Yamaha-Philosophie: «Nicht der beste Weg, wenn man alles in Japan behält»
Die ersten drei MotoGP-Wochenenden der Saison wurden für Yamaha mit dem neuen V4-Motor zum Spießrutenlauf. Technikchef Max Bartolini schildert, wie gleichzeitig an mehreren Fronten geschuftet wird.
Seit über 20 Jahren befindet sich die Schaltzentrale für die europäischen Motorsportaktivitäten von Yamaha im norditalienischen Gerno di Lesmo, unweit von Mailand. Unter anderem sind dort die MotoGP- und Superbike-Werksteams untergebracht, vieles davon ist historisch gewachsen
Immer wieder werden die unterschiedlichen Arbeitsphilosophien und die vergleichsweise langsame Reaktionszeit der japanischen Hersteller als Gründe genannt, weshalb Yamaha und Honda in der MotoGP in den vergangenen Jahren hinter die europäischen Hersteller zurückgefallen sind.
Arbeitsabläufe müssen optimiert werden
«Wir versuchen schon länger die Arbeitsabläufe zu verbessern», erklärte Yamahas MotoGP-Technikchef Max Bartolini im Exklusiv-Interview von SPEEDWEEK.com. «Es ist schwierig, wenn Abteilungen zusammenarbeiten, die auf entgegengesetzten Seiten der Welt sitzen. Da haben wir weiterhin Luft nach oben. Was die Philosophie betrifft, sind sich Europäer und Japaner in gewissen Bereichen sehr ähnlich und in anderen sind sie meilenweit voneinander entfernt. Gut bei Yamaha ist, dass sie viele Dinge heute mit einer Weltsicht angehen, nicht nur den Rennsport. Ich glaube, dass sich Yamaha zukünftig noch mehr als Weltfirma sieht. Es war schon immer so, dass sie die offenste japanische Firma waren, die schon früh Niederlassungen in anderen Ländern gründete. Ihnen ist klar, dass es nicht der beste Weg ist, wenn man alles in Japan behält.»
Mit gewaltigen Anstrengungen hat Yamaha neben dem laufenden MotoGP-Rennbetrieb 2024 und 2025 erstmals einen V4-Motor entwickelt. Dieser dient als Basis für das zukünftige Aggregat mit 850 statt 1000 ccm Hubraum, der ab 2027 vorgeschrieben ist. Doch bis zurück an die WM-Spitze ist es ein steiniger Weg für die Champions von 2021. Fabio Quartararo hat als Bester aus dem Yamaha-Quartett in den ersten sechs Saisonrennen magere sechs Punkte zusammengeklaubt und liegt damit auf dem bemitleidenswerten 17. Gesamtrang. In der Konstrukteurs-WM ist Yamaha abgeschlagen auf dem letzten Platz und hat nicht einmal ein Drittel der Punkte des Vorletzten Honda.
Sämtliche Verantwortliche bei Yamaha wissen, dass der Aufholbedarf riesig ist. Dafür werden weder Kosten noch Mühen gescheut, wie Bartolini versichert. Gleichzeitig muss der Italiener aber auch schauen, dass er seine Ressourcen bestmöglich einsetzt. Und bedenken, dass es ab 2027 nicht nur neue technische Regeln gibt, sondern mit Pirelli auch einen anderen Reifen-Alleinausrüster.
Wildcardeinsätze werden immer weniger effizient
«Wir müssen auch das aktuelle Bike konzeptionell weiterentwickeln, gewisse Dinge kannst du nur an einem Rennwochenende richtig erproben», verdeutlichte der Technikchef. Und sagte zum Thema Wildcards: «Gegen Saisonende machen diese wahrscheinlich keinen Sinn mehr, außer du hast konzeptionelle Dinge wie ein Kühlsystem, Chassis oder eine Schwinge zu testen. Durch den anstehenden Reifenwechsel macht es bei vielen Teilen aber ohnehin keinen Sinn, diese mit Michelin zu testen, wenn du später auf Pirelli umsteigen musst. Ab Saisonmitte wird die Effizienz eines Wildcardeinsatzes immer weniger.»
«Einige unserer jetzigen Entwicklungen für das aktuelle Motorrad werden hilfreich sein für das nächstjährige», meinte Bartolini abschließend. «Wir arbeiten hauptsächlich mit Augusto Fernandez und Andrea Dovizioso, haben aber auch Testfahrer in Japan, die Funktions- oder Haltbarkeitstests absolvieren. Das machen wir nicht mehr so oft wie in der Vergangenheit, aber ab und zu greifen wir darauf zurück.»
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