Jorge Lorenzo: «Zurück in meinem Leben, zurück in meiner Welt»
Jorge Lorenzo kehrt als Coach ins MotoGP-Paddock zurück – und spricht über Zweifel, mentale Stärke und seine neue Rolle an der Seite von Maverick Vinales.
Seit er 2019 die Weltmeisterschaft verlassen hat, sucht Jorge Lorenzo, wie so viele andere Fahrer, die seit ihrer Kindheit ihr Leben dem Rennsport gewidmet haben, seinen Platz in der Welt. Denn wenn diese hektische, fesselnde und fantastische Lebensweise zu Ende ist, entsteht plötzlich eine Leere. Auf der Suche nach etwas, das diese Leere füllen könnte, hat Lorenzo verschiedene Optionen ausprobiert.
Zuerst war es ein Podcast, in dem er die Trainings und Rennen jedes GP analysierte. Ein interessantes Projekt, aber er hielt nur ein paar GP lang durch. Dann kam das YouTube-Projekt Dura la Vita, in dem er neben Motorrädern auch über Vermögensverwaltung sprechen wollte. Die Sendung läuft weiter, aber seine Präsenz wird immer sporadischer.
Die Beständigkeit und Ausdauer – vielleicht das deutlichste Markenzeichen des Rennfahrers Lorenzo – schienen bei seinem Sprung ins «zivile» Leben auf der Strecke geblieben zu sein.
Als vor einigen Monaten bekannt wurde, dass Jorge Lorenzo Maverick Vinales als Riding Coach beraten würde, nahmen viele dies daher mit Vorbehalt auf. Wie lange würde diese «Ehe» zwischen zwei so ... sagen wir mal ... besonderen Persönlichkeiten wohl halten?
Derzeit läuft das Experiment Vinales/Lorenzo weiter, wie man bei den Tests vor Saisonbeginn in Sepang sehen konnte, wo beide Seiten versicherten, mit der Arbeit der letzten zwei Monate sehr zufrieden zu sein. Jorge seinerseits konnte seine Zufriedenheit darüber nicht verbergen, in ein Fahrerlager zurückgekehrt zu sein, in dem man sich mit dem Respekt an ihn erinnert, den seine fünf Weltmeistertitel verdienen.
Jorge Lorenzo, zurück «zu Hause»
Die Rückkehr zum MotoGP-Kurs in Sepang fühlte sich für Lorenzo besonders an. «Zurück in meinem Leben, ja... zurück in meiner Welt», kommentierte er. «Hierher zu kommen ist immer aufregend. Vor allem wegen diesem 10.10.2010 – diesen Tag werde ich nie vergessen. Es war mein erster Titel in der MotoGP, der zweite für Spanien nach dem von Criville. Das ist schon viele Jahre her. Und schau mal, jetzt habe ich mehr Haare als früher.»
Die Leute haben Lorenzo sehr herzlich empfangen. «Ja, das stimmt tatsächlich. Ich war immer sehr fokussiert und hatte nicht viel Zeit, Beziehungen zu knüpfen, aber ich hatte auch nicht viele Feinde, obwohl wir uns schon ein paar Mal gestritten haben.»
«Einmal hatten wir hier [in Malaysia] einen heftigen Streit. Der Pressesprecher musste eingreifen und am Ende wurde ich gebeten, den Hospitality-Bereich zu verlassen. Nun ja, so etwas kommt vor.»
Wie Lorenzo mit Vinales in Kontakt kam
Doch wie kam es eigentlich zur Annäherung an Vinales? «Das passierte online», schilderte Lorenzo. «Als er 2024 in Austin mit Aprilia gewann, habe ich eine Story gepostet, in der ich schrieb, dass endlich Talent und Überzeugung zusammengefunden hätten. Niemand hatte diesen Sieg erwartet. Er antwortete mir und noch am selben Nachmittag begannen wir zu reden.»
«Ich gab ihm einen kostenlosen Rat: 'Konzentriere dich nur darauf, die nächste Kurve besser zu fahren als die vorherige.' Und am nächsten Tag gewann er das lange Rennen. Seitdem erinnert er sich immer daran.»
Lorenzo sah die Chance, sein Wissen als Coach weitergeben zu können. «Es war fast eine Notwendigkeit», erklärte er. «Ich hatte das Gefühl, dass ich meine 30-jährige Erfahrung weitergeben musste. Ich hatte bereits mit ihm gearbeitet, als ich Testfahrer bei Yamaha war, und wusste, dass ich ihm viel beibringen konnte.»
