John Barnard (Ferrari, McLaren): «F1-Sport künstlich, Fahrer weniger wert»
John Barnard ist einer der einflussreichsten Formel 1-Designer. Er hat Kohlefaser-Überlebenszellen in den GP-Sport gebracht und Schaltwippen am Lenkrad. Mit den 2026er Autos kann er wenig anfangen.
Alle reden heute vom genialen Adrian Newey als bestem Rennwagen-Designer der vergangenen 30 Jahre. Sein englischer Landsmann John Barnard war gewissermassen der Newey der Generation zuvor.
In dieser Liga spielen nur zwei andere Männer mit: Lotus-Gründer Colin Chapman sowie der Südafrikaner Gordon Murray.
Der in London geborene Barnard wird als wegweisender Rennwagen-Konstrukteur verehrt. Ein paar Beispiele gefällig? Kohlefaser-Monocoque, Bodeneffekt-Auto im IndyCar-Sport, halbautomatisches Getriebe mit Wippenschaltung hinterm Lenkrad, Einzelstütze für den Heckflügel, Colaflaschen-Form am Heck, seitliche Luftleit-Elemente (barge boards), Motoraufhängung am Chassis mit nur vier Bolzen, Drehstäbe anstelle von Federn, zahlreiche Verbesserungen bei der Arbeit im Windkanal.
Der inzwischen 80 Jahre alte Barnard ist kürzlich vom renommierten Automobilmuseum von Turin eingeladen worden, als Gastredner der Ausstellung «Gegner von Ferrari».
Dabei hat der Londoner über die 2026er Rennwagen-Generation gesprochen, und der Brite ist nicht beeindruckt: «Ich mag sie nicht, die modernen Autos sind zu gross und zu schwer.»
«Mir ist zuwider, was die heutigen Regeln vom Fahrer verlangen, also in einer Kurve vom Gas zu gehen, um später auf der Runde eine volle Batterie zu haben. Der Job des Rennfahrers sollte doch vielmehr darin bestehen, so schnell wie möglich zu fahren – ohne über solche Dinge nachdenken zu müssen.»
Obschon die Piloten also mit dem Management ihres Autos mehr zu tun haben, findet Barnard: «Die Fahrer sind weniger wert. Max Verstappen allerdings verblüfft mich immer wieder. Er ist einer der wenigen, die wirklich alles aus einem Wagen quetschen können. Und er gibt in keiner Situation auf, niemals.»
«Leider wirkt der ganze heutige Formel-1-Sport auf mich künstlich. Ich finde es auch schade, dass im GP-Sport ein so engmaschiges Reglement herrscht, dass die modernen Designer kaum Chancen auf echte Innovationen haben. Die Teams sollten mehr Raum erhalten, sich einen echten Vorteil zu verschaffen.»
«Natürlich ist es schön, welche Fortschritte erreicht worden, vor allem punkto Sicherheit. Aber es stellt sich die Frage, ob der Sport nicht zu gross und die Autos nicht zu kompliziert geworden sind. Ausserdem verstehe ich nicht, wieso die Fahrer so viel verdienen.»
John Barnard: Gefeiert, gefürchtet, gefeuert
Denn John Barnard ist kein pflegeleichter Zeitgenosse, wie alle bestätigen können, die mit ihm gearbeitet haben. Der Brite stellte höchste Anforderungen, an sich selber und an seine Mitarbeiter, immer mit dem Ziel, das perfekte Rennauto zubauen. Seine Wutausbrüche sind legendär geworden.
Schon als Kind war John nicht der Einfachste. Heute würden wir so etwas als verhaltensauffällig bezeichnen, und Eltern sässen bei einem Spezialisten, um es abklären zu lassen. Dabei steckte in diesem Jungen einfach ein – in Ermangelung eines besseren Wortes – Genie. Als es darum geht, im Fach Werken eine Abschlussarbeit zu bauen, zimmerten einige ungelenk an einem Kerzenständer herum. John Barnard baute ein Rennboot, zur grossen Begeisterung seines Lehrers.
Barnard erhielt seinen ersten Job im Motorsport beim legendären Lola-Gründer Eric Broadley, er wechselte erstmals zu McLaren (1972 bis 1975), als Emerson Fittipaldi Weltmeister wurde.
Dann ein Intermezzo in den USA: Barnard arbeitete Seite an Seite mit den Grössten der Branche – Parnelli Jones, Mario Andretti, Johnny Rutherford, Jim Hall. Das Abenteuer Nordamerika endete mit einer riesigen Enttäuschung, weil Barnard sich nicht wertgeschätzt fand.
Barnard kehrte zurück nach Europa und schloss sich dem neuen McLaren-Team an, in welchem nun Ron Dennis das Sagen hatte. 1984, 1985 und 1986 folgten mit Niki Lauda und Alain Prost weitere Titel. Barnard hatte dabei das erste Kohlefaser-Auto gebaut. In dieser Phase erhielt John einen wenig schmeichelhaften Spitznamen «Prinz der Dunkelheit». Mitarbeiter erzählen noch heute, wie es ihnen schon halb den Magen umdrehte, wenn sie nur Barnards Auto aufs Gelände fahren hörten.
John Barnard erlag der Verlockung Ferrari und schaffte, was niemand für möglich gehalten hätte: Der grosse Enzo Ferrari erlaubte, dass ein Auto in England konzipiert wird. Was dem Alten verschwiegen wurde: In Italien entsteht ein Konkurrenzauto. Dies ist nur eine Episode aus der Schlangengrube Maranello.
Benetton-Manager Flavio Briatore lockte mit Engelszunge, Barnard wechselte zum englischen Team, wo Michael Schumacher seinen ersten GP-Sieg eroberte. Aber auch das Kapitel Benetton endete mit Wut und Enttäuschung, weil Barnard nicht umsetzen konnte, was ihm versprochen worden war.
Also zurück zu Ferrari, wo John Barnard das Fundament zur grössten Siegesserie der Italiener goss. Barnard leitete Entwicklungen ein, die Michael Schumacher später zu fünf WM-Titeln in Folge verhalfen.
Die GP-Karriere von Barnard trudelte eher unspektakulär aus: Bei Arrows und Prost konnte sich der grandiose Designer mangels Finanzen nicht mehr wie erhofft verwirklichen.
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