Teamchef Aki Ajo: Was ist sein Erfolgsrezept?

Von Günther Wiesinger
Moto3

Es vergeht kaum ein Jahr, in dem Red Bull KTM-Teambesitzer Aki Ajo nicht um einen WM-Titel kämpft. Der Finne versucht sein Erfolgsrezept zu vermitteln, bei dem viel von Vertrauen die Rede ist.

Der Finne Aki Ajo ist der erfolgreichste Teambesitzer in der kleinsten GP-Klasse der letzten zehn Jahre. Er gewann den 125-ccm-WM-Titel 2008 mit Mike di Meglio, 2010 mit Marc Márquez und 2012 den Moto3-WM-Titel mit Sandro Cortese.

Dazu landete er 2011 mit Johann Zarco auf Platz 2, und 2013 und 2014 verloren seine Asse Luis Salom und Jack Miller den Moto3-WM-Titel erst im letzten Rennen.

Auch wenn in der Moto3-WM 2015 bisher Honda dominiert (fünf Rennen, vier Siege, in der WM auf den ersten vier Rängen), so sorgt Aki Ajo weiter für Aufsehen. Er setzt 2015 erstmals ein Moto2-Team ein – und führt mit Johann Zarco in der WM.

Dazu fungiert der strenge Teamchef als persönlicher Manager der Ausnahmekönner Jack Miller und Maverick Vinales, die sich in der MotoGP-WM als Rookies prächtig aus der Affäre ziehen.

Aki Ajo hat in den letzten Jahren oft den richtigen Riecher gehabt. Er hat mit Fahrern gewonnen, die sonst keiner haben wollte. Mike di Meglio war in der Saison 2007 WM-Siebzehnter in der 125er-Klasse. Dann kam er zu Ajo – und wurde Weltmeister. Jack Miller hatte noch keinen Podestplatz errungen, als er 2014 zum Ajo-KTM-Team stiess – er gewann sechs Grand Prix und verloren den Titel nur um zwei Punkte.

SPEEDWEEK.com hat mit Aki Ajo über sein Erfolgsrezept gesprochen.

Aki, du hebst immer wieder verborgene fahrerische Schätze. Wie funktioniert das?

Ich weiss es nicht. Im Grunde verrichten wir einfach normal unsere Aufgabe.

Aber du hast den Ruf, manchmal ziemlich streng zu sein. Du duldest es nicht, wenn ein talentierter Fahrer nicht das Maximum aus sich herausholt.

Ob ich streng bin, weiss ich nicht. Ich bin zumindest offen und ehrlich, sagen wir so.

Als Sandro Cortese 2010 erstmals bei dir gefahren ist, hast du ihn nicht mit Samthandschuhen angefasst. Er war das nicht gewöhnt, im Caffè-Latte-Team von Dani Epp stand er neben Tom Lüthi drei Jahre lang kaum unter Erfolgsdruck.

Deine Frage ist schwierig zu beantworten. Mein Rezept funktioniert bei manchen Fahrern gut, bei manchen weniger gut.
Besonders als ich jünger war, war es für mich schwierig, einen Fahrer richtig zu analysieren, richtig einzuschätzen und einen guten Plan zu entwerfen. Es fiel mir schwer, für jeden Fahrer die passende Methode zu finden. Mit den Jahren der Erfahrung ist das jetzt ein bisschen leichter.
​Aber es ist immer noch nicht ​einfach.
Ich tüftle und überlege immer, welche Methode und welcher Arbeitsstil bei einem bestimmten Fahrer am besten funktionieren könnten.
Es gibt kein allgemein gültiges Rezept. Man muss unterschiedliche Methoden anwenden. Je mehr Erfahrung man hat, desto leichter findet man für die verschiedenen Fahrer das richtige Rezept.
Das ist der wichtigste Punkt. Es ist eigentlich simpel.

Aber viele Fahrer sind erst bei Ajo Motorsport richtig aufgeblüht. Also machen andere Teamchefs einiges falsch? Oder können sie einen guten Fahrer nicht von einem mittelmässigen unterscheiden?

Ja, es kommt vor, dass ein Fahrer ​erst in unserem Team eine erfolgreiche Saison erlebt, in anderen Teams scheitern sie.
Aber es passiert auch anders rum. Ich muss zugeben: Danny Kent leistet in dieser Saison sehr gute Arbeit. Bei uns ist ihm das nie so perfekt gelungen.
Ende der Saison 2014 ist er sehr stark geworden. Aber im Frühjahr 2014 hatten wir eine schwierige Phase miteinander. Er kam aus der Moto2 zurück...
Da spielen immer viele Dinge mit. Vielleicht fühlt sich ein Fahrer bei uns auf einem anderen Fabrikat wohler als auf dem bisherigen. Vielleicht passt einmal das Motorrad bei uns aber ​nicht zum Fahrstil des Piloten... Vielleicht findet der Fahrer nach dem Weggang bei uns einen besseren Teammanager. Das lässt sich schwer beurteilen.

