Tyrrell und Honda: Wurzeln für Mercedes-Silberpfeil

Von Mathias Brunner
Formel 1

Hätten Sie es gewusst: Der neue Mercedes-Werksrennstall von Weltmeister Lewis Hamilton und Nico Rosberg hat seine Wurzeln tief in Formel-1-Urgestein – bei einem Holzhändler!

Im Wechsel allein liegt das Beständige: Viele Formel-1-Fans wissen, dass der heutige Mercedes-Rennstall nicht mit dem Werkseinsatz in den 30er und 50er Jahren zu vergleichen ist, aber jetzt mal Hand aufs Herz – hätten Sie gewusst, dass einige der Mercedes-Ursprünge bis zum legendären Formel-1-Teamchef Ken Tyrrell zurückreichen?

Der Weg zum heutigen Mercedes-Weltmeisterteam ist verästelt. Die Wurzeln des Rennstalls Mercedes von Lewis Hamilton und Nico Rosberg gründen tief in der motorsportlichen Steinzeit. Mercedes hat von allen, heute noch bekannten Automobilfirmen die längste und umfangreichste Motorsporttradition. Die heutigen Silber-Renner von Hamilton und Rosberg sind ein Knicks vor den legendären Silberpfeilen der 30er und 50er Jahre.

Gleichzeitig beginnt die Geschichte des jüngsten Formel-1-Kapitels des Hauses Mercedes genau genommen beim knorrigen Holzhändler Ken Tyrrell.

Aus dessen einstiger Bastelbude in Ockham ging eines der engsten Bündnisse im Formel-1-Sport hervor – die Zusammenarbeit zwischen Tyrrell und Jackie Stewart erbrachte die WM-Titel 1969 (noch mit einem Matra-Chassis), 1971 (nun mit Tyrrell-Renner) und 1973.

So gut wie 1973 war Tyrrell nie wieder: Nach dem Rücktritt des Schotten Ende 1973, schon vor dem tödlichen Unfall seines Stallgefährten und Zöglings François Cevert in Watkins Glen beschlossene Sache, konnte Tyrrell nicht mehr an die besten Zeiten anschliessen. Ken Tyrrell behielt sein scharfes Auge für Nachwuchstalente, aber das grosse Geld floss woanders hin.

Tyrrell hielt sich bis 1998 in der Formel 1, dann übernahm Craig Pollock – jahrelang Manager von Jacques Villeneuve – das Team. Finanziert vom Tabakhersteller British American Tobacco (BAT) gründete er «British American Racing», BAR. Im ersten Jahr steckten Supertec-Motoren im Heck (was nichts anderes war als Renault-Triebwerke), ab 2000 begann eine Kooperation mit Honda.

BAR siedelte sich im heutigen Mercedes-Standort Brackley an. Vollmundig sprach Adrian Reynard von einem Erfolg gleich beim ersten Rennen, schliesslich war das dem britischen Rennwagenbauer in allen anderen Monoposti-Serien auch gelungen!

BAR legte sich gleich mal mit dem Autoverband FIA an – die Neulinge erhielten keine Erlaubnis, ihre beiden Wagen von Jacques Villeneuve und Ricardo Zonta in unterschiedlichen Lackierungen fahren zu lassen (der beiden Zigarettenmarken Lucky Strike und 555). So entstand das berühmte Reissverschluss-Design, die eine Marke auf der einen, die andere auf der anderen Fahrzeugseite.

Von Erfolg konnte dann keine Rede sein: nicht nur, dass aus dem anvisierten Sieg nichts wurde, British American Racing eroberte im ersten Jahr keinen einzigen WM-Zähler!

Natürlich wurde es Pollock von den Gegner genüsslich unter die Nase gerieben, dass er den Firmen-Wahlspruch «Tradition voller Exzellenz» gewählt hatte. Denn an Tradition hatte BAR so wenig vorzuweisen wie an Exzellenz.

Genau genommen, wurde BAR zu einer Geldvernichtungsmaschine, typisch für die Formel 1. Von Australien 1999 bis China 2005 gab es zwar zwei Pole-Positions und einige Podestränge, aber aus dem erhofften Sieg wurde nie etwas.

Aus der Partnerschaft mit Honda hingegen wurde mehr: Ende 2005 übernahm der japanische Autohersteller BAR ganz, damit hatte Honda wieder einen reinen Werksrennstall.

Der Schritt schien nachvollziehbar: 2004 hatte das Team ein höchst erfolgreiches Jahr – zweiter WM-Schlussrang hinter dem übermächtigen Ferrari, elf Podestränge dank der starken Jenson Button und Takuma Sato. Der Brite stand allein zehn Mal auf dem Podest. Im Laufe der Saison 2004 hatte Honda schon 45% von BAR übernommen.

Aber auch Honda Racing scheiterte.

Das Team befand sich im Rückwärtsgang: WM-Rang 4 2006, aber nur noch WM-Achter 2007 und gar WM-Neunter 2008. Die Motoren waren zu schwer, zu durstig, die Chassis aerodynamische Fehlschläge. Honda geriet nicht nur der schlechten Rennergebnisse wegen unter Druck, sondern auch aufgrund der Absatzprobleme mit den Serienfahrzeugen. Die Weltwirtschaftskrise brach dem Team den Hals: am 5. Dezember 2008 wurde bekanntgegeben, dass sich Honda aus der Formel 1 zurückzieht.

Noch während der Saison 2008, als klar war, dass der Honda RA108 nichts taugt, war die Entwicklung ganz auf 2009 gerichtet worden. Honda ging in Ehre: Das Team wurde für ein symbolisches Pfund Teamchef Ross Brawn überlassen, die Saison 2009 wurde von Honda finanziert.

Es schmerzt die Honda-Manager bis heute, was dann passierte: Aufgrund der langen Entwicklungszeit und mit dem tollen Kniff des Doppeldiffusors eilten Jenson Button und Rubens Barrichello von Sieg zu Sieg. Von den ersten sieben WM-Läufen gewann der Engländer deren sechs, Barrichello doppelte in Valencia und Monza nach. Ein Formel-1-Märchen wurde wahr: Was als Rennstall Ende 2008 in Scherben lag, erhielt 2009 bei der FIA-Gala die WM-Titel für Marken und Fahrer überreicht. Obschon Red Bull Racing im Verlaufe der Saison immer stärker wurde, rettete Button seinen Vorsprung und liess sich in Brasilien als neuen Champion feiern.

Nach Saisonende wurde verkündet, dass Brawn GP 75,1 Prozent seiner Anteile an Mercedes-Benz verkauft. Ab 2010 nahm Mercedes unter eigenem Namen an der Formel-1-Weltmeisterschaft teil. BrawnGP hatte nur einen Sommer lang getanzt.

Ken Tyrrell erlebte von all dem nichts mehr mit: Der Holzhändler erlag im August 2001 im Alter von 77 Jahren dem Krebs.

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