Tom Kristensen: «Die Lichtblicke der Saison 2026, der kommende Weltmeister»
Im letzten Teil unseres Interviews mit Le Mans-Legende Tom Kristensen (59) spricht der Däne über Licht und Schatten der GP-Saison 2026, über den kommenden Weltmeister und die nächste Motorgeneration.
Tom, wer oder was hat dich abgesehen von WM-Leader Kimi Antonelli in dieser GP-Saison erstaunt? Aston Martin. Wer hätte vor der Saison gedacht, dass sich dieses Team so schwertun würde? Vor allem, wenn wir daran denken, dass dort doch alle Zutaten für eine starke Mannschaft vorhanden sind. Carlos Sainz muss sehr enttäuscht sein, dass Williams nicht besser abschneidet. Und Haas hat sehr gut begonnen, doch dann kam nicht mehr viel.
Aber mir sind generell die Lichtblicke lieber. Wir haben zuvor von Kimi Antonelli gesprochen, wir haben von der beachtlichen Leistung von Audi gesprochen, im ersten Jahr mit der eigenen Antriebseinheit.
Zu meinen Lichtblicken gehört auch Isack Hadjar, der sich als Stallgefährte von Max Verstappen bei Red Bull Racing sehr gut schlägt. Und wir haben von Lewis Hamilton geredet, der seinen alten Schmiss wiedergefunden hat.
Was sagst du zu Formel-1-Neuling Cadillac? Für eine erste Saison ist das anständig. Wo sie dann stehen werden, wenn von General Motors die eigene Antriebseinheit kommt, das wird sich zeigen. Sie scheinen wiederholt Probleme mit überhitzenden Bremsen zu haben. Das war weniger gut.
Wer wird 2026 Weltmeister? Das wurde ich vor der Saison gefragt, im Rahmen meiner Arbeit beim Sender ViaPlay. Damals tippten die meisten natürlich auf George Russell und Mercedes, daher wurde mir gesagt: ‘Bitte tipp nicht du das auch noch.’ Meine Antwort lautete daher – Charles Leclerc. Ich sagte auch vorher, dass Monaco das beste Rennen des Jahres werden würde und dass Audi ein Sensationssieg gelingt.
Monaco erwies sich dann tatsächlich als spektakuläres Rennen, nicht zuletzt wegen diesem Boxengassen-Strafenbingo, pures Chaos! Von daher war die Vorhersage nicht so übel.
Beim Weltmeister jedoch hätte ich auf Kimi setzen sollen, von dem ich heute überzeugt bin, dass er das wirklich rockt. Aber nicht mit so viel Vorsprung wie heute.
Traditionsrennen wie Spa oder Barcelona gehen in Rotation, Zandvoort ist gestrichen, wir haben keinen Grand Prix in Frankreich und auch keinen in Deutschland. Haben wir in der Formel-1-WM die richtige Mischung aus Tradition und neuen Märkten? Neue Märkte sind wichtig, und das Interesse an der Formel 1 ist derzeit gewaltig. Gleichzeitig können wir keinen Kalender aus 30 Rennen machen. Da kommen wir am Rotationsprinzip nicht mehr vorbei. Allerdings würde ich bei dieser Rotation darauf achten, Traditionsländer wieder einzuschliessen, du hast Frankreich und Deutschland erwähnt. Auch hier muss die Balance stimmen.
Allerdings müssen wir bei den Rennstrecken grundsätzlich Pisten mit Charakter bevorzugen. Ich mag keine Strecken, wo alle Kurven und Randsteine gleich aussehen. Eine Piste muss ihren eigenen Charakter haben, da bin ich vielleicht ein wenig altmodisch.
Formel-1-CEO Stefano Domenicali will noch mehr Sprints sehen, vielleicht sogar an jedem zweiten GP-Wochenende. Ist das der richtige Weg? Für die Fans vor Ort sind Sprints fantastisch, Silverstone war ein grandioses Wochenende, für die Rennställe und die Piloten ist es noch härtere Arbeit. Aber auch hier: Die Balance muss stimmen. Ich vergleiche das immer so – du sitzt an einem Tisch, vor dir das beste Essen der Welt. Aber du kannst das nicht endlos geniessen, sonst ist das eines Tages nichts Besonderes mehr. Und wir müssen auch an die Belastung der Fachkräfte denken.
Wir schauen ganz zum Schluss noch weiter in die Zukunft. FIA-Chef Mohammed Bin Sulayem will spätestens 2031 zurück zu einem Saugmotor. Was hältst du davon? Knifflige Frage. Ich glaube, da wurde ein wenig überreagiert auf den Beginn der Formel-1-Saison, als sich Teams und Fahrer mit der neuen Motorengeneration schwergetan haben. Die Formel 1 muss relevant bleiben, und das bleibt sie auch deshalb, wenn sich die Automobilhersteller zum Grand Prix-Sport bekennen.
Ich halte die Hybridlösung in der Formel 1 für ideal, aber die ersten Läufe 2026 haben klargemacht, dass am Reglement nachjustiert werden muss. Ich würde es gerne sehen, dass die Rennwagen wieder leichter und damit agiler werden. Das ist für mich wichtiger als ein so schriller Sound wie damals mit dem hochdrehenden Saugmotoren.
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