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FormelsportKolumne

Sigismund von Kahlen: Der Mann, der den deutschen Motorsport geprägt hat

Am heutigen 30. Mai 2026 wäre der ehemalige Geschäftsführer des DMSB, Sigismund von Kahlen, 90 Jahre alt geworden. Persönliche Erinnerungen an einen Freund, der Unmögliches möglich gemacht hat.

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Sigismund von Kahlen 1936-2012
Sigismund von Kahlen 1936-2012
Foto: Joppen
Sigismund von Kahlen 1936-2012
© Joppen

«Die Einschläge kommen immer näher», pflegte Sigismund «Sigi» von Kahlen immer zu sagen, wenn wir mal wieder am Grab einer unserer alten Freunde aus dem Rennsport standen. Und zur eigenen Beruhigung schob er noch gerne nach, »dass uns beide das ja noch lange nicht betrifft, weil wir mindestens 90 werden.»

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Das habe ich zuletzt 2011 von ihm gehört, ein Jahr später, am 10. Juli 2012, ist er mit gerade mal 76 nach kurzer Krankheit gestorben. Sein Körper hatte keine Kraft mehr, sich gegen eine tückische Infektion zu wehren.

Rauschende Feste in Wiesbaden

Sigi von Kahlen gehörte zu meinen ältesten Motorsport-Freunden überhaupt, wir kannten uns seit 1962. Was haben wir in unserer langen, gemeinsamen Zeit nicht alles erlebt. Wenn ich da nur an unsere wilden Jahre in Wiesbaden denke, als wir noch zu den Berg- und Flugplatzrennen vagabundiert sind und Sigi den Piloten vom Porsche-Club Hessen, wo er ehrenamtlich Pressereferent war, die Daumen gedrückt hat.

Bevor er als Geschäftsführer der höchsten deutschen Motorsport-Instanz berufen wurde, war er hauptberuflich deutscher Pressechef der Filmproduktionsfirma «United Artists». Kraft seines Amtes schleuste er damals seine Rennfreunde gerne mal in die Premieren neuer James-Bond-Filme ein.

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Zusammen mit seinen Porsche-Kumpels von Berg und Rundstrecke haben wir so manch rauschende Party in seiner Wiesbadener Junggesellenbude gefeiert. Als Sigi dann seine Gerti kennenlernte und sie ein paar Jahre später geheiratet hat, war Schluss mit lustig. Die beiden waren zeitlebens ein tolles Gespann.

Eine Schlagzeile sorgt für Wirbel

Und dann war da natürlich der Skandal von 1966 kurz vor seiner Ernennung zum ONS/DMSB-Geschäftsführer. Sigi hatte mir die Personalie unter dem Siegel strengster Verschwiegenheit vorab anvertraut. Aber ich habe die Neubesetzung zu früh im «Wiesbadener Kurier» und anderen Blättern vermeldet. Leider hat die Redaktion auch noch eine ziemlich wüste Überschrift gewählt: «Neuer ONS-Chef kommt aus Wiesbaden – Sigismund von Kahlen will vergreiste Sportbehörde entstauben.»

Die Nummer hätte uns beide fast Kopf und Kragen gekostet. Das anschließende Beben der Entrüstung im ONS-Hauptquartier in Frankfurt ist mir noch heute in Erinnerung – ich war ja als junger, frecher Journalist sowieso das große Feindbild der Frankfurter Motorsport-Hoheit, weil ich in meinen Geschichten ständig deren schwerfällige und verstaubte Organisationsstruktur und den daraus resultierenden Stillstand angeprangert habe.

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Sigi wurde umgehend zum Rapport einbestellt und seine Berufung stand tagelang auf der Kippe. Nur durch eine mit mir abgesprochene Notlüge vermochte er den Kopf aus der Schlinge zu ziehen: Bei der Anhörung vor der ONS-Führung versicherte er glaubhaft, dass er erstens nie etwas weiter erzählt, zweitens ich mir die Information wohl über eine undichte Stelle der ONS besorgt und drittens er von meiner Presseaktion nichts gewusst habe. So konnte er am 1. April 1966 doch noch seinen Traumjob als neuer ONS/DMSB-Macher und Entscheider antreten.

Schützenhilfe für Michael Schumacher und Heinz-Harald Frentzen

Zwar haben sich ab 1970 unsere Wege rein geographisch getrennt, weil es mich beruflich nach Köln zog, aber unsere Freundschaft hat darunter nicht gelitten. Fast an jedem Wochenende haben wir uns weiterhin an irgendeiner Rennstrecke gesehen und uns sowieso über aktuelle Ereignisse ausgetauscht.

