Management-Offensive: Die MotoGP-Geldgeber machen einen weiteren Schritt
Nicht nur in der MotoGP-Startaufstellung stehen für 2007 etliche Personalveränderungen an. SPEEDWEEK.com-Kolumnist Michael Scott mit seiner scharfen Sicht auf die «Offensive im mittleren Management».
Letzte Woche gaben die Großen und Guten der Firma, die nicht mehr Dorna heißt – sondern nach der Übernahme durch Liberty Media im letzten Jahr nun MotoGP Sports Entertainment Group – kurz MSEG –, eine triumphale Ankündigung heraus. Es wurde eine ganze Reihe neuer Ernennungen bekannt gegeben.
Vier Neuzugänge im Managementteam! Die alle viel darüber aussagen, was mit der Weltmeisterschaft passiert ist und weiterhin passiert. Und niemand soll behaupten, dass die Organisation dadurch etwas kopflastig wird. Diese Management-Größen wurden sorgfältig aus der Welt des Business-Sports ausgewählt. Oder, wenn man so will, des Sport-Business.
Money, Money, Money
Eigentlich sollten wir uns an die offizielle Bezeichnung halten: Sport-Entertainment. Wettkämpfe als Profitcenter, deren Alleinstellungsmerkmal die sportliche Leistung der Supertalente ist, die aus Risiko, Schweiß und Spitzenleistung in Geld verwandelt wird. Das Interesse dieser Leute an diesem inspirierenden Talent liegt ausschließlich im Gewinn. Saftige Margen, Wertsteigerung – und sehr viel Geld. Sport und Sportler dienen dazu, sich die Taschen zu füllen. Fans gibt es aus demselben Grund.
Die vier neu ernannten Führungskräfte tragen beeindruckend klingende Titel: Chief Strategy Officer, Chief Revenue Officer und so weiter. Alle vier kommen aus verschiedenen lukrativen Sportarten: aus der amerikanischen NFL (Football), der britischen Fußball Premier League (Tottenham Hotspur und Manchester United), der Formel 1 und der UFC (Ultimate Fighting Championship – ich musste erst einmal googeln. Die Bilder haben mich nervös gemacht) – sowie aus Bereichen reinerer Unterhaltung: Discovery und Warner Brothers.
Nun ist der Einfluss des Eigentümers Liberty Media deutlich zu spüren, nicht zuletzt daran, dass die Ernannten zum ersten Mal seit einigen Jahren nicht aus dem engen oder erweiterten Familienkreis von Dorna-Chef Carmelo Ezpeleta stammen. Dies ist das deutlichste Zeichen dafür, dass sich die MotoGP von der persönlichen Domäne des spanischen Masterminds zu einem viel breiter aufgestellten kommerziellen Unternehmen gewandelt hat. (Das soll kein Seitenhieb gegen Ezpeleta senior sein. Es war schließlich seine Vision, die den Sport überhaupt erst dorthin gebracht hat, wo er heute steht.)
Wo liegt der Haken?
Na und? Erfolgreiches Business im großen Stil kann der MotoGP und der Superbike-WM doch nicht schaden, oder? Selbst wenn es den Sport von seiner traditionellen europäischen Heimat weg in ferne asiatische Länder lenkt, in denen ungleich mehr Mopeds verkauft werden.
Auch wenn dabei Spitzenfahrer wie dressierte Affen behandelt werden, die in kitschigen Vorführungen auf Pritschenwagen über die Rennstrecken paradieren, obwohl sie sich eigentlich auf das GP-Rennen vorbereiten sollten. Auch wenn der beliebte Austragungsort Phillip Island zugunsten einer potenziell sterilen Stadtparcours-Strecke in Adelaide gestrichen wird.
Und auch wenn das Ganze einen völlig fremdartigen Beigeschmack hat, verglichen mit den sehr erwachsenen Clubrennen, denen die MotoGP noch vor nicht allzu langer Zeit ähnelte. Diese jüngste Weiterentwicklung folgt auf Dornas lange und weitgehend erfolgreiche Kampagne, die den Unterhaltungsaspekt des Sports in den Vordergrund rückt.
Ein wichtiger Meilenstein war die Drohung, Werksteams auszuschließen (wir erinnern uns Sie die seriennahen CRT-Maschinen von 2012 und 2013). Diese zwang Honda, Yamaha und Co., Kundenteams Motorräder auf Werksniveau anzubieten, wie wir es heute sehen.
Viele Regeln sorgen für Spannung in jeder Hinsicht
Es folgte eine ganze Reihe von Vereinfachungen der technischen Vorschriften. Einheitsreifen und Einheitselektronik sind wahrscheinlich die wichtigsten, aber es gibt noch weitere Details: einheitliche Motorspezifikationen … vier Zylinder mit einer festgelegten maximalen Bohrung sowie seitenweise Vorgaben zu Übersetzungsverhältnissen und Chassis.
Dann kam das Einfrieren der Motorenentwicklung, eine Regel, die das Herumtüfteln über das Konzessionssystem erforderte, um technischen und anderen Freiheiten für schwächelnde Konstrukteure wiederherzustellen. Einer der angegebenen Gründe war die Kostenkontrolle, aber ebenso wichtig war, dass dadurch der Wettbewerb ausgeglichen wurde. Das machte die Weltmeisterschaftsrennen auf höchstem Niveau ausgeglichener (Nach dem gleichen Prinzip hätte das Bolschoi-Ballett Bleigewichte in seine Tanzschuhe einbauen können, damit weniger talentierte Tänzer mit ihren Leistungen mithalten könnten. Aber das ist ein ganz anderes Thema).
Das Beste daran war, dass weltweit führende Fernsehtechniken das Beste aus dem herausholten, was wir bereits als den spannendsten Motorsport der Welt kannten. Und seien wir ehrlich: Es hat funktioniert. Man muss sich nur die diesjährige Meisterschaft ansehen – die spannendste und abwechslungsreichste in der Geschichte. Nach 14 von 22 Rennen lagen die Spitzenreiter punktgleich an der Spitze. Mehr noch … zu Beginn des letzten Drittels der Saison gibt es immer noch vier oder fünf potenzielle Sieger. Das ist beispiellos.
Wo liegt also das Problem? Keine Ahnung, ehrlich gesagt. Es scheint nur, als sei neben den Gewinnen auch etwas verloren gegangen. Etwas, das schwer zu definieren ist. Vielleicht ist es Authentizität, oder Menschlichkeit. Etwas, das die Athleten, die so viel riskieren, mehr ins Zentrum stellt – genau so, wie es früher war, als der Rennsport noch nicht von Strategien, Finanzverantwortlichen und einer Armee von erfolgshungrigen mittleren Führungskräften überschwemmt war.
Man sollte die Geldgeber am besten willkommen heißen und sie einfach machen lassen. Das Wachstum des Sports wird die Kopflastigkeit ausgleichen. Und man sollte bedenken, dass der Rennsport noch nie besser oder tatsächlich sicherer war. Denkt nur daran, wer dafür bezahlt. Ihr und ich.
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