«Für mich ist Maverick in Sachen Geschwindigkeit und Talent top. Er musste nur bestimmte Dinge verstehen: einige falsche Überzeugungen, kleine technische Details. Aber vor allem den mentalen Aspekt», so Lorenzo. «Ich würde sagen, es ist zu 70 % mental und nur zu 30 % technisch.»
Vinales hat den Ruf, misstrauisch zu sein. Doch Lorenzo vertraut er offensichtlich. «Ja, das hat mich auch überrascht», staunt Lorenzo. «Das erste Mal war in Mandalika, als er sich am Arm verletzt hatte. Ich besuchte ihn im Hotel und er sagte zu mir: 'Ich bin ein Soldat, ich werde tun, was du mir sagst.'»
«Ich dachte, er würde das nur so sagen. Aber seit dem ersten Tag ist es so gewesen. Er hat auch den Winter sehr ernst genommen», lobt Lorenzo. «Sehr sogar. Seit Weihnachten hat er seine Töchter kaum gesehen. Das ist nur mit der Unterstützung seiner Frau Raquel möglich. Es ist wichtig, dass sie ihm gesagt hat: 'Komm, in den nächsten zwei oder drei Jahren musst du alles tun, um deinen Traum zu verwirklichen.' Denn wenn man Weltmeister werden will, muss man alles geben.»
Der Traum vom MotoGP-Titel: Vinales will es noch einmal wissen
Um sich seinen Traum zu erfüllen und MotoGP-Champion zu werden, muss Vinales über sich hinauswachsen. Marc Marquez befindet sich auf dem Höhepunkt seiner Karriere und KTM ist technisch leicht im Nachteil.
Lorenzo ist überzeugt, dass es nicht unmöglich ist. Im Winter wurde beinahe täglich trainiert. Das ist laut dem Ex-Champion die Grundlage für den Erfolg. «Schau dir Verstappen oder Fernando Alonso an: Sie fahren den ganzen Tag Rennen. Sie lieben den Wettkampf und wissen, dass sie umso mehr Fähigkeiten erwerben, je mehr Stunden sie am Limit verbringen», so Lorenzo.
«Deshalb trainieren wir sogar bei Regen. Der Verstand sagt: 'Das ist gefährlich, lass uns nach Hause gehen.' Ich sage ihm: Fahr zwei Runden. Wenn du dann siehst, dass es gefährlich ist, hören wir auf, aber man muss rausgehen und sich der Situation stellen. Normalerweise macht er weiter... und weiter.»
«Das ist meine Aufgabe: ihm den Blick zu öffnen», erklärt Lorenzo, der bei Vinales einige markante Stärken ausmacht: «Er ist super explosiv in einer Runde. Er hat viele Polepositions. Er ist sehr talentiert. Außerdem lernt er sehr schnell: Was man ihm erklärt, versteht er auf Anhieb oder nach dem zweiten Mal.»
«Er spielt sogar Formel 1 in Suzuka auf der Playstation. Ich spiele seit meiner Kindheit Playstation und keiner meiner Freunde konnte mich jemals schlagen. Maverick war genauso schnell wie ich. Das sagt viel aus», ist Lorenzo überzeugt.
Wo sieht er die größten Defizite? «Vor allem die erste Runde: Start, Bremsen in Kurve eins, Positionierung, Überholmanöver. Da gibt es viele Tricks», weiß Lorenzo. «Es geht nicht nur um Technik, sondern auch um Weitblick. Manche Fahrer sehen zwei Überholmöglichkeiten, ich habe fünf gesehen. Das macht dich im Rennen viel flexibler.»
«All das kann man trainieren», bemerkt Lorenzo, der bei den ersten fünf Rennwochenenden dabei sein wird. Danach wird er entscheiden, wie es weitergeht. «Wir gehen Schritt für Schritt, Quartal für Quartal», so der Spanier.
Die vielen Reisen schrecken Lorenzo nicht ab. «Ich habe jetzt den perfekten Job: Ich bin kein Fahrer, der sein Leben riskiert, und kein Teammanager, der Sponsoren sucht. Ich reise, beobachte, rede, trainiere. Ich habe eine neue Berufung gefunden.»
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