Wie erwartet, hat «SvK», so sein offizielles Kürzel, der damals leicht angestaubten Sporthoheit im Laufe seiner 34 Jahre andauernden Amtszeit viele neue Impulse gegeben und einen neuen Geist moderner Motorsport-Führung etabliert.

Und er hat es sogar geschafft, Revoluzzer-Typen wie mich oder unseren gemeinsamen Freund Michael Bernard so auf Linie zu bringen, ohne dass wir unseren kritischen Blick über Bord werfen mussten oder unsere Freundschaft darunter gelitten hätte. Dass wir sogar mal gemeinsam Ideen und Projekte für die höchste Motorsport-Führung realisieren würden, erschien mir damals wie ein kleines Wunder.

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So wurde ich unter SvK-Leitung zusammen mit weiteren Top-Leuten an Bord (u.a. Rallye-Papst Herbert Völker) 1972 in Organisationsteam der gigantischen Olympia-Rallye berufen. Und 1988 haben wir mit Dieter Stappert und Michael Bernard das Projekt der «ONS-Formel-3-Nachwuchsförderung» etabliert und damit auch 1989 für den Formel-3-Einstieg der damaligen Jungtalente Michael Schumacher und HH Frentzen gesorgt.

Für die Finanzierung des F3-Projekts sind Stappert und ich im ONS-Auftrag bei der Industrie wie Bettler von Tür zu Tür gezogen, um Spenden- und Sponsoren-Gelder einzusammeln. Am Ende hatten wir fast eine halbe Million D-Mark zusammen, den fehlenden Rest hat die ONS nach Fürsprache vom amtierenden Präsidenten Wilhlem Lyding draufgelegt.

Mittler, Macher und Mahner

Auch die etwas düstere und schwergängige ONS-Meisterehrung hat SvK zusammen mit unserem Freund Bernard unter tatkräftiger Mithilfe von Industrie-Partnern Zug um Zug ein bisschen heiterer, heller, moderner und freundlicher gestaltet. Immerhin hat dieses Duo die Feierstunde ab 1989 fast zehn Jahre lang geplant, gemanagt und verantwortet.

In seiner 34-jährigen Amtszeit hat SvK so viele Projekte ausgebrütet und realisiert, so vieles Unmögliche möglich gemacht. Der Mann war ein Segen für den deutschen Motorsport, ein ewiger Antreiber für modernes Racing und mehr Sicherheit. Und er war ein unermüdlicher Kämpfer für die ONS-Rennstrecken-Rettungsstaffel – eines seiner ganz besonderen Lieblings-Projekte.

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Auch in der DTM, die er besonders ins Herz geschlossen hatte, war SvK stets Mittler, Macher und Mahner. Mit Diplomatie und Feingefühl für die Belange der Werke, gewürzt mit feiner Ironie, brachte er seinen Sachverstand ein und entknotete so manche verfahrene Situation zwischen der DTM-Organisation ITR und den Herstellern.

Umso schwerer ist es von Kahlen gefallen, im Zuge der ONS-Umwandlung in den neuen Dachverband DMSB einen aufgedrängten, vorgezogenen Ruhestand zum Jahresende 1999 zu akzeptieren. Maßlos enttäuscht zeigte er sich auch darüber, dass er schon bald nach seinem Ausscheiden bei ehemaligen Kollegen und Mitstreitern der Frankfurter DMSB-Geschäftsstelle so schnell in Vergessenheit geraten ist.

Tief enttäuscht konnte er sich über das Gebaren einiger neuer Amtsinhaber beim DMSB nur noch wundern. Irgendwann ließ er sich nur noch über Umwege berichten, was in der der Frankfurter DMSB-Zentrale so alles vor sich ging.

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Für mich und viele Wegbegleiter ist mit dem Tod von Sigismund von Kahlen 2012 eine Ära zu Ende gegangen, die es so ganz sicher nie mehr geben wird. Was bleibt, sind die Erinnerungen an eine wunderbare und erlebnisreiche gemeinsame Zeit. Und an einen Motorsport-Fachmann mit Herz und Verstand, der selbst schwierigste Sachlagen unkompliziert und geräuschlos zu lösen vermochte.

Der deutsche Motorsport sollte froh und dankbar sein, dass es diesen Mann gab.

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