YART-Crewchief Max Neukirchner: Der Menschenmanager hinter dem EWC-Erfolg
YART-Crewchief Max Neukirchner spricht über den schwierigen Weg zum Sieg in Le Mans, die mentale Entwicklung von Karel Hanika und seine Rolle als Führungskraft eines Weltmeister-Teams.
Der Saisonauftakt der Langstrecken-Weltmeisterschaft 2026 in Le Mans verlief für YART mit Marvin Fritz, Karel Hanika und Leandro Mercado nahezu perfekt. Trotz schwieriger Vorzeichen gewann das Yamaha-Werksteam den 24-Stunden-Klassiker und legte damit den Grundstein für die angestrebte Titelverteidigung. Für Crewchief Max Neukirchner war der Erfolg aber weit mehr als nur eine sportliche Leistung – er war auch das Resultat einer starken Teamdynamik.
«Die Saison 2026 fing für uns fantastisch an», sagte Neukirchner im exklusiven Gespräch mit SPEEDWEEK.com. Im Winter hatte das Team eine wichtige personelle Veränderung vorgenommen. Für Jason O'Halloran rückte der Argentinier Leandro «Tati» Mercado in die Mannschaft. Nach Einschätzung des YART-Crewchief erwies sich dieser Schritt schnell als Volltreffer.
«Im Winter haben wir den dritten Fahrer getauscht. Tati Mercado kam ins Team. Er ist ein super Typ. Er hat sich sofort ins Team integriert», lobte Neukirchner. «Er ist ein sehr schneller Mann. Es gab vor Le Mans noch einige Defizite, doch im Laufe des Rennens wurde er noch konstanter und schneller. Im Rennen hat er sehr viel dazugelernt.»
Böse Überraschung zu Beginn der Le-Mans-Rennwoche
Dabei deutete vor dem Rennwochenende in Frankreich zunächst wenig auf einen derart erfolgreichen Saisonauftakt hin. Nach starken Wintertests erlebte YART unmittelbar vor dem Rennen einen unerwarteten Rückschlag. «Nach den Wintertests, die richtig gut liefen, dachte ich, dass uns nichts und niemand bremsen kann», erinnerte sich der ehemalige Grand-Prix-Pilot. «Dann kamen wir nach Le Mans und am Dienstag im freien Training hat nichts mehr funktioniert. Wir haben die Welt nicht mehr verstanden.»
Besonders rätselhaft war die Situation, weil das Team nur zwei Wochen zuvor auf derselben Strecke noch sehr konkurrenzfähig gewesen war. «Es gab zwei Wochen vorher bereits einen Test in Le Mans, bei dem noch alles hervorragend lief», erklärte Neukirchner. «Dann hatten wir wenige Tage vor dem Auftakt plötzlich keinen Grip mehr, die Fahrer haben sich unwohl gefühlt, es gab Stürze – auch Marvin ist gestürzt.»
Wie Neukirchner seine Mannschaft wieder in die Spur brachte
Die Stimmung innerhalb des Teams war entsprechend angespannt. «Das war für uns ein großer Rückschlag und wir dachten, dass ein schwieriges Wochenende bevorsteht. Alle waren sehr nervös.» In dieser Phase sieht Neukirchner eine seiner wichtigsten Aufgaben. Der Sachse versteht sich längst nicht nur als sportlicher Leiter, sondern auch als Ansprechpartner und Motivator seiner Mannschaft.
«Eine meiner Stärken ist, dass ich sehr gut mit Menschen umgehen kann», betonte er. «Manchmal kann ich aus den Augen eines Teammitglieds lesen, ob es ein Problem gibt. Ich bin dafür zuständig, dass alles rund läuft.» Tatsächlich gelang YART die Wende. Ab Donnerstag dominierte das Team weite Teile des Wochenendes.
«Ab Donnerstag waren wir dann in jeder Session immer vorn. Wir haben im Qualifying einen neuen Streckenrekord herausgefahren», berichtete Neukirchner. Besonders zufrieden zeigt er sich mit der Entwicklung seiner beiden Stammfahrer Marvin Fritz und Karel Hanika. Während Fritz seit Jahren als Konstante gilt, hat Hanika nach schwierigen Jahren einen bemerkenswerten Reifeprozess durchlaufen.
«Marvin ist immer perfekt», sagte Neukirchner über den Deutschen. «Er ist ein Typ, bei dem man einen Besenstiel reinstecken könnte und er wäre immer noch schnell.» Dabei fühlt sich der Teammanager an eine deutsche Motorrad-Legende erinnert. «Er erinnert mich stark an Ralf Waldmann. Marvin kann Probleme auch umfahren.»
Karel Hanika nach mentalem Tief stärker als je zuvor
Noch emotionaler wird Neukirchner, wenn er über Hanika spricht. «Karel hatte meiner Meinung nach in den beiden zurückliegenden Jahren mental zu kämpfen. So stark wie in diesem Jahr habe ich Karel noch nie erlebt», erklärte er. «Seine persönliche Einstellung hat sich sehr positiv verändert. Ich bin super happy mit ihm.»
Der Weg dorthin war allerdings lang. «Ich habe sehr viel mit ihm gesprochen. Vor einigen Jahren hat er seinen Vater verloren. Es war keine einfache Zeit für ihn. Der Sturz in Le Mans, als er 2024 am Morgen in Führung liegend stürzte, hat ihn beschäftigt.» Die Folgen gingen weit über die sportliche Ebene hinaus. «Er war sehr zerbrechlich und konnte keine Entscheidungen mehr treffen. Es hat lange gedauert, doch ich konnte viel mit ihm reden. Seine Leistung in Le Mans war unglaublich.»
Neukirchner weiß: «BMW war stärker»
Trotz des Sieges sieht Neukirchner die Konkurrenz keineswegs als geschlagen an. Vor allem BMW habe beim Saisonauftakt den stärksten Eindruck hinterlassen. «Man muss ehrlich anerkennen, dass BMW stärker war», räumte er ein. «Wir hatten zu Rennbeginn Gripprobleme. Als es kühler wurde, gingen wir mit den Mischungen in die weiche Richtung und dann wurde es besser.»
Am Ende entschieden vor allem Zuverlässigkeit und perfekte Abläufe in der Boxengasse über den Ausgang des Rennens. «Bei 24 Stunden kann alles passieren. Unser Glück war, dass wir keine technischen Probleme hatten und jeder Boxenstopp perfekt funktionierte.»
Der Erfolg könnte in den kommenden Jahren noch zusätzliche Bedeutung erhalten. «Mit dem Sieg haben wir einen guten Grundstein für die erfolgreiche Titelverteidigung gelegt», sagte Neukirchner. «Wir haben letztes Jahr und dieses Jahr in Le Mans gewonnen. Es gibt einen Wanderpokal, doch bei drei Siegen in Folge kann man den Pokal behalten.»
Beim bevorstehenden zweiten Saisonlauf in Spa-Francorchamps soll nun der nächste Schritt folgen. Nach den extrem schwierigen Wetterbedingungen im Vorjahr hofft der YART-Teammanager diesmal auf bessere Bedingungen. «Ich hoffe, dass es nicht regnet. Letztes Jahr war eine Katastrophe vom Wetter her», sagte Neukirchner. «Spa ist ein schneller Kurs mit sehr vielen schnellen Kurven. Das liegt der Yamaha super.»
Die Zielsetzung ist klar formuliert. «Ich freue mich riesig auf Spa, hoffentlich bei schönem Wetter. Doch auch im Regen sind wir stark. Schöner wäre aber ein Sieg im Trockenen.»
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