Jeremy Seewer: «Reset, aber ich werde definitiv noch nicht aufhören»
Nach seiner Trennung vom Ducati-Werksteam erklärt Jeremy Seewer die Hintergründe und seine Perspektiven. Der konstanteste Fahrer der Geschichte legt eine Pause ein, doch er wird zurückkehren.
Die spektakuläre Trennung zwischen Jeremy Seewer und dem Ducati-Werksteam beendete eine Rekordserie von 229 Grands Prix in Folge, die den Schweizer zum konstantesten Fahrer der Geschichte machten.
Die vor dem Deutschland-Grand-Prix bekanntgegebene Trennung zwischen Jeremy Seewer und Ducati ist für die italienische Traditionsmarke ein Supergau und wirft weiterhin mehr Fragen als Antworten auf. Auch wenn beide Seiten den Ball flach halten und betonen, dass die Trennung einvernehmlich und ohne Groll abgelaufen sei, richtet sie gewaltigen Schaden an. Jeremy Seewer ist nicht nur der konstanteste Fahrer überhaupt, sondern er war als fünffacher Vizeweltmeister jahrelang 'Best of the rest' hinter großen Namen wie Tim Gajser (2022), Romain Febvre (2023) und Jeffrey Herlings (2024). 2025 holte der Schweizer in Frauenfeld und Ernée die ersten WM-Podien für Ducati und beendete die Saison auf Gesamtrang 10 als bester Ducati-Pilot.
Jeremy fehlte erstmals nach 229 Grands Prix in Folge
Jeremy Seewer ist in seiner langen WM-Karriere über 12 Jahre hinweg noch nie komplett ausgefallen. Der Schweizer war bei 229 Grands Prix ohne Unterbrechung am Start und ist damit mit Abstand der konstanteste Fahrer in der Geschichte des Sports. Der Grand Prix of Germany im Talkessel war das erste WM-Wochenende seit über einem Jahrzehnt, an dem Jeremy nicht am Start stand.
Ducati und der Teamwechsel
2025 stieg Ducati mit dem Team Madii Racing in die MXGP ein. 2026 kam dann der große Wechsel vom eher familiär geführten Madii-Team zu einem der professionellsten und aufwändigsten Teamstrukturen im Grand-Prix-Paddock, dem Team von Louis Vosters. 2026 gingen mit Jeremy Seewer, Calvin Vlaanderen und Andrea Bonacorsi gleich 3 Werksfahrer an den Start. Der Erfolg blieb aus.
Jeremy Seewer: Das Fahren nicht verlernt
Klar ist: Ein fünffacher Vizeweltmeister (2019, 2020 und 2022 in der MXGP und 2016/17 in der MX2) verliert nicht binnen weniger Monate seine Konkurrenzfähigkeit. Es liegt auf der Hand, dass die entstandenen Probleme mit dem Bike und/oder dem Team zu tun hatten.
Suzuki, Yamaha, Kawasaki, Ducati, und nun?
Jeremy Seewer begann seine Karriere auf Suzuki. «Damit kam ich von Anfang an klar», erinnert sich der Bülacher. «Das Bike war wie für mich zugeschnitten. Wir haben im ganzen Jahr vielleicht zweimal getestet und ich fühlte mich gut. Ich musste fast nichts am Motorrad ändern.» 2017 wurde Seewer in der MX2 zum zweiten Mal Vizeweltmeister, doch Ende 2017 verabschiedete sich Suzuki plötzlich und völlig unerwartet aus der Motocross-WM. Seewer musste wegen des Alterslimits von 23 Jahren in die MXGP aufsteigen und fand einen Ride im Team Wilvo Yamaha von Louis Vosters und wurde 2018 in seinem Rookie-Jahr Achter. 2019 erfolgte der Wechsel ins Yamaha-Werksteam, mit dem er 2019, 2020 und 2023 Vizeweltmeister wurde.
Über die Anfänge mit Yamaha
«Der Anfang mit Yamaha war eine komplett andere Story», erklärt Seewer. «Wir haben das ganze Jahr hinweg nur getestet. Dabei habe ich natürlich viel gelernt und es hat mir gezeigt, was ich am Motorrad brauche und was nicht. Im ersten Jahr war es eine Standard-Yamaha und ich hatte viele Probleme damit. Ich habe das ganze Jahr nicht gefunden, was ich brauchte. Die Saison war kein komplettes Desaster, aber ich hatte immer das Gefühl, dass ich besser wäre, wenn ich mich komfortabler gefühlt hätte. Nach dem Wechsel ins Werksteam von Rinaldi begann die Testarbeit und letztendlich haben sie die Yamaha für mich gebaut. Es hat 2 oder 3 Monate gedauert, dann haben sie das Bike auf den Kopf gestellt und es für mich optimiert. Danach hatte ich viele Podien und wurde am Ende WM-Zweiter. Ein größerer Fahrer kann Setup-Probleme leichter beherrschen als ein kleiner Fahrer wie ich, besonders mit der 450er. Das Heck darf nicht ausbrechen, sonst wirst du als kleiner Fahrer zum Passagier.»
Welche Bikes wird Jeremy nach der Trennung von Ducati testen?
