Kolumne zum MotoGP-Titelkampf: Wer wird am Ende jubeln?
Sieben Fahrer trennen nur 70 Punkte: Der MotoGP-Titelkampf 2026 ist so offen wie lange nicht. Kolumnist Michael Scott analysiert die Chancen von Marquez, Martin, Bezzecchi und Co.
Die letzte Saison der 1000-ccm-Boliden beschleunigt ihrem Höhepunkt entgegen – mit mehr Spannung und mehr möglichen Weltmeistern als in den letzten Jahren, wahrscheinlich sogar als jemals zuvor. Und ganz sicher in der modernen Viertakt-Ära der MotoGP.
Die Geschicke der Spitzenfahrer – fünf oder vielleicht sechs, wenn man es etwas weiter fasst sogar sieben – sind miteinander verwoben wie eine Stickerei. Mal erlebt der eine, mal der andere ein gutes oder schlechtes Wochenende, und schon verschieben sich die Punktestände erneut.
Wenn man zu Klischees neigen würde, könnte man behaupten: «Niemand will diese Weltmeisterschaft gewinnen.» Natürlich ist das Gegenteil der Fall. Jeder will sie gewinnen.
Nur zur Erinnerung: Nach 13 von 22 Rennen und bei noch maximal 333 zu vergebenden Punkten liegen sieben Fahrer innerhalb von lediglich 70 Punkten. Rein mathematisch und mit einer Serie guter Ergebnisse – sowie etwas Pech für die anderen – könnte jeder von ihnen die Krone holen.
Aprilia zu Saisonbeginn dominant, doch es folgten Rückschläge
Die wechselnden Kräfteverhältnisse haben einigen Auftrieb gegeben, nur um sie anschließend wieder zurückzuwerfen. Die frühe Dominanz von Aprilia-Pilot Marco Bezzecchi wurde durch eine Reihe bitterer Ereignisse zunichtegemacht, von denen eines – und womöglich mehr als eines – vollständig selbst verschuldet war.
Frühes Pech bei Marc Marquez auf der Ducati hat sich auf spektakuläre Weise ins Gegenteil verkehrt, mit einigen der besten Rennen seiner ruhmreichen Karriere. Nur Marc ist es gelungen, mehr als einmal die maximalen 37 Punkte aus Sprint- und GP-Sieg zu holen. Dreimal sogar. Doch dann kommt ein Wochenende wie der britische Grand Prix nach der Sommerpause mit den Plätzen 9 und 7 – und schon mischt sich ein besorgter Unterton unter die triumphierenden Fanfaren.
Nur einem weiteren Fahrer gelang die maximale Punktausbeute: Weltmeister Jorge Martin von 2024 – und ihm auch nur einmal. Der Aprilia-Pilot aus Spanien verließ den jüngsten Grand Prix in Aragon mit einem auf nur noch 19 Punkte geschrumpften Vorsprung auf Marquez.
Jeder der Titelkandidaten hat große Höhen und Tiefen erlebt. WM-Leader Martin blieb in Katalonien spektakulär zweimal ohne Punkte und stürzte dort erschreckende sechsmal. Auch in Ungarn stürzte er und riss dabei unter anderem seinen Teamkollegen Bezzecchi mit. Dennoch bleibt er einer der großen Favoriten, weil es ihm immer wieder gelingt, konstant Punkte zu sammeln, selbst wenn er nicht gewinnt.
Marc Marquez ist angeschlagen – vermutlich für immer
19 Punkte dahinter liegt Marquez. Über ihn ist so ziemlich alles bereits gesagt worden. Doch mit 33 Jahren ist sein Körper nach einer ganzen Reihe von Operationen an der rechten Schulter und am rechten Arm angeschlagen und geschwächt. Wahrscheinlich wird er seine volle Kraft nie wieder zurückerlangen – ein Nachteil auf überwiegend rechtsherum führenden Strecken. Und das trifft auf alle bis auf zwei der verbleibenden neun Kurse zu.
