Faszination Speedway: Keine Bremsen, nur Vollgas

Kolumne von Ivo Schützbach
Speedway-GP

Seit Egon Müller in den 1980er-Jahren konnte kein Speedway-Fahrer mehr so begeistern, wie es Auckland-GP-Sieger Martin Smolinski aktuell macht. Wir erklären, wie der Speedway-GP funktioniert.

Speedway-Fahrer Martin Smolinski wird einen Boom auslösen, wie es zuvor Ken Roczen im Motocross oder Stefan Bradl in der MotoGP-WM gelang. Anfang April gewann der 29-jährige Bayer im fernen Auckland/Neuseeland den ersten Speedway-Grand-Prix des Jahres, Tausende Fans zu Hause verfolgten gespannt die Berichterstattung.

Zeit, einen genauen Blick auf den Speedway-GP zu werfen und ihn Leuten vorzustellen, die den spektakulären Driftsport bisher nicht oder nur am Rande verfolgten.

Die Speedway-Weltmeisterschaft wurde 1936 erstmals ausgefahren und ist damit die älteste aller Motorrad-Weltmeisterschaften. Bis inklusive 1994 wurde der Champion in einem Rennen ermittelt, dem Weltfinale. Ausnahme war 1987, damals wurde in Amsterdam am Samstag und Sonntag gefahren, die Punkte addiert.

Seit 1995 gibt es auch in der Speedway-WM das Grand-Prix-System. In den ersten Jahren wurde der Grand Prix von der FIM nicht-vermarktet, erst als Benfield Sports International (BSI) die Rechte für viele Jahre kaufte, wurde der Sport im Fernsehen auf ein professionelles Level gehoben. BSI ist Tochter von IMG, der größten Sportvermarktungs-Agentur weltweit. BSI-Chef John Postlethwaite arbeitete früher für das Benetton-Team in der Formel 1.

2014 erstreckt sich der Speedway-GP über zwölf Rennen in acht Ländern. An ihm nehmen die 15 besten Fahrer der Welt teil, zudem bekommt für jedes Rennen ein 16. Fahrer eine Wildcard.

Einfache Mathematik

Das System ist simpel. In den 20 Vorläufen fährt jeder der 16 Fahrer einmal gegen jeden anderen, fünfmal insgesamt, pro Lauf sind vier Piloten auf der Bahn. Jeder Lauf geht über vier Runden, die Punkteverteilung ist 3-2-1-0. Die Top-8 qualifizieren sich für zwei Halbfinales, von dort kommen der jeweils Erste und Zweite ins Finale. Der Finaleinlauf entspricht der Tageswertung. In sieben Läufen kann ein Fahrer maximal 21 Punkte erobern.

Da alle Punkte des Rennens addiert werden, kann es theoretisch sein, dass der punktbeste Fahrer des Tages nicht auf dem Podium steht. Er wird aber dadurch entschädigt, dass für die WM-Wertung ebenfalls alle Punkte zusammengezählt werden. Der WM-Stand entspricht den tatsächlich gefahrenen Punkten.

Wer fährt Grand Prix?

Für den Grand Prix qualifizieren sich jeweils die Top-8 aus dem Vorjahr. Hinzu kommen die besten drei Fahrer aus einer langen Reihe von Qualifikationsläufen. Und schließlich werden noch vier Fahrer von BSI gesetzt. So kann verletzten Fahrern geholfen werden. Oder überragenden Piloten, die in der Qualifikation Pech hatten. Oder dafür gesorgt werden, dass mindestens ein Fahrer aus den vier wichtigsten Speedway-Nationen Polen, Schweden, Dänemark und Großbritannien dabei ist.

Bezahlfahrer wie in der Formel 1 oder im Straßenrennsport gibt es im Speedway nicht. Will es ein Pilot in den GP schaffen, muss er mit der Qualifikation ganz unten beginnen, es gibt weltweit nur 64 Quali-Plätze. Deutschland hat für die diesjährige Qualifikation deren vier. Für gewöhnlich bekommen diese Plätze die Top-4 der Deutschen Meisterschaft, falls der Deutsche Motor Sport Bund (DMSB) nicht nach anderen Kriterien entscheidet.

Wird ein Pilot für die WM nominiert, muss er eine Qualifikationsrunde, anschließend das Race-off und letztlich noch den GP-Challenge überstehen. Reicht anfänglich ein achter Platz um weiterzukommen, muss er im Race-off mindestens Fünfter werden, im Challenge mindestens Dritter. Wer Grand Prix fährt, gehört zu einer exklusiven Gesellschaft.

