MotoGP-Fangmeinde: Marc Marquez bleibt bei Ducati und ansonsten kenne ich mich nicht aus! Kein Wunder, wenn eine Lawine von Verträgen auf mehreren Ebenen über viele Monate verhandelt wird. Over and out.
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