Alex Zanardi ist tot: Ein grosses Kämpferherz hat aufgehört zu schlagen
Ein Teil der Motorsportgemeinde weilt derzeit in Miami, und am 2. Mai wird die Sonne von Florida von Wolken getrübt: Denn die traurige Nachricht aus Europa – Alex Zanardi ist von uns gegangen.
Am 2. Mai hat die Familie des Rennfahrers und mehrfachen Paralympics-Siegers Alessandro (Alex) Zanardi bestätigt: Im Alter von 59 Jahren ist der Italiener friedlich eingeschlafen, ein mehrjähriger Kampf gegen schwere Kopfverletzungen, erlitten bei einem Handbike-Unfall 2020, ist zu Ende, ein grosses Kämpferherz hat aufgehört zu schlagen.
Betroffenheit im Fahrerlager des Miami International Autodromes: Die Menschen haben Alex Zanardi nie vergessen, der sich nach einem fürchterlichen IndyCar-Unfall im Jahre 2000 ins Leben zurückkämpfte, ein Vorbild für Behinderte wurde, und dann schlug das Schicksal nochmals gnadenlos zu, mit einem Verkehrsunfall am 19. Juli 2020, bei dem sich Zanardi schwere Kopfverletzungen zuzog.
Wellen der Sympathie
Wo immer Alessandro Zanardi auftauchte, schwappten ihm Wellen von Sympathie und Bewunderung entgegen. Hier in Amerika wird er von den Motorsport-Fans bis heute verehrt, einige seiner Überholmanöver in der IndyCar-Szene sind legendär und werden immer wieder im Fernsehen gezeigt. 1997 und 1998 wurde er für Chip Ganassi Meister, aber es zog ihn zurück in die Formel 1.
Bei Williams kam er 1999 mit den unsäglichen Rillenreifen nicht zurecht, zudem hatten die Briten kein gutes Auto gebaut. Der Mehrjahresvertrag wurde im gegenseitigen Einverständnis Ende 1999 aufgelöst.
Wie der Bologneser nach dem schlimmen IndyCar-Unfall in der Lausitz vom September 2001 sein Schicksal gemeistert hat, ringt allen Respekt ab.
Die Formel-1-Gemeinde weilte damals in Monza und war entsetzt über die Bilder aus Deutschland. Wer diese Aufnahmen sah, musste unweigerlich denken – das kann kein Mensch überleben.
Aber Zanardi überlebte, nicht zuletzt dank des schnellen Eingreifens der IndyCar-Experten, die den Blutverlust entscheidend stoppen konnten. Später war davon die Rede, dass Alex nur noch einen Liter Blut im Körper hatte. Er musste sieben Mal reanimiert werden.
Neues Leben, Vorbild für Behinderte
Zanardi lernte mit dem Verlust seiner Beine zu leben, fuhr wieder Autorennen und wurde Sieger bei den Paralympics – zwei Mal Gold in London 2012 für Einzelzeitfahren und Strassenrennen, Silber mit der Mixed-Teamstaffel, dann 2016 in Rio Gold im Einzelzeitfahren und Silber im Strassenrennen für Liegeräder.
Was mich an Zanardi neben seines unfassbaren Lebenswillens so fasziniert hat: Auch als er mit zwei IndyCar-Titeln 1997 und 1998 zum umjubelten Star geworden war, blieb er bescheiden. Daran hat sich nie etwas geändert.
Vor Jahren twitterte er: «Morgen habe ich einen Termin in Bologna, also habe ich Mamma besucht. Sie sagte: 'Du schläfst doch bei mir, nicht?' Aber ja doch! Was ich dann schön fand – das letzte Mal, als ich regelmässig in diesem Bett schlief, hatte ich das Gesicht eines Teenagers. Wie schnell doch das Leben vergeht!» Dazu zeigte Alex ein entsprechendes Foto an der Wand, das Mutter Zanardi aufgehängt hatte.
Ich habe Alex Zanardi als lebensfreudigen, offenen Menschen kennengelernt, in der Formel 1 unter Wert geschlagen, immer ansprechbar, mit einem feinen Sinn für Humor.