In der 19-jährigen Geschichte hat es nur ein Deutscher als Fixstarter in den Grand Prix geschafft: Martin Smolinski 2014. Die wenigen anderen deutschen Teilnehmer waren jeweils mit Tages-Wildcard dabei. Vor Smolinskis Grand-Prix-Sieg in Neuseeland war Gerd Riss erfolgreichster Mann: Er wurde 1995 im Grand Prix von Abensberg Vierter.

Davor gab es im deutschen Speedway-Sport nur eine Sternstunde: Der unvergessene Egon Müller gewann 1983 im Weltfinale im ostfriesischen Norden den bis heute einzigen deutschen WM-Titel.

Die Technik

Auf den ersten Blick mutet ein Speedway-Motorrad seltsam an, geradezu archaisch. Ist es auch. Eine perfekt auf die Bedürfnisse angepasste Rennmaschine, ohne Schnickschnack oder ein Gramm zu viel daran. Die Motorräder haben luftgekühlte Einzylinder-Viertakt-Motoren mit 500 ccm, vier Ventilen und Vergaser. Sie drehen über 13.500/min, haben ein extrem breites Leistungsband und müssen mit Methanol befeuert werden. Das Motorrad muss mindestens 77 Kilogramm wiegen, es beschleunigt auf Sand in unter 3 sec von 0 auf 100 km/h.

Bis auf eine digitale Zündung ist im Speedway jegliche Elektronik verboten: keine Einspritzung, keine Traktionskontrolle, kein Anti-Wheelie.

Ein Speedway-Motorrad hat keine Bremsen, nur einen Gang, kein Getriebe, nur eine ordentliche Fußraste rechts und es wird ausschließlich links herum gefahren. Gebremst wird über den Driftwinkel, nimmt ein Fahrer das Gas weg, bremst auch der extrem hoch verdichtete Motor.

Speedway-Rennen sind Sprintrennen: Für die vier Runden brauchen die Fahrer selbst auf den längsten Bahnen nur um die 65 sec.

Der Start stellt in jedem Motorrad- oder Autorennen den aufregendsten Moment dar: Im Speedway-GP gibt es diesen gleich 23 Mal an einem Abend.

Die Bahnen

Die längste Bahn im Kalender des Speedway-GP 2014 war jene in Auckland mit 413 Metern. Die kürzeste wird im Millennium Stadium in Cardiff sein, sie misst nur 278 Meter. Einen Grand Prix in Deutschland sahen wir zuletzt 2007 in der Veltins Arena auf Schalke. Derzeit wird daran gearbeitet, den Grand Prix zurück nach Berlin zu bringen, wo bereits 2001 gefahren wurde. Auf Bahnen mit verhältnismäßig zu der Geradenlänge gesehen großen Kurven, ist der Vollgasanteil 90 bis zu 100 Prozent!

Das Arbeitspensum

Keine anderen Racer haben so ein stressiges Leben wie Speedway-Fahrer. Während sich MotoGP- oder Superbike-WM-Piloten auf Starts in ihrer Serie beschränken, und auch Motocross-GP-Piloten nur noch einige Rennen nebenher fahren, sind Speedway-Fahrer im Dauereinsatz. Sie verdienen ihren Lebensunterhalt in erster Linie mit Starts in mehreren europäischen Profiligen, in denen Team gegen Team gefahren wird. Die vier wichtigsten Ligen sind in Polen, Großbritannien, Schweden und Dänemark, es folgen Tschechien und Deutschland. Ein Fahrer kann in der Saison von März bis Oktober leicht auf über 100 Rennen kommen.

Im Fernsehen

Nach drei Jahren Übertragung auf Bezahlsender Sport1+ gibt es derzeit keinen Vertrag für Deutschland, die Fans sind auf Webstreams oder ausländische Satellitenprogramme angewiesen. BSI ist nach dem GP-Sieg von Smolinski jedoch sehr bemüht, dies schnellstmöglich zu ändern.

Wer den Randmünchner in Deutschland live erleben möchte, hat jede Menge Gelegenheiten dazu. «Ich fahre weder in Großbritannien, Polen oder Schweden, ich zeige mich lieber zu Hause meinen Fans und Sponsoren», sagt der derzeitige WM-Dritte. Wann und wo Sie «Magic Martin» sehen können, lesen Sie HIER.

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