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Tom Kristensen zu Audi/Hülkenberg/Bortoleto: Glas halb voll oder halb leer?

Der neunfache Le Mans-Sieger und Audi-Markenbotschafter Tom Kristensen spricht im Exklusiv-Interview mit SPEEDWEEK.com über die Zwischenbilanz von Audi, Nico Hülkenberg und Gabriel Bortoleto.

Formel 1

Im Artikel erwähnt



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Der Däne Tom Kristensen hat über seine Rennkarriere hinaus ein scharfes Auge für die Formel 1 behalten, teilweise als Rennkommissar des Autosport-Weltverbands FIA, teilweise als F1-Experte für Viaplay.

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Als Markenbotschafter von Audi, für die er in Le Mans seine grössten Erfolge errungen hat, achtet der 59-Jährige natürlich sehr genau darauf, wie sich die Marke mit den vier Ringen in der Königsklasse schlägt. Im dritten Teil unseres grossen Interviews spricht Kristensen über die Zwischenbilanz des GP-Rennstalls von Audi.

Tom, lass uns von Audi reden: Nach elf GP-Wochenenden WM-Rang 8 mit 12 Punkten, zuletzt drei Mal in der Folge in den Punkten, mit zwei achten Rängen von Gabriel Bortoleto und P9 von Nico Hülkenberg in Ungarn. Ist das Glas bei Audi halb leer oder halb voll? Auf jeden Fall halb voll. Ich finde, Audi macht einen mehr als respektablen Job. Seit Verbesserungen am Spanien-Wochenende sind Bortoleto und Hülkenberg jederzeit in der Lage, in die Top-Ten zu fahren. Für mich gehört Audi zu den Lichtblicken der Saison.

Der WM-Rang widerspiegelt schlecht, wozu Audi in der Lage ist. Sie sind inzwischen oft das fünft- oder sechstbeste Team. Um sich jedoch im Mittelfeld zu behaupten, muss ein Rennstall zwischendurch ein überraschendes Ergebnis erzielen und die Top-Teams ärgern. Klar kann man argumentieren, ein Team habe halt so viele Punkte, wie es eingefahren hat. Aber Fakt ist für mich, dass Audi eine reichere Beute verdient hätte.

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Anderen Rennställen ist zwischendurch diese Überraschung gelungen, und daher liegen sie in der WM derzeit vor Audi. Ich erinnere an den dritten Platz von Alpine in Monaco oder an den starken Saisonstart von Haas, als Oliver Bearman in Australien Siebter wurde und in China sogar Fünfter. Audi hat das Potenzial für bessere Ergebnisse, aber ein solches Highlight ist ihnen nicht gelungen.

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Audi hat 2026 die eigene Antriebseinheit auf die Bahn gebracht, aber viele Fans haben das Team trotzdem weiter vorne erwartet. Unterschätzen die Zuschauer vielleicht den Aufwand? Ja, auf jeden Fall. Eine Antriebseinheit selber zu bauen, das ist eine Herkules-Aufgabe. Ich spüre in der Branche grossen Respekt dafür, wie Audi diese Aufgabe gelöst hat und sich in der ersten Saison schlägt. Sie machen stetig Boden gut, aber unter dem Kostendeckel sind grosse Schritte kaum möglich.

Vor dem Hintergrund beschränkter Entwicklungsmöglichkeiten ist es ganz wichtig, auf einem hohen Niveau zu starten und dann das Beste aus der Lage zu machen. Seit einem Evo-Paket in Spanien ist bei Audi ein markanter Schritt nach vorne zu sehen, und nun sind sie vom Speed her in der Lage, mit beiden Fahrzeugen zu punkten. Genau dies muss das Ziel sein für die zweite Saisonhälfte.

Deine Einschätzung von Gabriel Bortoleto in der zweiten Saison? Ich finde es sehr gut, wie er sich entwickelt, und es war sehr klug von Audi, diesen vielversprechenden jungen Brasilianer unter Vertrag zu nehmen. Wer als Rookie Formel-3-Meister und dann gleich Formel-2-Champion wird, der hat einfach das besondere Extra. Wir haben das zuvor bei Fahrern wie Charles Leclerc, George Russell und Oscar Piastri erlebt.

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Kimi Antonelli hat Gabriel ein wenig überflügelt mit seiner tollen Saison 2026, aber ich könnte mir gut vorstellen, dass sie die beiden in einigen Jahren in einem Titelduell befinden. Ich wittere in Bortoleto einen kommenden GP-Sieger und Titeljäger. Er hat dazu die Fähigkeiten und auch die richtige Einstellung.

Was auch wichtig ist: Die Zusammenarbeit zwischen Bortoleto und Hülkenberg ist hervorragend. Die Fortschritte bei Audi gehen auch darauf zurück, wie Gabriel und Nico harmonieren und am gleichen Strick ziehen.

Die beiden senden auf der gleichen Wellenlänge. Ich bin nicht in den Nachbesprechungen von Trainings und Rennen, aber was ich mitbekomme, das ist – hier sind zwei Piloten an der Arbeit, die sich mögen, die grossen gegenseitigen Respekt empfinden, die sich gleichzeitig aber auch anstacheln.

Nico Hülkenberg ist bis zum Ungarn-GP ohne Punkte geblieben. Wie konnte das sein? Ach, Nico hatte so oft Pech. Das habe ich vorhin gemeint, als ich sagte, dass Audi reichere Beute verdient hätte. Ich bin froh, dass es in Ungarn endlich geklappt hat mit Punkten, und ich bin überzeugt davon – da kommt nach der Sommerpause mehr.

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Die beiden lernen ständig voneinander. Gabriel kann sich vom erfahrenen Nico einige Tricks abschauen, aber ein erfahrener Pilot, das kenne ich von mir selber, lernt immer auch etwas von einem jungen Fahrer. Lernen ist keine Einbahnstrasse.

So oft haben wir es erlebt, dass Fahrer gewisse Dinge für sich behalten, weil sie darauf bedacht sind, den eigenen Vorteil zu schützen. Das ist für ein Team nicht gut. Zwischen Hülkenberg und Bortoleto herrscht Offenheit.

Wenn es menschlich funktioniert zwischen zwei Formel-1-Piloten und beide begreifen, wie wichtig es ist, in Gemeinsamkeit ein Auto zu verbessern, dann geht es für einen Rennstall nach vorne.


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