Bezzecchi, Sieger der ersten drei Sonntagsrennen – und der letzten beiden des Vorjahres –, liegt lediglich weitere fünf Punkte zurück. Daraus ergibt sich eine interessante Dynamik im Aprilia-Werksteam, das in diesem Jahr technisch derart große Fortschritte gemacht hat, dass es die lange dominierende Ducati überflügelt hat. Dein Teamkollege ist immer dein größter Rivale, also werden er und Martin sich in den kommenden Rennen gegenseitig Punkte wegnehmen. Zum Vorteil der anderen.
Den vierten Platz hält Fabio Di Giannantonio auf der nächstbesten Ducati, der bislang ein Rennen gewonnen hat. Er liegt 24 Punkte hinter Bezzecchi und 48 hinter dem WM-Leader. Seine Chancen werden geringer. Besonders angesichts seiner Ergebnisse. Er hat einen einzigen Sieg, in Katalonien, in einem Rennen, bei dem beide Marquez-Brüder fehlten, Martin stürzte und Bezzecchi nicht in Form war. Aber möglich ist es immer noch.
Wenn die Zahlen stimmen, warum nicht? Diese Einstellung bringt uns zum nächsten Kandidaten – der Überraschung Ai Ogura. Der Japaner liegt nur deshalb hinter Di Giannantonio, und das um gerade einmal drei Punkte, weil er das jüngste Rennen in Aragon verpasste – Trainingsunfall, Daumenbruch.
Der ehemalige Moto2-Weltmeister auf einer Aprilia aus einem Satellitenteam ist in seinem zweiten Jahr eine Offenbarung. Schon zuvor war er für seine starke Pace in der Schlussphase eines Rennens bekannt. Einige führten das darauf zurück, dass er mit langsamen Anfangsrunden seine Reifen schonte. Doch im Laufe der Saison hat er seine Qualifying-Probleme und diese langsamen Anfangsrunden in den Griff bekommen – und am Ende ist er trotzdem schnell. In Brünn setzte er Marquez im Kampf um den Sieg sogar bis auf wenige Zehntelsekunden unter Druck.
Für einen Fahrer in seiner zweiten Saison ist es eine gewaltige Aufgabe, die abgebrühten Routiniers vor ihm zu schlagen. Doch ein Sieg und drei Podestplätze sind starke Argumente. Und wäre es nicht amüsant…
Acosta und Fernandez mit Außenseiterchancen
Zwei weitere Fahrer liegen noch einigermaßen in Reichweite. Pedro Acosta, der als der nächste Marc Marquez gilt, liegt weitere 14 Punkte zurück und hat 67 Zähler Rückstand auf die Spitze. Sein Talent steht außer Frage. Sein Nachteil ist eine nicht ausreichend konkurrenzfähige KTM, auf der er seine Markenkollegen teilweise derart deutlich übertrifft, dass es schon fast absurd erscheint – zumal sich darunter mit Brad Binder, Enea Bastianini und Maverick Vinales ehemalige MotoGP-Sieger und Weltmeister aus kleineren Klassen befinden. Doch reicht seine Entschlossenheit aus, um ein schwieriges Motorrad und einen gewaltigen Punkterückstand zu überwinden?
Und schließlich, gerade noch im Bereich des Möglichen, Oguras Trackhouse-Aprilia-Teamkollege Raul Fernandez. Zu dessen recht wechselhafter Form gehören immerhin zwei Sprint-Siege und ein GP-Erfolg, wodurch er nur drei Punkte hinter Acosta liegt.
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Mein Herz sagt Marc Marquez. Und mein Kopf ebenfalls. Aber was weiß ich schon? Schließlich sagte mir der alte Soichiro Honda einmal: Wenn wir wüssten, wer gewinnt, wäre es nicht nötig, das Rennen überhaupt auszutragen.
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