«Ich werde einige Bikes testen, ob sie zu mir passen oder nicht. Ich werde nicht das erstbeste Angebot annehmen, nur um wieder am Start zu stehen. Ich werde mit einem Bike zurückkehren, auf dem ich mich komfortabel fühle. Also lasse ich es auf mich zukommen. Im Moment werde ich ein wenig probieren und herausfinden, was für mich passt. Ich würde gerne 3 Bikes ausprobieren: Zuallererst die Yamaha, weil ich meine MXGP-Erfolge damit hatte. Ich kenne dieses Bike gut. Dann würde ich gerne eine KTM ausprobieren. Von außen betrachtet wirkt dieses Bike wirklich sehr gut. Auch wenn man Fahrer wie Tomac und Prado beobachtet, sieht das alles sehr gut aus. Prado hatte ähnliche Probleme mit der Kawasaki wie ich und nun kehrt er zu KTM zurück und wirkt wie ausgewechselt. Er ist auch ein kleiner Fahrer. Aber der aufregendste Test wäre die Gelbe. Ich bin mit Suzuki aufgewachsen und Kenny hat die Meisterschaften gewonnen. Mein Plan war es, 2018 mit Suzuki in die MXGP aufzusteigen. Ende 2017 fuhr ich beim Motocross der Nationen zum ersten Mal die RM-Z450 und bis heute gab mir dieses Motorrad das beste Gefühl auf einer 450er, das ich jemals hatte. Das war Ende 2017. Das Bike ist bis heute unverändert. Ich bin gespannt, wie sich das für mich heute anfühlt. Dieses Bike hat von Anfang an perfekt gepasst. Mein Mechaniker wollte das Fahrwerk ändern, aber ich sagte nein, lass es wie es ist. Ich weiß nicht, was man verbessern soll. Ich bin schnell und ich fühle mich wohl damit. Dann habe ich im ersten Lauf gegen die versammelte Elite mit Jeffrey und Romain den Holeshot gezogen. Das Bike hat von Anfang an funktioniert und mit der Yamaha habe ich viel Zeit gebraucht, um mich wohlzufühlen.»
Keine versteckten Vertragsklauseln
Verträge zwischen Teams und Fahrern sind oft so gestaltet, dass selbst das Testen eines Fremdmodells untersagt ist. So konnten zum Beispiel weder Jeffrey Herlings noch Tim Gajser vor Ablauf der Jahresfrist auf ihren neuen Motorrädern testen. Wie ist die Lage bei Jeremy? «Ich bin diesbezüglich frei», erklärt Seewer. «Ich könnte mir morgen ein beliebiges Bike kaufen und sofort loslegen.»
Vergleiche mit Ken Roczen
Werksfahrer stecken oft in einem engen Korsett von unternehmensstrategischen Vorgaben. Unter diesem Problem litt auch Ken Roczen während seiner HRC-Zeit. Erst nachdem sich Ken Roczen von den starren Factory-Strukturen löste, ging es deutlich erkennbar aufwärts und die Geschichte endete mit seinem Sensationserfolg in diesem Jahr, wohlgemerkt auf einem Motorrad, das seit 8 Jahren nicht mehr weiterentwickelt, aber von seinem Team für ihn perfektioniert und immer wieder optimiert wurde. Dabei spielte es keine Rolle, von welchem Hersteller Kupplung, Gabel, Auspuff oder Dämpfer kamen. Es wurde verwendet, was funktionierte.
Motocross ist nicht Moto GP
Im Podcast mit Vital MX erklärt Seewer, dass sich das Motocross-Projekt sehr stark auf die Auswertung des Data-Recordings konzentriert. «Im Motocross spielt aber der Fahrer immer noch die entscheidende Rolle. Man muss das Bike um den Fahrer herum bauen und nicht um die Daten.»
«Man muss das Bike um den Fahrer herum bauen und nicht um die Daten.»Jeremy Seewer
«Ich bin ein Perfektionist. Nur so war es möglich 5 mal Vizeweltmeister zu werden. Ich weiß genau, was ich brauche und dafür kämpfe ich auch. Das bedeutet aber nicht, dass ich die Schuld woanders suche, aber wenn du nicht dafür einstehst und kämpfst, was du brauchst, wirst du es auch niemals bekommen. Ich wiege 68 kg. Um bei diesem Gewicht eine 450er mit 110 kg zu bewegen, muss alles funktionieren, andernfalls bringt dich das Ding um.»
Gerüchte über einen Wechsel in die USA
«Ich hätte mir heute ein Ticket in die USA buchen können und dort starten können, aber so etwas tue ich nicht. Wie gesagt, ich bin ein Perfektionist und wenn ich so etwas mache, dann bereite ich mich entsprechend vor. Als ich Kenny zu seinem Erfolg in Salt Lake City gratulierte, meinte er, dass ich rüberkommen solle, denn sein Bike wäre frei für mich. Aber das war eher ein Witz, das war nicht wirklich ernst gemeint. Natürlich wäre es cool und ich bin auch nicht abgeneigt, aber ich denke, ich habe in der MXGP noch einige Dinge zu klären. Seit Beginn meiner Karriere vor 12 Jahren war ich immer und ohne Unterbrechung auf 100 Prozent. Ich werde jetzt die Zeit nutzen, um meine Batterien wieder frisch aufzuladen und stärker zurückzukehren. Mein Plan ist es jetzt, wieder zurückzukommen, und zwar in die MXGP. Ich habe keine Eile, ich weiß, was ich kann und ich fühle mich gut.»
Ich habe in der MXGP noch einige Dinge zu klären.Jeremy Seewer
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