Kinigadner über Verletzungen im Offroad-Sport – was sich ändern muss
Beim Red Bull Erzbergrodeo nahm sich Offroad-Legende Heinz «Kini» Kinigadner Zeit für ein Gespräch mit SPEEDWEEK.com, das schnell den Rahmen des sportlichen Small Talks sprengte.
Der zweifache Motocross-Weltmeister und Mitgründer der Stiftung «Wings for Life» Heinz Kinigadner sprach mit SPEEDWEEK.com-Autor Carsten Steffen offen über das, was ihn seit Jahren umtreibt: Die Frage, warum der Offroad-Sport im Umgang mit schweren Verletzungen so weit hinterherhinkt und was sich ändern muss.
«Offroad ist noch echter Sport» – und wird sträflich unterschätzt
Für Heinz Kinigadner war und ist der Geländesport bis heute die Königsdisziplin, weil es dort auf den Fahrer ankommt und nicht allein auf die Technik. Genau diese Faszination macht ihn aber auch blind für das, was im Ernstfall passiert, findet er.
«Der Offroad-Sport ist immer noch meine Welt, die mir so gut gefällt wie nichts anderes. Bei der MotoGP bin ich gerne dabei, weil es einfach Technik auf dem höchsten Stand ist. Offroad ist noch richtiger Sport, weil es in erster Linie auf den Fahrer ankommt. Aber wir bewegen uns beim Offroad-Sport immer noch unglaublich dilettantisch. Ich habe derart viele schlimme Situationen gesehen und miterlebt. Dabei haben wir vor vielen Jahren schon Initiativen wie beim Supercross gestartet, wo wir alle Manager zusammengebracht haben und Prof. Jan Schwab ihnen gezeigt hat, wie man verletzte Fahrer korrekt behandelt – auch nach dem Protokoll, das im Eishockey in den USA gilt. Davon sind wir im Offroad-Sport einfach noch Welten entfernt. Der Unterschied besteht darin, dass im Offroad-Motorsport ehrlicherweise nicht als relevant wahrgenommen wird, wenn sich jemand so schlimm verletzt, dass er eventuell querschnittsgelähmt wird.»
Wenn im Ernstfall alles versagt: Der Fall Benistant
Wie weit die Realität von diesem Anspruch entfernt ist, machte Kinigadner an einem Vorfall fest, der sich erst kürzlich in Frankreich ereignete. Für ihn ist es ein Lehrstück dafür, wie ein System versagt, wenn es darauf ankommt.
«Auch in der Motocross-WM, in der die Top-5 Millionen-Verträge haben, gibt es keinen Helikopter bei den WM-Läufen. Neulich in Frankreich hat erst wieder Thibault Benistant vier Stunden an der Strecke gelegen, bevor er ins Krankenhaus gebracht werden konnte. Und im Krankenhaus war kein Neurologe vorab informiert, dass diese Veranstaltung stattfindet und möglicherweise Verletzte kommen. Man hat das Rennen nicht abgebrochen, obwohl die Sachlage für jeden ersichtlich war. Der Mann wurde über Nacht nicht entscheidend behandelt und erst einen Tag später operiert – obwohl man weiß, dass bei einer Querschnittverletzung das Wichtigste ist, Platz zu machen für die Schwellungen, weil die Nervenstränge sonst absterben.»
Wer in der Pflicht steht: FIM, Veranstalter und Versicherungen
Aus dem Einzelfall wurde bei Kinigadner schnell eine grundsätzliche Verantwortungsfrage. Er nimmt den Weltverband ebenso in die Pflicht wie Veranstalter, Teams und Manager.
«Ich habe vernommen, dass das Management von Thibault Benistant den Veranstalter und die FIM verklagen will. Wenn sie Unterstützung brauchen, dann unterstütze ich das gerne. Wir predigen seit Jahren, was getan werden muss. Ich hoffe, dass die FIM irgendwann einmal hohe Strafzahlungen bekommt, sodass sie aufwacht und etwas unternimmt. Und selbst in diesen Regionen des Sports kommt es dann immer wieder dazu, dass zu Spenden aufgerufen wird, um die Kosten auffangen zu können. Hier sind alle gefordert – von der FIM über die Veranstalter, die Teams und die Manager –, um sicherzustellen, dass entsprechend vollumfängliche Versicherungen abgeschlossen sind. Alle laufen mit offenen Augen ins Messer. Und jedes Mal, wenn es dann passiert, gibt es das große Drama. Hier gehört ganz klar auch die FIM in die Pflichtung genommen. In meiner aktiven Zeit war über die Lizenz noch gewährleistet, dass die Erstversorgung und der Transport ins Krankenhaus abgedeckt waren.»
Kinigadner brachte ein Beispiel, bei dem es funktioniert. «Warum schafft es der Karl Katoch beim Erzbergrodeo, dass er eine Versicherung vorschreibt und auch inkludiert, dass zumindest die Erstversorgung, der Transport und die grundsätzliche Versorgung im Krankenhaus gesichert sind? Es ist wohl auch ein großer Unterschied, zumindest hier in Österreich, ob man privat unterwegs ist oder einen Arbeitsunfall hatte. Die einigermaßen etablierten Fahrer haben daher auch oft eine Art Einzelunternehmen, sodass man auch in der Hinsicht abgesichert ist. Man sollte sich auch die bestehende Versicherung anschauen, um sie gegebenenfalls zu optimieren und aufzustocken.»
«Ich war selbst so ein Trottel»
So deutlich Kinigadner die Verbände kritisierte, so selbstkritisch blickte er auf die eigene Karriere zurück. Der Sinneswandel kam bei ihm erst, als er die Konsequenzen aus nächster Nähe erlebte.
