Kritik an Cross-Country-WM: Steigt das KTM-Werk aus?

Von Günther Wiesinger
Dakar Moto
Aus der Enduro-WM hat sich KTM bereits verabschiedet, jetzt steht die aufwändige Teilnahme an der Cross-Country-WM auf dem Prüfstand, betont Heinz Kinigadner.

KTM-Berater Heinz Kinigadner (58) beobachtet die Vorkommnisse und vielen Verletzungen in der Cross-Country-Motorrad-Weltmeisterschaft mit wachsender Besorgnis.

KTM hat mit Fabrizio Meoni, Richard Sainct und Andy Caldecott schon drei Asse zwischen 2004 und 2006 durch Todesstürze verloren, dazu bei der Baja California 2013 Kurt Caselli.

Heinz, du hast einst KTM-Firmenchef Stefan Pierer zur Teilnahme an der Dakar-Rallye überredet. Inzwischen hat KTM diese Rallye 17 Mal hintereinander gewonnen.


Ja, ich habe KTM zum Rallye-Einstieg bewogen.

Man muss ja auch den Wahnsinns-PR-Apparat sehen, den diese Rallye bietet.

Aber ich habe damals schon erkannt: In der Rallye-Szene geht es nicht um die weitesten Sprünge und darum, 5 km/h schneller zu fahren als die Honda oder sonstwer.

Sondern es geht um die Bilder, um das Abenteuer, es geht um Fotos von Gebieten, von denen jeder Motorradfahrer sagt: «Wow, da möchte ich auch einmal hin.»


Und darum geht es auch heute noch, nicht um 5 km/h Unterschied beim Top-Speed. Ob wir eine Traktionskontrolle haben oder nicht – das sieht kein Mensch.

In der Rallye-WM für so eine Technik zu investieren halte ich für stumpfsinnig.

Ich plädiere zum Beispiel schon seit fünf Jahren für Einheitsreifen in der Cross-Country-Szene. Den montiert dann Pirelli oder Michelin, immer mit Mousse hinten. Dann müssen sie langsamer fahren, dann können sie nimmer so gnadenlos durch die Flussbetten durchbrettern wie heute.

Warum sagen wir nicht: Ihr habt für zwei Tage einen Reifen, sonst gibt es einen Penalty.

Wenn sie dann gleich schnell fahren wie jetzt, kommt keiner ans Ziel.

Und warum kopieren wir nicht die Klasse von der Dakar, bei der keine Mechaniker erlaubt sind? Dann müssten die Fahrer alles selber reparieren.

Ich wäre zwar als gelernter Bäcker und Konditor zu meiner Zeit extrem gegen so ein Reglement gewesen… 
Aber heute würde so ein System die Fahrer wieder zu richtigen Helden machen.

Jetzt schläft jeder in einem feudalen Motorhome. Jeden Tag in der Früh haben sie ein nagelneues Motorrad vor der Tür stehen. Das geht alles gegen den Sinn von Abenteuer.

Honda fährt jetzt sogar schon mit Motocross-Reifen. Die pfeifen auf ihre Vereinbarungen mit Michelin und fahren auf den kurzen Etappen mit Motocross-Reifen. Wir müssen jetzt Matthias Walkner überzeugen, diesem Beispiel nicht zu folgen, obwohl er sagt: «Ich verliere aus jeder Ecke raus ein bis zwei Zehntel. Das sind am Ende des Tages zwei Minuten.»

Der Michelin-Rallye-Reifen ist unverwüstlich. Mit dem kommst du immer ins Ziel. 
Aber die Zeitunterschiede sind heute sehr, sehr knapp beisammen.

Zu meiner Dakar-Zeit gab es zwischen den einzelnen Fahrern meist Unterschiede von einer halben Stunde. Oder von einer Stunde. Heute geht es um Minuten.
Da ist der Hund begraben.
Und wenn du nicht bereit bist, dein Leben zu riskieren, bist du nicht dabei.


Die Rallye-WM geht ja in den Medien ziemlich unter. Es wird nur über die Dakar geredet – jeweils im Januar.


Ja, es geht nur um die Dakar. 
Wir haben den Verantwortlichen schon mit dem Rückzug aus der Enduro-WM schon gezeigt, dass wir bei diesem System nimmer zuschauen. Und wir werden auch bei der Cross-Country-WM nicht mehr lange zuschauen. 
Dass wir uns das noch einmal antun, was in der Rallye in diesem Jahr abgelaufen ist, das bezweifle ich.


Aber KTM muss die Dakar-Favoriten währen des Jahres irgendwie beschäftigen und in Form halten?


Ja, das ist das einzige Problem. Sonst hätten wir schon lange auf den WM-Titel gepfiffen. 
Aber wir könnten im Sommer die Silkway fahren, dazu die Inka-Rallye, im Herbst als Abschlussrennen die Marokko-Rallye, die ganz gut ist, obwohl sie 2017 auch eine Katastrophe war, weil die Fahrer so ans Limit gehen, dass es sofort weh tut, wenn das Roadbook nicht auf den Meter genau stimmt.

Es reicht ja, dass wir im Rallye-Sport schon drei Tote Fahrer zu beklagen hatten – Meoni, Sainct und Caldecott. Das war Anfang der 2000er-Jahre.

Das waren drei KTM-Fahrer. Firmenchef Stefan Pierer war damals drauf und dran, aus dem Rallye-Sport auszusteigen. Es hat ihn echt nimmer interessiert.

Wir haben damals viel Überzeugungsarbeit leisten müssen, damit KTM weitergemacht hat.


Wenn so eine Tragödie heute mit einem unserer namhaften Fahrer passiert, gibt es das Red Bull KTM-Team in der Cross-Country-WM nicht mehr, garantiert nicht mehr. Man will sich den Aufruhr in den sozialen Medien gar nicht vorstellen...

Aber wir reden hier nur vom möglichen Ausstieg aus der Rallye-WM. Er hat in erster Linie mit der Qualität der Veranstaltungen zu tun und auch mit den Ländern, in denen sie stattfinden.

Bei der Rallye Dakar würden wir auf jeden Fall weitermachen. Mit dem Dakar-veranstalzter gab es am Montag dieser Woche ein sehr gutes Meeting. Die Neuigkeiten werden hoffentlich in Kürze an die Öffentlichkeit kommen.

Aber was die Cross-Country-Zukunft betrifft, da hat Stefan Pierer schon bei Kurt Casellis tödlichem Unfall bei der Baja 1000 California im November 2013 alles in Frage gestellt.

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