Du hast jedenfalls in den letzten Jahren immer für konkurrenzfähiges Material gesorgt. Das gelingt auch nicht jedem Teambesitzer. Und du verfügst über gute Techniker.

Gewiss. Das ist auch wichtig.
Natürlich brauchst du zuerst talentierte Fahrer. Dann muss dein Technikpaket wettbewerbsfähig sein. Zuerst müssen alle Grundlagen für den Erfolg geschaffen werden, dann erst kannst du ​mit der Arbeit beginnen.
Doch es ist einfach, das ganze Projekt ins Verderben zu führen, wenn deine Mannschaft nicht gut zusammenarbeitet, wenn sich dein Fahrer im Team nicht wohl fühlt, wenn er kein Vertrauen spürt.
Wenn dein Fahrer kein Selbstvertrauen hat, klappt gar nichts, dann spielt es keine Rolle, ob du das beste Motorrad, die besten Ingenieure und den grössten Sponsor hast.
Der Fahrer muss sich im Team zuhause fühlen, er muss Vertrauen in die Arbeit der Crew haben. Es reicht nicht, wenn der Fahrer happy ist. Er muss Zuversicht ausstrahlen, sich also rundherum wohl fühlen.
Es geht darum: Wie vermittle ich dem Fahrer dieses Vertrauen? Und wie entlocke ich dem Fahrer dann die bestmögliche Performance?

Wie schwer fällt es dir, als Teamchef so streng zu sein, die Fahrer unter Druck zu setzen und das Maximum aus ihnen heraus zu kitzeln?

Ich habe nicht das Gefühl, dass ich so hart und gnadenlos bin.
Viele Leute sagen mir das nach.
Gut, manchmal habe ich auch den Eindruck, ich sei streng.
Aber in erster Linie bin ich ehrlicher zu den Fahrern als andere Teamchefs. Das ist wichtig.
Ich beobachte ja viele Fahrer. Manche sind zu sich selbst nicht ehrlich genug.
Vielleicht wird sich da jetzt jemand ärgern... Aber ​nimm Mika Kallio ​als Beispiel. Mika beschwert sich momentan dauernd in den Medien über irgendwelche technische Probleme. Er klagt über sein Motorrad​ und behauptet, die 2015-Kalex sei nicht konkurrenzfähig.
Meiner Meinung nach liegt die Wahrheit ganz woanders: Mika hat das Vertrauen verloren.
Jeder Fahrer braucht einen professionellen Hintergrund. Da rede ich vom Management, von der Familie, es muss Menschen geben, die dich in die richtige Richtung steuern.
Wenn in deinem Umfeld jemand nur nach Ausreden sucht, sich dauernd beschwert und dich negativ beeinflusst, kannst du rasch von der richtigen Spur abkommen.
Dann gelingt es dir nicht, deine Arbeit und deine Ergebnisse zu verbessern.
Wenn schon das Umfeld nicht ideal stimmt, müssen wenigstens im Team Leute sein, die wirklich ehrlich zu dir sind und dir sagen: Jetzt ist es höchste Zeit, sich auf die richtigen Dinge zu besinnen.
Es bezweifelt ja niemand, dass Kallio ein wirklich talentierter Fahrer ist.
Im Ajo-Team sind wir alle professionell, wir haben viel Erfahrung. Wir wissen: ​Wenn ein Fahrer, der 2014 noch vier Moto2-WM-Rennen gewonnen hat und jetzt auf demselben Fabrikat dauernd 25. ist, kann es nicht nur technische Ursachen haben.
Ich vermute, das Problem liegt in erster Linie im Kopf des Fahrers.
Motorradsport ist Teamwork, mehr als im Fussball.
Das gesamte Team muss dieselben Ziele verfolgen. Jedes einzelne Teammitglied muss verstehen, welche Details wichtig sind und worauf wir uns konzentrieren müssen.
Du brauchst in jedem Rennstall Leute, die ​Verantwort​ung übermehmen​ und einen Fahrer notfalls klarmachen: «Hey, du bist auf dem Irrweg. Lass uns da gemeinsam wieder rausfinden.»

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