«Durch Wings for Life werden wir ja nun fast bei jedem Vorkommnis in dieser Richtung kontaktiert. Und man wird erst wach, wenn da jemand liegt und die Füße nicht mehr bewegen kann. Ich bin ja selbst so ein Trottel gewesen und am liebsten ohne alles gefahren. Kurzärmelig, die große Freiheit. Wenn man dann mitkriegt, was im Fall des Falles die Konsequenz sein kann, dann muss man rückblickend sagen: Das war einfach saudumm. Wir wollen das jetzt den Fahrern näherbringen – nicht so blöd zu sein, wie wir selbst waren.»
Vom Leatt-Brace zum Pflicht-Airbag
Dass sich technisch etwas bewegt hat, ist auch Kinigadners Beharrlichkeit zu verdanken. Er erinnert an eine Serie folgenschwerer Unfälle, die ihn zum Handeln zwangen – und leitet daraus eine klare Forderung ab.
«Im Moment ist es leider noch so, dass du ab dem Unfall für den Rest deines Lebens damit leben musst. Wir arbeiten mit Wings for Life daran, dass sich das ändert. Ich bin überzeugt, dass wir das auch irgendwann schaffen werden. Wir haben damals eine Arbeitsgruppe gegründet, unter anderem mit BMW, Ortema, der Klinik in Murnau und dem Helmhersteller Schuberth. Da ist zum Beispiel auch das Leatt-Brace entstanden. Vorher hatte sich unter anderem Fabrizio Meoni bei der Dakar das Genick gebrochen und ist verstorben. Innerhalb von zwei Jahren gab es derart viele folgenreiche Unfälle – mit meinem Sohn Hannes und auch mit Pit Beirer –, dass ich gesagt habe: Das darf so nicht bleiben. Nun ist es der Airbag. Es fährt bei uns im Rallye-Sport keiner mehr ohne Airbag. Firmen wie Alpinestars entwickeln das permanent weiter und haben mittlerweile einen ziemlich guten Schutz anzubieten. Das muss zur Pflicht werden – denn wenn es keine Pflicht ist, trägt es fast keiner. Das muss ins Reglement und für jeden Fahrer verbindlich sein. Der Sport wird nie zu 100 Prozent sicher werden. Aber wenn man solche Möglichkeiten zum Schutz hat, dann sollte man sie wahrnehmen. Denn jeder, den wir vor einer solchen Verletzung bewahren können, ist es wert!»
Wo die Forschung heute steht
Neben Prävention geht es Kinigadner um Heilung. Seit über zwei Jahrzehnten steckt Wings for Life zweistellige Millionenbeträge in die Rückenmarksforschung – mit Fortschritten, aber ohne falsche Versprechen.
«Mit Wings for Life geben wir seit 22 Jahren Vollgas und stecken jedes Jahr 10 bis 15 Millionen Euro in die Weiterentwicklung. Mit dem Wings for Life World Run haben wir sehr gute Einnahmequellen, das geht in eine sehr gute Richtung. Aktuell haben wir um die 45 Projekte und davon 8 klinische Projekte laufen, und das eine oder andere wird Erfolg haben. Davon gehe ich aus. Was nicht heißt, dass es eine Spritze geben wird und du stehst wieder auf. Schritt für Schritt – vielleicht kommt die Kontrolle des Darms oder der Blase wieder zurück, oder man kann die Finger wieder bewegen. Aktuell läuft auch ein Projekt im Bereich der frischen Verletzungen, wo noch in der ersten Nacht ein bestimmter Eingriff gemacht und Platz für die Schwellungen geschaffen wird. Das würde bei einer großen Anzahl von Fällen verhindern können, dass es im Rollstuhl endet. Aber die Erwartungshaltung sollte realistisch sein. Wenn die Studie in anderthalb bis zwei Jahren abgeschlossen sein wird, dann dauert es weitere fünf bis sieben Jahre, bis das in der Klinik zum Standard geworden ist. Über die Schlaganfall-Forschung hat man herausgefunden, dass man den Vagusnerv therapeutisch aktivieren kann, zum Beispiel für die Beweglichkeit der Finger. Dieses Projekt in Texas, das wir seit Jahren unterstützen, ist sehr erfolgreich, und wir haben dort auch die offizielle Zulassung erhalten. In den letzten 30 Jahren hat sich da zwar viel getan, aber in der Forschung ist dieser Zeitraum relativ. Dennoch ist es so: Es ist nicht die Frage, ob, sondern wann wir einen Weg finden werden.»
Der Kopf entscheidet mit: Hannes und Hansi
Am Ende kam Kinigadner auf einen Faktor zu sprechen, den keine Studie und kein Reglement abbilden kann – die innere Haltung. Zwei Menschen aus seiner eigenen Familie stehen ihm dabei vor Augen.
«Die persönliche, mentale Einstellung spielt aus meiner Erfahrung ganz sicher auch eine große Rolle. Ich habe da das ganze Spektrum erlebt. Der eine schreibt alles ab und gibt sich auf. Der andere sagt sich: Es ist jetzt so, und ich muss und will das Beste daraus machen. Der Hannes ist für mich ein sehr gutes Beispiel: Er hat in diesen 23 Jahren nicht einen Tag den Kopf hängen lassen, zumindest nicht sichtbar. Mein Bruder, der Hansi, sitzt bereits seit 1984 im Rollstuhl und hat so ungefähr alles an Rückschlägen erlebt, die man haben kann. Er hat aber einen derart starken Lebenswillen und wohl auch so ein starkes Herz, dass er mit allen Situationen fertig wurde. Also ja – die Einstellung spielt sicherlich eine große Rolle.»
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