Nach dem IndyCar-Unfall gab es natürlich Phasen der Depression, aber wie sich Alex wieder aufgerappelt hat, das war ein leuchtendes Beispiel für alle Menschen mit Behinderung.
Zanardi hatte die Gabe, über sich selber und auch über seine Behinderung lachen zu können. Ich weiss noch, wie er vor Jahren zu einer grenzwertigen Karikatur Stellung nahm, die in Italien wie ein Lauffeuer herumging und
Gezeigt wurden vier Bilder. Mädchen am Strand (weibliche Beine, Sand, Meer), Bursche am Strand (ähnliches Bild, aber ein Foto mit den behaarten Beinen eines Mannes), Zanardi am Meer (nur Sand und Meer), Bocelli am Strand (Wiese und Himmel).
Danach wurde in Italien kontrovers diskutiert: Darf man das heute noch? Darf man einen Mann ohne Beine und einen Blinden verspotten?
Zanardi meldet sich so zu Wort: «Ein Freund hat mich gefragt – nervt dich dieser Mist im Internet nicht? Aber nein, ich musste doch selber darüber lachen! Ich finde, es schmeichelt mir sogar in einer gewissen Art und Weise, denn der Witz unterstellt ja, dass die Menschen wissen, wer Zanardi ist. Es stört mich höchstens, dass ich auf dem Foto nicht mal einen Liegestuhl unter den Hintern bekommen habe und meine Yacht nicht zu sehen ist, was etwas realistischer wäre.»
Dazu stellt Alex einen lachenden Smiley, denn in Wahrheit gab er auf Statussymbole wie Yachten oder dicke Schlitten nichts.
Grausames Schicksal
Ich fand es immer überaus grausam vom Schicksal, einen Menschen gleich zwei Mal solchen Prüfungen zu unterziehen: Zuerst der Rennunfall in der Lausitz, später der Verkehrsunfall in Italien.
Alex Zanardi, unterwegs mit dem Hand-Bike, war am 19. Juni 2020 bei Pienza auf der SP146 mit einem entgegenkommenden Lastwagen zusammengeprallt, er zog sich dabei lebensgefährliche Kopfverletzungen zu.
Zanardi musste mehrfach operiert werden, sein Leben hing wieder am seidenen Faden, doch er machte gemäss seiner Gehirnspezialistin Federica Alemanno Fortschritte: «Es war ein sehr bewegender Moment für die Familie, als Alex begonnen hat zu reden. Das war unglaublich.»
Alex Zanardis Sportverein Obiettivo 3 führte immer wieder Staffelläufe für Handbike-Fahrer durch. Wieso der Lauf damals unangemeldet und die Strasse daher für den normalen Verkehr offen war, ist nie geklärt worden. Vielleicht hat es damit zu tun, dass Radrennen in Italien wegen der Massnahmen gegen den Coronavirus noch verboten waren.
Drei Mal wurde er im Krankenhaus "Santa Maria alle Scotte" in Siena operiert, danach wurde er in eine Reha-Klinik in der Nähe von Como verlegt. Weil sich sein Zustand dort verschlechterte, wurde er am 24. Juli nach Mailand ins San Raffaele-Krankenhaus auf die Intensivstation gebracht. Professor Pietro Mortini, Leiter der dortigen Neurochirurgie-Abteilung, operierte den früheren GP-Star erneut, weil es zu späten Komplikationen wegen des Schädel-Hirn-Traumas kam, das sich Zanardi zugezogen hatte.
Ein halbes Jahr nach dem Unfall sagte sein Sohn Niccolò Zanardi: «Niemand kann vorhersagen, wozu Papa wieder fähig sein wird. Was ich aber weiss – er spürt, mit welcher Liebe und Kraft wir ihm zur Seite stehen.»
Zanardi ist sich selber immer treu geblieben. Wer mehr über das Leben dieses Felsens von einem Mann erfahren will, dem lege ich sein hervorragendes Buch "Nicht zu bremsen" ans Herz. Es ist im Fachhandel erhältlich.
Alessandro Zanardi wurde von den meisten «Alex» genannt. Aber sein zweiter Vorname sagt für mich alles aus über diesen Menschen, den wir nicht vergessen werden – Leone, Löwe.
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