Sportwagen
Kolumne
Zwei Jubiläen, eine einzigartige Strecke: Die Targa Florio auf Sizilien
Vor 120 Jahren starteten erstmals tollkühne Autofahrer ein Rennen auf 72 Kilometern Bergstraßen, vor 60 Jahren feierte der legendäre Porsche 906 den ersten Targa-Florio-Gesamtsieg der Zuffenhausener.
Eine solche Veranstaltung konnte nur an einem Ort entstehen, wo es verrückte Auto-Fans gibt, eine Polizei, die manchmal nicht so genau hinsieht, wo ein rennbegeistertes Publikum die Straßen säumt, eingehüllt in eine Mentalität des eher lockeren Daseins. Dafür schien bereits 1906 Sizilien ganz hervorragend geeignet: Hier führte ein imaginärer Rennkurs auf öffentlichen Straßen durch die so genannte Madonie, aufgelockert durch kleine Ortschaften mit teils sehr engen Durchfahrten. Nur die sechs Kilometer lange Buonfornello-Gerade am Meer durchbrach dieses scheinbar endlose Gewirr von rund 900 Kurven – hier trafen einst 250 km/h schnelle Rennautos bei Trainingsfahrten, «Mulettos» (Eselchen) genannt, auf echte Namensvettern aus der Tierwelt, die ein Gespann zogen.
Vincenzo Florio, Besitzer dieses Straßen-Gewimmels, war einst der Ideengeber für diese verrückte Rundfahrt, die es schließlich bis zum Status eines Wertungslaufes zur Sportwagen-WM geschafft hatte. Dieser Kurs, älter sogar als das legendäre Indianapolis-Oval in den USA, wurde erst 1978 zur Rallye umfirmiert. Einst betrug eine Runde hier sogar 148 Kilometer, ab 1919 wurde auf 108 Kilometer verkürzt, von 1932 an nochmals. Mittlerweile sind aber nur noch wenige Teile erhalten.
Starke Zeit von Dr. Helmut Marko
Los ging's damals, heute wohl unvorstellbar, im 20-Sekunden-Takt: Jedes Auto wurde einzeln und entgegen dem Uhrzeigersinn vom Startplatz durch den Ort Cerda im Westen in die Berge geschickt, dann führte der Weg durch Collesano im Osten wieder hinunter nach Campofelice di Roccella. Eine solche 72-Kilometer-Tour, im Anspruch durchaus mit der Kurvenfolge einer Nürburgring-Nordschleife vergleichbar, musste zehn Mal durchfahren werden. Streckenkenntnis war das alles Entscheidende, und so ließen die großen Autowerke wie Ferrari, Alfa Romeo oder Porsche ihre Fahrer zuvor tagelang hier trainieren, mit ganz normalen Kennzeichen an den Rennwagen.
Eigentlich galt Nino Vaccarella, gebürtiger Sizilianer und Schullehrer von Beruf, als «Mister Targa Florio». Er schien jede Biegung, jeden Baum und jeden Belagwechsel zu kennen, war Publikums-Liebling hier und wurde stets frenetisch gefeiert. Doch andere waren letztlich schneller: Etwa Dr. Helmut Marko aus Österreich, der 1972 mit seinem Alfa Romeo eine unglaubliche Zeit von nur 33:41 Minuten hingelegt hatte – das entsprach einem Durchschnittstempo von mehr als 128 km/h!
Sieg beim Jubiläumsrennen vor 60 Jahren
Natürlich barg dieser Kurs jede Menge an Risiko, für Fahrer wie für Zuschauer. Unzählige Unfälle waren zu beklagen, weil manche übereifrigen Piloten die Felsen, Bäume und Abgründe entlang der Strecke unterschätzt hatten. Aber auch die vielen Zuschauer mussten vor dem Rennen immer wieder aufgefordert werden, in den Ortschaften bei Häusern direkt an der Fahrbahn Türen und Fenster zu schließen, Hunde nicht frei laufen zu lassen und Autos auf keinen Fall zu berühren versuchen. Und das alles in typisch italienischer Hurra-Atmosphäre, ein scheinbar organisiertes Chaos, allora!
In den Anfangsjahren dominierten natürlich italienische Fahrer auf Autos ihres Landes. Doch Mitte der 1950er-Jahre begann sich auch Mercedes-Benz mit dem 300 SLR und seinem Star Stirling Moss für dieses kuriose Spektakel zu interessieren, Porsche folgte bald mit den Typen 550 und 718. Der große Durchbruch aber gelang den Zuffenhausenern mit dem legendären Porsche 906, auch Carrera 6 genannt. Sie hatten am 8. Mai 1966, beim 50. Jubiläumsrennen, den Belgier Willy Mairesse zusammen mit dem schnellen Schweizer Herbert Müller, bekannt als «Stumpen-Herbie» wegen seiner Vorliebe für Zigarren, auf dieses Auto gesetzt. Und es sollte, privat genannt von der Scuderia Filipinetti auf Anhieb seinen ersten Gesamtsieg hier einfahren.
Zwar hatte der damalige Porsche-Rennleiter Huschke von Hanstein vier 906-Werkswagen für dieses Rennen gemeldet, mit Sportwagen-Assen wie Gerhard Mitter, Dieter Glemser, Hans Herrmann oder Günter Klass am Steuer. Doch beim harten Kampf Ferrari gegen Porsche – Vaccarella hatte in seinem roten 330 P3 lange vorne gelegen – gab's bei schlechtem Wetter und glitschiger Fahrbahn viele Ausfälle. So lag am Ende hinter dem siegreichen Filipinetti-Duo ein weiterer Porsche 906 auf Platz 3 mit den Italienern Vincenzo Arena und Antonio Pucci, gefolgt von zwei privaten Autos dieses Typs auf den Rängen 5, 8 und 15.
Viele Klassensiege bei großen Sportwagen-Rennen 1966 folgten für dieses Ausnahme-Auto, etwa in Sebring, Monza, Spa, am Nürburgring und in Le Mans. Aber auch in der damals überaus populären Europa-Bergmeisterschaft war der Porsche 906 das Auto, das es zu schlagen galt.
Ferrari-Schmach: Fehler von Lokalmatador Nino Vaccarella
Ein Jahr später holte Porsche dann zum ganz großen Schlag aus: Drei Porsche 910, das Siegerauto von Paul Hawkins und Rolf Stommelen sogar mit einem Achtzylindermotor, teilten sich das Targa-Florio-Podest am Ende, es wurde zur Schmach für Ferrari. Denn unter anderem hatte Lokalheld Vaccarella seinen Ferrari P4, von der Pole-Position aus gestartet, mitten im Ort Collesano vor Tausenden Fans gegen einen Randstein gefahren, die Aufhängung war gebrochen, Ende der Fahrt.
Etwas ähnlich Kurioses schaffte auch der damalige Ski-König Jean-Claude Killy aus Frankreich. Der dreimalige Olympia-Goldsieger bei den Spielen von Grenoble 1968 war auf einem Porsche 911 gestartet, zusammen mit dem bekannten französischen Journalisten Bernard Cahier. Sie schlugen sich sehr achtsam, wurden Siebte im Gesamtklassement und Klassensieger. Doch Killy passierte ein Missgeschick, das wohl in die Motorsport-Historie eingehen dürfte: Er zerbrach das Lenkrad seines Rennautos – unter Umständen, die leider nicht mehr zu rekonstruieren sind.
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